Wie denn? Wo denn? Was denn?

von Bernd-Alois Tenhagen

aus Veto 48 – 2000, S. 14-18

In die Weiterbildungsdiskussion ist Bewegung gekommen. Das tradierte System von FachtierärztInnen und Zusatzbezeichnungen wird von vielen nicht mehr für adäquat gehalten. Dafür gibt es gute Gründe. Der folgende Artikel soll zum einen diese Gründe beleuchten, soll andererseits aber auch mögliche Entwicklungswege grundsätzlich aufzeigen, die dann in anderen Beiträgen ausführlicher erörtert werden.

Das zentrale und meistverwandte Stichwort in der Weiterbildungsdiskussion ist das der “Qualität”. Die Frage ist, Qualität in Bezug auf was und wer definiert die Qualität. Die Diskussionsstränge sind geprägt von handfesten Interessen, die sich zum Teil widersprechen. Sonst wäre das ja alles ganz einfach. Nach dem derzeitigen System gibt es zwei Möglichkeiten, eine besondere Qualifikation über den Abschluß des tiermedizinischen Studiums hinaus nach außen hin geltend zu machen. Den Erwerb des Fachtierarztes bzw. der Fachtierärztin und den Erwerb von Zusatzbezeichnungen. Ins Grobe gesprochen sind FachtierärztInnen für die klassischen veterinärmedizinischen Disziplinen vorgesehen, Zusatzbezeichnungen für Spezialbereiche, die aufgrund ihrer Struktur nur schwerlich die Konstruktion eines Fachtierarztes zulassen (alternative Heilmethoden) oder aber hochspezialisierte Teilbereiche betreffen (Ophthalmologie, Zahnheilkunde etc.). Der Erwerb dieser Bezeichnungen ist an Bedingungen geknüpft. Diese bestehen in der Regel im Nachweis von Tätigkeit auf dem Gebiet, Fortbildung und im Rahmen einer durch die zuständige Tierärztekammer abzunehmenden Prüfung von Kenntnissen und zum Teil Fähigkeiten. Die Bedingungen werden im Rahmen des föderativen Systems von allen Kammern für ihren jeweiligen Kammerbereich definiert und divergieren zum Teil. In der Regel werden die einmal erworbenen Titel jedoch von den anderen Kammern anerkannt.

Soweit so gut. Warum nun soll dieses bewährte System plötzlich nicht mehr taugen und erneuerungsbedürftig sein. Im Wesentlichen werden in der Diskussion drei Zielrichtungen verfolgt: 1. Verbesserung der Qualität der Weiterbildung (diesmal konkret), 2. Kollegialer Wettbewerb, 3. Sicherung von Berufsfeldern

1. Verbesserung der Qualität der Weiterbildung

Besser werden wollen wir natürlich alle. Aber es geht hier weniger um das hehre Ziel, Gutes zu tun, als darum, Ansprüchen von außen gerecht zu werden. Verfolgt wird einerseits das Ziel, dem deutschen Fachtierarzt (mehr) internationale Anerkennung zu verschaffen. Mit dem System der European Veterinary Colleges und der Diplomates baut sich für die Fachtierärzte nämlich eine internationale Konkurrenz auf, der gegenüber es sich zu verhalten gilt. Es besteht einhellig die Auffassung, daß diese Einrichtungen die Latte erheblich höher legen, als sie für den Fachtierarzt gelegt wird, mithin diesen künftig zum Experten zweiter Klasse werden lassen könnten. Dem zu begegnen soll nun gezielt die Qualität der Weiterbildung und damit auch das Niveau des Titels erhöht werden. Wie genau das zu bewerkstelligen sein soll, darüber besteht weitgehende Uneinigkeit. Über einige Ansätze wird in dieser VETO an anderer Stelle berichtet.

Der zweite Grund zur Qualitätssteigerung besteht in steigenden Kundenansprüchen. Dies gilt in den klinischen Disziplinen sowohl im Kleintier- und Pferdebereich, als auch durchaus im Nutztierbereich, wo die Qualifikation der Tierhalter in ihrem Beruf rasant steigt und auch das Maß des Möglichen und Nötigen. Schließlich ist es aber auch der generell rasante Zuwachs und die sinkende Halbwertszeit des Wissens (Martens 1999). Auch wenn ein erheblicher Anteil der Wissensmenge vorwiegend von akademischem Interesse ist, macht der Rest immer noch eine ständige und verbesserte Fort- und Weiterbildung erforderlich. Daß das erhebliche Konsequenzen für die Struktur der Weiterbildung hat, dazu später mehr.

2. Kollegialer Wettbewerb

Der entscheidende Unterschied zwischen Fort- und Weiterbildung ist, daß letztere auf dem Praxisschild und der Visitenkarte dokumentiert ist. Mithin werden durch den Erwerb einer Fachtierärztin Erwartungen bei Kunden und Kolleginnen geweckt, denen der Weitergebildete in irgendeiner Form entsprechen muß. Gepaart mit der Zunahme des Wissens, der Möglichkeiten und auch der Spezialisierung, wird es vielen Weitergebildeten kaum gelingen, diesem Anspruch ohne größeren Aufwand auf die Dauer gerecht zu werden. Die Frage an die Modernisierung der Weiterbildung lautet also: Wie kann ich gewährleisten, daß sich hinter dem Praxisschild der Fachtierärztin tatsächlich eine entsprechende Kompetenz verbirgt? Diese Frage beinhaltet eigentlich 3 Fragen: Ist das Gebiet überhaupt in einem Fachtierarzt zu vereinen? Wie kann ich beim Erwerb der Fachtierärztin sicherstellen, daß dieses Gebiet auch wirklich abgedeckt wird? und schließlich: Wie kann ich sicherstellen, daß die betreffende Person die Anforderungen, die an die FTÄ gestellt werden, auch fürderhin erfüllt? Die Problematik des kollegialen Wettbewerbs gilt in erster Linie für den Bereich der tierärztlichen Praxis. Die damit verbundenen Fragen gelten aber auch für die anderen tierärztlichen Betätigungsfelder. Ein weiterer Aspekt des kollegialen Wettbewerbs ist aber auch, daß der Spezialisierungsgrad wiederum nicht so hoch sein darf, daß es für die Qualifizierte keinen Markt gibt (etwa Fachtierärztin für Angiopathien der Kaninchenzehe). Daß diese Anforderung der vorherigen diametral entgegensteht, macht einen nicht unwesentlichen Anteil der Debatte aus.

Sicherung von Berufsfeldern

Hier liegt die Problemstellung ganz anders. Natürlich handelt es sich auch wieder um Fragen der Weiterbildungsqualität, allerdings geht es hier nicht darum, sich die Qualität gegenseitig zu beweisen, sondern sie gegenüber Dritten herauszustellen. Ein typisches Beispiel ist das Arbeitsgebiet Qualitäts- und Hygienekontrollen im Lebensmittelbereich. Hier sind Tierärztinnen in hohem Maße der Konkurrenz anderer Ausbildungsgänge ausgesetzt (z.B. Lebensmittelchemiker und -technologen, ggf. auch Ökotrophologen). Das heißt, es geht hier darum, die Struktur der Weiterbildung so zu gestalten, daß sie neben dem hohen Qualifikationsstand auch noch die Wettbewerbsfähigkeit der Tierärztin in diesem Bereich garantiert. Hier können die Bezeichnung des Qualifikationsgrades und die Dauer des Weiterbildungsganges spielentscheidend sein, da von Bewerbern zum einen sehr spezielle Qualifikationen erwartet werden, andererseits aber auch jugendliche Frische.

Weiterbildungsgänge, deren zeitliches Ausmaß die Bewerberin an den Rand des Mindesthaltbarkeitsdatums führen, mögen eine optimale Qualifikation gewährleisten, allerdings ist die Milch sauer, bevor sie beim Kunden (Arbeitgeber) ankommt (geschlossene Kühlketten hin oder her). Die Anforderung an die Neugestaltung der Weiterbildung auf diesen Berufsfeldern lautet also: hohe und spezielle Qualifikation und zwar ein bißchen plötzlich. Gut Ding darf nicht zu viel Weile haben.

Wir sehen also, der Gründe, das Weiterbildungssystem zu novellieren, sind genügend. Wie aber soll das gehen? Ich möchte mich im Folgenden drei Fragen nähern:

  1. Wie sind hoher Spezialisierungsgrad und ausreichend breite Qualifikation zu verbinden?
  2. Wie läßt sich das Niveau der Weiterbildung im Rahmen des Weiterbildungsganges anheben (ohne daß das Pensum nicht mehr zu schaffen ist)?
  3. Wie läßt sich die mit dem Titel erworbene Qualifikation in Zeiten sich entwickelnden Wissens aufrechterhalten?

Zu 1.: Spezialisierungsgrad und Qualifikation

Abbildung 1: Modell eines modularen Aufbaus der Weiterbildung am Beispiel der Fachtierärztin für Kleintiere (Pfeile geben die Richtung des Weiterbildungsganges an).

Die Antwort auf die erste Frage lautet gemeinhin: Modularer Aufbau. Was heißt das? Einfach gesprochen: Die Weiterbildung besteht aus einzelnen Teilstücken, bei deren Kombination sich der eine oder andere Fachtierarzt ergibt. Dieses Modell soll Abbildung 1 veranschaulichen. Ich habe hier das Beispiel des Fachtierarztes für Kleintiere gewählt, weil sich darunter einerseits jeder was vorstellen kann, andererseits ich mit dem Arbeitsgebiet nur wenig Berührungspunkte habe.

So plausibel das Modell zunächst mal aussieht, so sehr steckt der Teufel im Detail. In Abbildung 1 suggeriert der modulare Aufbau, daß der Fachtierarzt für Kleintiere 3 Teilgebiete umfaßt, die unterhalb der Fachtierarztebene angesiedelt sind. Nach herkömmlichen Prinzipien der Baustatik muß also die FTÄ alle drei Teilgebiete abdecken. Das ist nichts Neues. Der Streit entzündet sich an der Frage, ob die Teilgebiete einzeln als Zwischenstufen erworben werden können und schon zum Erwerb einer Qualifikationsbezeichnung führen. Hier setzt gemeinhin ein Sturm der Entrüstung ein. Wie soll das denn gehen? Wie soll so etwas denn möglich sein. Wie soll denn jemand Fachtierärztin für Kleintiere, Teilgebiet Chirurgie sein. Das geht nicht! Und warum nicht? Weil die doch auch was von innerer Medizin verstehen muß! Muß sie das? Sie gibt mit dem Erwerb der Teilgebietsbezeichnung ja nicht die Approbation als Tierärztin ab. Sie wird nur früher in die Lage versetzt, eine Qualifikation, der sie tatsächlich entspricht, auch nach außen hin zu dokumentieren. Vielleicht möchte sie ja eine chirurgische Überweisungspraxis machen, wo sie tatsächlich vorwiegend operiert. Einen Hund mit Diabetes würde sie halt ihrer Studienkollegin überweisen, die das Teilgebiet Innere erworben hat. Die Tatsache, daß sie FTÄ für Chirurgie der Kleintiere ist, entbindet sie keineswegs von der Pflicht, ihr diagnostisches Handwerk zu beherrschen und Fälle, die ihre individuellen Möglichkeiten übersteigen, zu überweisen. Von einer Fachtierärztin ist mehr zu erwarten als “good clinical practice”. Letztere sollte selbstverständlich sein. Vielleicht tun sich die beiden auch zusammen, legen beide noch einen drauf und machen schließlich doch auch die Fachtierärztin für Kleintiere.

Mir scheint dieses Szenario – bei allen Tücken, die es im Detail möglicherweise gibt, nicht abwegig. Die Spezialistin wäre dann jemand, die am Beispiel der Osteosynthese zumindest das Teilgebiet Chirurgie der Kleintiere beherrscht und sich innerhalb dieses Gebietes dann auch noch auf Probleme der Osteosynthese spezialisiert hat. Der Mainstream der Diskussion läuft derzeit andersherum (Abbildung 2).

Abbildung 2. Modell eines modularen Aufbaus für die Fachtierärztin für Kleintiere (Mainstream-Diskussion,Weiterbildung in Pfeilrichtung).

Hier wird die FTÄ für Kleintiere zur Grundlage weiterer Spezialisierung. Nach dem Motto: Die soll das Kleintiermetier erstmal richtig beherrschen, dann kann sie weitersehen. Auch diesem Modell geht nicht eine gewisse Logik ab. Sie entspricht in etwa der Logik des Untersuchungsganges. Wir machen zunächst mal eine Allgemeinuntersuchung und kommen dann zur speziellen Untersuchung. Nach meiner Einschätzung sollte die Allgemeinuntersuchung aber von jeder niedergelassenen Tierärztin zumindest soweit beherrscht werden, daß sie entscheiden kann, ob das Tier nun ein gebrochenes Bein oder aber eine Herzinsuffizienz hat. Will meinen: Die Fachtierärztin ist nicht Voraussetzung einer Grundqualifikation. Diese soll prinzipiell mit dem Staatsexamen und in der darauf folgenden Assistenzzeit erworben werden. Die FTÄ soll Ausdruck einer wirklich besonderen Qualifikation sein (Stichwort Niveauanhebung). Wenn sie meint, mit dem alleinigen Teilgebiet Chirurgie der Kleintiere am Markt bestehen zu können, soll ihr das möglich sein. Sie soll aber auch die Möglichkeit haben, nach einem entsprechend längeren Weiterbildungsgang den kompletten FTÄ für Kleintiere zu erwerben. Schließlich kann sie aber auch mit oder ohne der kompletten FTÄ Spezialistin für Osteosynthese werden (Voraussetzung TG Chirurgie der Kleintiere) oder Spezialistin für Kardiologie (Voraussetzung TG Innere Medizin der Kleintiere).

In anderen Gebieten läßt sich der in Abbildung 1 dargestellte Aufbau noch besser illustrieren. Beispiel Lebensmittelbereich: Derzeit umfaßt der Bereich die Gebiete Lebensmittelhygiene, Fleischhygiene + Schlachthofwesen und Milchhygiene. Ein großer FTA für LM-Hygiene müßte alle drei Gebiete beherrschen. Die Arbeitsrealität sieht aber meist anders aus. Die Leute sind in einem dieser Bereiche tätig. Selbstredend sind die Bereiche miteinander verwandt. Würde man aber den FTA für LM-Hygiene als Basis der Teilgebiete nehmen, würde das einen entsprechend langen Weiterbildungsgang voraussetzen. Mit der Folge, daß die Kandidatin bei Erwerb des Titels das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat und eine jüngere Lebensmitteltechnologin den Job macht. Hier ist ein kurzer spezialisierter Weiterbildungsgang Voraussetzung für eine sinnvolle Qualifikation. Wiederum soll dies nicht ausschließen, daß diese Person mehrere Teilgebiete erwirbt und damit zur Leiterin einer Untersuchungsstelle avanciert. Ihren Einstieg muß sie heute aber früh finden, sonst ist der Zug abgefahren.

Die Weiterbildung zur Fachtierärztin geht durch das Nadelöhr der Weiterbildungsstätten. Wer Fachtierärztin werden will, kann das nicht überall werden, sondern nur innerhalb der Universitätseinrichtungen und in sogenannten Weiterbildungsstätten, die meist von einer Weiterbildungsberechtigten geleitet werden. Die Anzahl (bezahlter) Arbeitsplätze auf diesem Markt ist gering. Die derzeit geübte Praxis unbezahlter Tätigkeit zum Zwecke der Weiterbildung (Stichwort Anerkennung von Hospitanzzeiten als Weiterbildungszeiten) ist als sittenwidrig und Förderung asozialen Verhaltens abzulehnen. Der Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs ist aber durchaus hoch. Es bieten sich spontan zwei Wege an:

  1. Die Latte für die Anerkennung als Weiterbildungsstätte wird niedriger gelegt, oder die Zeitdauer des Aufenthalts in dieser Stätte vermindert.
  2. Es werden andere Qualifikationsebenen eingezogen, die auch unterhalb der FTÄ eine zusätzliche Qualifikation dokumentieren.

Das erstere kriegen wir später. Die Qualifikation unterhalb der FTA-Ebene könnte beispielsweise ein erweiterter Pool von Zusatzbezeichnungen sein. Deren Erwerb ist zwar an eine fachliche Qualifikation und den Nachweis von Tätigkeit und Fortbildung geknüpft, nicht aber an eine Weiterbildungsstätte. Bisher ist dieser Schritt nur für mehr oder weniger kleine Randgebiete der Tiermedizin vorgesehen. Mit der Zusatzbezeichnung “Hygieneberatung im Lebensmittelbereich” ist jedoch zumindest in Berlin ein erstes Kernfach mit einer Zusatzqualifikation im Herzen seines Arbeitsgebietes ausgestattet. Die von der BTK (Bundestierärztekammer) jetzt vorgelegte Musterweiterbildungsordnung für die Zusatzbezeichnung Bestandsbetreuung Schwein ist ein weiteres Beispiel und wird kaum das letzte bleiben.

Diese Zusatzbezeichnungen sollen nicht die FTÄ ersetzen, sie sollen aber auch nicht mit der Gießkanne über die Kolleginnen verteilt werden. Ihr Ziel ist es, PraktikerInnen des Berufs (nicht nur praktischen TÄ) die Möglichkeit zu geben, besondere Qualifikationen zu erwerben, ohne durch das Nadelöhr der Weiterbildungsstätten zu müssen. Der breitere Zugang zu solchen Qualifikationen hat auch einen sozialen Aspekt, da die Leute nicht gezwungen sind,
ihren Broterwerb aufzugeben, um sich außenwirksam zu qualifizieren. Im Lebensmittelbereich geht es dabei auch darum, schnell eine spezielle Qualifikation zu erwerben und nach außen auch demonstrieren zu dürfen, ohne erst den mühseligen Gang durch die FTÄ-Weiterbildung zu machen. Natürlich sind diese Personen dann auch keine FTÄ.

Zu 2.: Anhebung des Niveaus

Dieses Thema ist immer etwas heikel, suggeriert es doch, das derzeitige Niveau sei eher flach. Dessen ungeachtet muß dem Problem des Wissenszuwachses begegnet werden. Für die Allgemeinpraxis bieten sich Zertifizierungssysteme an. Wie läßt sich das Niveau der FTÄ anheben? Schärfere Prüfungen sind ein üblicher Reflex auf diese Problemstellung. Sie setzen aber eine entsprechende Qualifikation der Prüferinnen voraus. Die weitere Aufteilung von Fachgebieten in Teilgebiete hatte ich oben ja schon erläutert. Das Gebiet ist weniger breit, kann dafür aber vertieft werden. Auch dieses System stößt aber an seine Grenzen, weil es irgendwann zu einer Überspezialisierung bei zu geringer Breite führt (vgl. Miniparzellen bei Erbteilung von landwirtschaftlichen Betrieben).

In der DDR wurde versucht, das Niveau durch die Einführung eines Kurssystems zu verbessern oder aufrechtzuerhalten. Die sich Weiterbildenden mußten einfach noch mal eine Zeit an die Uni zurück. Klingt plausibel. Ist aber aus verschiedenen Gründen nicht unproblematisch: Das Ausmaß an Kompetenz, das an einer Uni versammelt ist, ist begrenzt. Der Karriereweg zum Hochschullehrer setzt eine enorme Spezialisierung voraus und bei der Fülle der Spezialisierungen kommt es zwangsläufig dazu, daß diese nicht alle an einer Uni vertreten sind. Vielleicht sind sie sogar an keiner Uni vertreten. Ersteres Problem läßt sich noch über gemeinsame Veranstaltungen der 5 Fakultäten regeln. Für den Rinderbereich ist so etwas von der Fachgruppe der DVG wohl schon angedacht. Auch in anderen Bereichen gibt es zumindest Gedankenspiele.

Das zweite Problem ließe sich durch die Einbeziehung von externen Spezialisten und nicht zuletzt der sich Weiterbildenden selbst einigermaßen lösen. Das wirbelt natürlich die gute alte Kompetenzhierarchie etwas durcheinander, aber das tut den meisten wahrscheinlich ganz gut. Problematisch erscheint derzeit vor allem die Frage, wann die Hochschulen das machen sollen. Wer jetzt den faulen breitgesessenen Beamtenarsch besingt, sichert sich zwar kurzfristig Beifall, trägt aber kaum zur Lösung des Problems bei.

Selbst guten Willen seitens der Universitäten vorausgesetzt gibt es ein kleines rechtliches Problem. Als ausgesprochen zugangsbeschränktes Fach unterliegt die Tiermedizin den Regelungen der Kapazitätsverordnung (KapVO). Und die sehen vor, daß die Universitäten in erster Linie für die Ausbildung der StudentInnen da sind. Hier können also nicht einfach Ressourcen abgezweigt werden, um die Weiterbildung zu gewährleisten, weil dann natürlich, nicht ohne eine gewisse Logik, eingewandt wird, daß die Fachbereiche offenkundig noch freie Valenzen haben, die sie ja auch der Ausbildung der StudentInnen widmen könnten. Mit anderen Worten: Die Weiterbildung ist nicht kapazitätswirksam und darf eigentlich auch keine Kapazitäten binden, es sei denn … Es sei denn, sie wird als Studiengang eingeführt, etwa wie der neue PhD (Philosophical Doctor (sic!))-Studiengang in Hannover. Ein solcher Studiengang entspricht aber kaum den Anforderungen eines Weiterbildungsganges. Hier gibt es also bei allem guten Willen ein Problem. Selbstverständlich könnte das Kurssystem auch vorwiegend von der ATF (Akademie für tierärztliche Fortbildung) getragen sein und die Hochschulen nur eingebunden werden. Das würde die Kurse für die Universitäten in eine Grauzone verschieben. Sie wären nicht mehr Veranstalter, die Frage der rechtlichen Kapazitätswirksamkeit ließe sich möglicherweise umschiffen, nicht aber die der faktischen Wirksamkeit hinsichtlich Ressourcenverbrauch.
Beurteilen läßt sich das alles wohl erst, nachdem es mal probiert worden ist. Es hat durchaus schon Weiterbildungskurse in den Unis gegeben (v.a. im Lebensmittelbereich). Diese bedeuten aber eine außerordentliche Belastung des Apparates der Institute. Andererseits bringen sie für die Institute aber einen Zugewinn, jedenfalls dann, wenn sie auch hochschulfremde Spezialistinnen mit einbinden (inhaltlicher Zugewinn) und kostendeckend durchgeführt werden. Ich möchte an dieser Stelle für ein dezidiertes “Schaumermal” plädieren. Wenn es nicht geht, müssen wir halt weitersehen. (Stand der Diskussion: Fakultätentag dafür, möchte aber Kapazitätswirksamkeit. Das geht nach Angaben der HRK/Hochschulrektorenkonferenz nicht. Bundestierärztekammer dafür. Detailfragen ungeklärt)

Zu 3.: Aufrechterhaltung des Weiterbildungsstandes

Diese Frage wird in den bisherigen Weiterbildungsregelungen ausgeklammert. Einmal Fachtierärztin immer Fachtierärztin. Daß dies natürlich in Zeiten des Wissenswandels keine zeitgemäße Regelung ist, liegt auf der Hand. Wie also kann der Erhalt der Qualifikation gesichert werden? Auch hier fällt einem wieder spontan die Regelung der Frage über das Prüfungssystem ein. Ob das allerdings wirklich sinnvoll ist, erscheint fraglich, führt es doch nur dazu, daß die FTÄ alle 5 Jahre eine Büffelphase durchleben, um nach wiederum bestandener Prüfung in ihren Alltag zurückzukehren, der davon völlig getrennt ist.

Moderner erscheint da schon das Konzept von Colleges. Dieses könnte ähnlich funktionieren wie der Nachweis von ATF-Fortbildungen und Publikationen für den Erwerb des Fachtierarztes. Jährlich finden Tagungen der FTÄ des jeweiligen Gebietes statt und die Kolleginnen sind dazu verdonnert, mindestens alle zwei Jahre einen Vortrag auf diesen Tagungen zu halten oder wahlweise eine Publikation für eine begutachtete Fachzeitschrift zu verfassen. Dieses System hätte zwei Vorteile. Zum einen ist jede FTÄ gezwungen, sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit der kritischen Diskussion zu stellen, zum anderen wird Wissen aus der beruflichen Praxis in die berufliche Praxis und/ oder die lesende Öffentlichkeit transferiert. Daß der Besuch dieser Tagungen Teil des Weiterbildungsganges ist, versteht sich. Ergänzt werden könnten solche bundesweiten Kongresse natürlich durch regionale Treffen und Workshops. Der Phantasie sind hier vorerst keine Grenzen gesetzt.

Ich habe versucht, in diesem Artikel einige Denkanstöße zur Weiterbildung zu geben. Das Wort Fortbildung kommt nur in definitorischer Abgrenzung vor. Sie steht in der Tat auf einem anderen Blatt und ist auf ihre Weise sogar wichtiger als die nachgewiesene Zusatzqualifikation. Prinzipiell läßt sich einiges vom hier Geschriebenen (Halbwertszeit des Wissens, Notwendigkeit der ständigen Fortbildung) sinngemäß auf die Fortbildung übertragen. Die Frage, ob es denn überhaupt sinnvoll ist, diese Titelwirtschaft zu betreiben, habe ich bewußt ausgeklammert. Es gibt sie und wenn die Möglichkeit des Titelerwerbs die Motivation zur Fort- und Weiterbildung stärkt, soll das auch recht sein. Problematisch ist natürlich der Zugang – wie schon beim Studium. Aber davon an anderer Stelle mehr.

Literatur

Martens (1999):

Die Plattform der AGKT

Wie alles anfing:

von Reinhard Müller

aus Veto 50 – 2007, S. 4-5

Vor 20 Jahren hat sich die Arbeitsgemeinschaft Kritische Tiermedizin (AGKT) gegründet. Ziel war, das an den Hochschulen sogar unter Tiermedizinern existierende „kritische Potential“ zusammenzuhalten auch über das Studienende hinaus die Isolation der Praktiker aufzubrechen und auch außerhalb der Uni sich als Tiermediziner mit übergreifenden gesellschaftsrelevanten Themen auseinanderzusetzen.

Die Gründungsinitiative ging von den linken hochschulpolitischen Gruppen der vier bundesdeutschen Fakultäten aus und war m.o.w. dominiert von den Basisgruppen, also der sog. undogmatischen Linken. Aber auch die Spackies (MSB Spartakus, für die Jüngeren: der hochschulpolitische Ableger der DKP) und eine Reihe nicht festgelegter Interessierter waren dabei, so dass sich die Diskussion um eine gemeinsame politische Linie als nicht ganz einfach darstellte.

Dennoch entstand in hitzigen Diskussionen ein quasi historisches „Dokument“: die Plattform der AGKT. Erstmals in der jüngeren deutschen Geschichte bekannten sich sogar Tiermedizinerinnen und Tiermediziner zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, und trotz aller politischer Veränderungen hat diese Plattform (leider) auch nach 20 Jahren noch weitgehende Relevanz und ist eine Basis, auf der sich noch heute die (übriggebliebenen) AGKT’ler/innen verstehen und verständigen können.

Die wesentlichen Punkte der Plattform sind: 

  • Anerkennung einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung für die Natur und die Lebensmittelproduktion (u.a. Pharma, ökolog. Landwirtschaft, auch: Ausbau kollektiver Produktionsstrukturen)
  • Tierschutz, artgemäße Tierhaltung, Minimierung von Tierversuchen
  • Forschungsorientierung an den menschlichen Bedürfnissen und an der Natur
  • Ablehnung der Ausbeutung der 3. Welt
  • Auflösung der Militärblöcke, Demokratisierung , Solidarität mit den nationalen Friedensbewegungen

Die Plattform enthielt ein (heftig diskutiertes) Kapitel Frauen: Abschaffung der Diskriminierung im Beruf und in der Ausbildung, Quoten bei der Stellenvergabe, Verbesserung der Berufschancen u.a. durch Schaffung von Gemeinschaftspraxen und Überdenken der klassischen Rollenverteilungen (bis hierhin alles nachzulesen in der Nullnummer der VETO, Sommer 1982).

Dieser Teil wurde zunächst heftig weiterdiskutiert und ist in seiner endgültigen Form in der VETO 1, Winter 82/83, zu finden.

Die einzige offizielle Ergänzung dieser Plattform war die Aufnahme der sozialen und ökonomischen Probleme der (jungen, nicht etablierten) Tierärzte in die Plattform und die Formulierung des Ziels, sich in allen Landestierärztekammern an der Kammerarbeit zu beteiligen  (VETO 6, Sommer 1984)

In der Arbeit der AG, unter anderem dargestellt in 50 Ausgaben der Veto, haben sich viele der oben genannten allgemeinen Forderungen konkretisiert.

Und was ist geblieben, heute, 20 Jahre später?

Die AG hat viel bewegt, viele Themen bearbeitet, und nicht ohne Erfolg, sie hat jeden von uns im Denken, z.T. auch im Handeln beeinflusst.

Wir akupunktieren, setzen uns mit ökologischer Landwirtschaft, konkreter Umsetzung von Tierschutzforderungen und anderen wichtigen Themen auseinander. Was die AGKT nicht geschafft hat, ist, die Vereinzelung, die Isolation im Beruf dauerhaft aufzubrechen.

EIERLEGENDEWOLLMILCHSAU

von Anita Idel

aus Veto 50 – 2007, S. 6-8

Eine EIERLEGENDEWOLLMILCHSAU zierte das Cover der ersten Ausgabe der Veto. Sie war bereits mit Einfüllstutzen versehen für Hormone, Antibiotika und Cortisone. Damals – im Sommer 1982 – hatte der Zeichner Hans-Jörg Seilacher bereits die wichtigsten Zuchtziele im Visier:

bis 1984 – sechsspuriger Ausbau des Verdauungskanals und

bis 1987 – Einkreuzung von landwirtschaftlichem Pflegepersonal.

25 Jahre sind vergangen, und die Einfüllstutzen dienen der mit chronischer Routine betriebenen permanenten Schadensbegrenzung. Obwohl die Gesetzeslage den kranken Verhältnissen immer mehr angepasst worden ist, erlebt die Aufdeckung von Arzneimittelskandalen – auch mit illegalen Substanzen – immer wieder Höhepunkte. Mehr Milch, mehr Fleisch, mehr Eier und das in immer kürzerer Zeit – lautet die so alte wie auch immer wieder neue Devise. Hormone und Antibiotika sollen einen Teil der Produktivitätssteigerung erbringen, die mit der Gentechnik verheißen worden war.

Aber bis heute gibt es keine transgenen Tiere in der landwirtschaftlichen Praxis; denn eine steigende Zahl von Tierversuchen scheitert weiterhin an biologisch-technischen Problemen des Gentransfers bei landwirtschaftlich genutzten Tieren.

Nichts desto Trotz hat die Rechtslage die tierisch-technische Entwicklung überholt: In den USA ist es mittlerweile erlaubt, geklonte Tiere als Lebensmittel in den Verkehr zu bringen.

Neben produktivitätssteigernden (Wachtumshormon)-Genen waren große Hoffnungen auf Resistenz-Gene gegen die wirtschaftlich gravierendsten Krankheiten gesetzt worden: Seuchen, sowie Atem- und Darmwegserkrankungen. Aber bis heute ließen sich kaum Gene identifizieren, die als allein ursächlich für eine Resistenz angesehen werden könnten.

Und damit zurück zum Titelbild der ersten Veto. Statt der „Einkreuzung von landwirtschaftlichem Pflegepersonal“ vergrößert sich der Aufwand der technischen Überwachung der Tiere immer mehr. So wird immer weniger Zeit mit dem Tier und stattdessen immer mehr Zeit vor dem Computer verbracht. Über die Gentechnik hinaus soll mittels einer weiteren Biotechnik tatsächlich landwirtschaftliches Pflegepersonal eingespart werden. Mit Tieren aus einem Klon pro Stall ließe sich beispielsweise die Berechnung des Futtermittelbedarfs auf ein Minimum reduzieren und die Fütterung dadurch erheblich vereinfachen, verlautbaren einschlägig Interessierte seit Mitte der 80er Jahre.

Mit der seit damals forcierten Klonforschung sollen die hohen Investitionen in die Genforschung trotz der schlechten Erfolgsquoten kompensiert werden: Wenn ein einzelnes transgenes Tier den Vorstellungen seiner Erzeuger entspricht, so die Idee, sollte es massenhaft vervielfältigt werden. Mit dem Schaf „Dolly“ wurde zwar 1997 der Durchbruch präsentiert, aber wieder stehen dem biologisch-technische Probleme entgegen, so dass statt des eigentlichen Ziels, der massenhaften Tierproduktion aus einem Guss, wiederum nur Unikate entstehen. Sollten aber „Dollys“ NachfolgerInnen eines Tages doch in Serie gehen, läge die Gefahr im Erfolg: Das bei allen einheitlich normierte Erbgut würde den Spielraum für individuelle Reaktionen – zum Beispiel Abwehr von Krankheitserregern – drastisch einschränken.

Auch aus dem für 1984 anvisierten „sechsspurigen Ausbau des Verdauungskanals“ ist bekanntlich nichts geworden. Aber neben der Einsparung von Arbeitskräften, der Beschleunigung des Wachstums, der Steigerung der Leistung und der Erhöhung der Besatzdichten ist das Futter die entscheidende Variable an den tierischen Produktionskosten. Die Futtermittelindustrie hat durch die Verwendung von Kadavern bis hin zu Dioxin-belasteten Energieträgern Millionen eingespart. Die Pervertierung des Recyclinggedankens nimmt als schlimmste Folge der Externalisierung von Kosten auch den Tod in Kauf. Wie die Verseuchung von Boden, Luft und Wasser sowie Antibiotika-resistente Bakterien uns oft nur schleichend und häufig unerkannt krank machen, ist auch die neuartige Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit infolge des Verzehrs BSE-kranker Rinder Realität. Auch wenn wir die genauen Ursachen des Rinderwahns noch nicht abschließend verstehen, seine entscheidende Verbreitung erreichte er durch Zwangskannibalismus: die Verfütterung von Wiederkäuertiermehl an Wiederkäuer. Und schon ist sie wieder da: die Verheißung, mit dem Gen, hier: einem BSE-Resistenz-Gen, könne die Welt gerettet werden.

Der Wunsch nach einfachen Lösungen ist eine entscheidende Triebfeder des Glaubens an die Gentechnik. So wurde Jahrzehnte lang an der Vorstellung festgehalten, ein Gen bewirke die Bildung eines Proteins. Und auch der Glaube, ein Protein regele eine Eigenschaft, hielt sich lange. Nach Untersuchungen, deren Ergebnisse erst nach dem Milleniumswechsel veröffentlicht wurden, hat das Genom von Säugetieren mit 30 000 weit weniger Gene als die angenommenen 100 000.

Bezüglich der züchterischen Selektion kann somit in der Regel nur mit Näherungswerten gearbeitet werden. Die Marker gestützte Selektion versucht sich an Wahrscheinlichkeiten, mit denen ein Marker in der Nähe relevanter Gene lokalisiert ist. Mit FUGATO, der „Funktionelle(n) Genom Analyse im Tierischen Organismus“ gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung sollen die genetischen Grundlagen für Gentests erforscht werden. Die Ergebnisse übernimmt der gleichnamige Industrieverbund (www.FUGATO-Forschung.de); am Ende stehen jeweils patentierte Gentests, wobei im Einzelfall auch das analysierte Produkt, das Tier bzw. seine Verwendung, unter den Patentschutz fallen kann.

Mit der immer stärkeren Selektion erhöht sich auch die Inzucht und damit die Gefahr des Auftretens und der Verbreitung von Erbfehlern. Insbesondere sollen geeignete Bullenmütter identifiziert werden, deren Söhne dann als Anlageträger einzelne Gensequenzen massiv in der Population verbreiten sollen. Inzwischen gibt es Bullen mit mehr als einer Million Nachkommen.

Die große Bedeutung der Fortentwicklung weiterer Biotechniken kommt aber erst in der Kombination der Marker gestützten Selektion mit Fortpflanzungs- und Vervielfältigungstechniken zum Tragen: In-vitro- Fertilisation, Kryokonservierung, Ovum Pick up, In- vitro-Reifung, Intra-zytoplasmatische Spermieninjektion sowie die Verbesserung der Nährmedien.

Die Komplexität genomischer Interaktionen und der Epigenetik ist ein hochspannendes Forschungsfeld. Aber ihre Erforschung krankt – wie so vieles – am Erkenntnisinteresse: Verstehen wollen – einzig, um gewinnsteigernd manipulieren zu können.

Presseresonanz bis zur Praline nach AGKT Stand auf der Grünen Woche 1989

Natürlich war die EIERLEGENDEWOLLMILCHSAU nie gewollt sondern die extrem einseitige Nutzung. In den über 20 Jahren seit der ersten Veto hat diese Spezialisierung weiter dramatisch zugenommen. Die gewünschten züchterischen Erfolge stellen zugleich Durchbrüche auf der Privatisierungsebene dar: Die biotechnischen Möglichkeiten zur züchterischen Spezialisierung führen zu einem weiteren Verlust von Agrobiodiversität durch die reduzierte genetische Basis innerhalb und zwischen den Rassen. Damit verbunden sind (privat-)rechtliche und somit auch soziale Folgen durch die immer geringere öffentliche Verfügbarkeit von Zuchttieren überhaupt. Und speziell von Tieren, die für züchterische Ansätze für weniger intensive Haltungssysteme und die Freilandhaltung geeignet sind – kurz: Die Entwicklung einer ökologischen Tierzucht, orientiert auf Tiergesundheit und nachhaltige Landnutzung.

Im Spiegel der Vetos der letzten 19 Jahre

Tierschutz und Tierhaltung in der AGKT

von Ute Knierim

aus Veto 50 – 2007, S.

“… Aufgrund der besonderen Stellung des Menschen in der Natur haben wir eine ethisch-moralische Verantwortung allen Lebewesen gegenüber. Neben dem Artenschutz, dem Schutz der Wild- und Heimtiere sowie der Versuchstiere bezieht sich diese auch auf eine am menschlichen Nahrungsmittelbedarf orientierte Tierzucht und Tierhaltung der Nutztiere, die den Bedürfnissen der Tiere weitgehend gerecht werden. Ziel unserer Tätigkeit darf es also nicht sein, die Folgen falscher Tierhaltung, -zucht und -ernährung durch die Anwendung immer neuer Pharmaka zu kurieren, sondern die Ursachen zu beseitigen und von der kurativen zu der prophylaktischen Tätigkeit zu gelangen. …”

So steht es zu lesen in der sogenannten Plattform der AGKT, in der Nullnummer der Veto (1982). Damit fing im Bereich Tierschutz und Tierhaltung in der AGKT alles an. In der Veto Nr. 1 wird dann von Gründungen der Arbeitskreise (AKs) “Massentierhaltung” und “Tierversuche” in Hannover berichtet. Wenn ich mich recht erinnere, kam der Arbeitskreis “Tierversuche” nie so sehr zur Blüte. Vielleicht, weil sich die Leute, die sich für das Thema interessierten, in ihren Auffassungen über die grundsätzliche Vertretbarkeit von Tierversuchen zu sehr unterschieden oder weil sich viele mit diesem heiklen Thema gar nicht auseinandersetzen mochten? Eigentlich erstaunlich, dass auch in den späteren Vetos kaum eine Diskussion dieses Themas stattfindet. Bei den Studierenden war ja eher noch ein Engagement bezüglich des Tötens von oder der Eingriffe an Tieren im Studium festzustellen (häufig unter der mindestens rechtlich unkorrekten Überschrift Tierversuche). Auch das findet sich in geringem Umfang in der Veto wieder, der letzte Artikel hierzu erscheint allerdings bereits 1992. Deutlich mehr Gewicht hat tatsächlich immer die Auseinandersetzung mit der Nutztierhaltung im weiteren Sinne gehabt (siehe Abb.). Als Themen des AK Massentierhaltung werden genannt: Industrialisierung der Tierhaltung, nicht artgerechte Haltungsformen, ethische Mißachtung des Tieres (Genmanipiulation, Militärforschung, Embryotransfer, Umwandlung von Milch zu Treibstoff), Qualität des Arbeitsplatzes, Rückstände, optische Qualitätskriterien, Futtermittelimporte aus der 3. Welt, Sozialkosten, Umweltprobleme, Abhängigkeit der Landwirte. Geradezu rührend finde ich, wie einfach damals noch die schlichte Aufzählung von Schlagworten als Meinungsäußerung fiel. Aber der damalige Rahmen war damit abgesteckt. Das Interesse lag zunächst bei den politischen Rahmenbedingungen und Konsequenzen der Nutztierhaltung, um Tierschutz ging es dabei oft nur sekundär. So wurden beispielsweise bei der Beschreibung der “Physiologischen Leistungen und ihre[n] Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit der Milchkuh” (Veto Nr. 10, 1985/86) zwar Aspekte wie abnehmende Lebensdauer oder erhöhte Krankheitsanfälligkeit aufgeführt, aber ohne die Folgen für das Tier selbst zu benennen. Dagegen machte sich die Kritik fest an hohen Sozialkosten, Hochtechnisierung und Umweltbelastung. 

Interessanterweise haben sich die Schwerpunkte im Laufe der Jahre verschoben. Immer mehr erfolgte eine Auseinandersetzung mit rein fachlichen Aspekten wie der Ethologie der Tiere, die nicht notwendigerweise mit einer politischen Beurteilung verbunden sein müssen. Einerseits sicher eine notwendige Entwicklung; wenn ich etwas ändern möchte, komme ich nicht umhin erst mal in die Fachmaterie einzusteigen. Andererseits ist es nur vor diesem Hintergrund zu verstehen, dass Studierende nach bereits längerem Engagement in AGKT-Arbeitskreisen mit gerunzelter Stirn fragten, ob es sein könnte, dass die AGKT mal eine linksgerichtete Organisation gewesen ist. Noch ein anderer Aspekt kommt hinzu. Die AGKTlerInnen wurden älter (und werden es unumgänglich immer noch), ein immer größerer Teil ging ins Berufsleben und zwar zum Teil in Bereiche ihrer AGKT-Aktivitäten. Das gilt zum Beispiel auch für mich. Und ich merke, dass ich gerade schon überlege, ob ich das, was ich geschrieben habe, wirklich schreiben sollte. Wer weiss, wer das alles lesen wird. In meiner beruflichen Tätigkeit muss ich mich politischer Stellungnahmen enthalten. Darüber hinaus empfinde ich es als durchaus angenehm, dass im Zuge der Auflösung des starken politischen Lagerdenkens der 80er und frühen 90er Jahre Gespräche und Diskussionen zwischen Leuten möglich sind, die sich vorher nicht angesehen hätten – und mensch darf nicht vergessen, dass auch manche Ansätze einer kleinen kritischen Minderheit Eingang gefunden haben in Mainstream-Organisationen wie Tierärztekammer, Verbraucherschutzministerium usw. 

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es auch mit einer teilweisen “Entpolitisierung” der AGKT zu tun hat, dass eigentlich erst ab den Neunzigern die Themen Heimtiere und Pferde auftauchten. Vielleicht hat es auch mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft und damit dem Arbeitsprofil in der Tiermedizin und dem Profil der Studierenden zu tun. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass in den Achtzigern, während meines Studiums in Hannover, sich kaum jemand meiner Bekannten oder Freunde für Kleintiere interessiert hat. Großtiere waren das Echte und Wahre. Jetzt stelle ich fest, dass die Studierenden, wiederum in Hannover, sich fast ausschließlich für Hunde und Pferde interessieren und nur in wenigen Fällen wissen, wie Nutztierhaltung aussieht und was dort vor sich geht. Wenn ich ihnen vorhersage, dass ein erheblicher Teil von Ihnen sich als AmtstierärztInnen mit diesem Bereich auseinandersetzen werden muss und dort Verantwortung für die Überwachung der Lebensmittelerzeugung übernehmen, ernte ich erschreckte und ungläubige Blicke. Erstaunlich, wie schnell sich der Wandel in den Berufswünschen und Lebensvorstellungen der Leute vollzieht.

Aber zurück zu den Veto-Inhalten: Ich habe in der Tabelle einfach mal aufgeführt, welche Artikel zum Thema Tierschutz und Tierhaltung in den Vetos zu finden sind – eine ganz schön beeindruckende Reihe von kürzeren und längeren, mehr und weniger tiefgehenden Einlassungen. Dabei ist die Abgrenzung gar nicht so einfach und willkürlich durch mich erfolgt, was wirklich dazugehört und was nicht. Überschneidungen gibt es zu Beiträgen zur ökologischen Landwirtschaft, Tiergesundheit, Tierzucht, zur Bio- einschließlich Gentechnik und Frage der Patentierung. Außerdem gibt es da noch das Heft zur AGKT-Fahrt in die Schweiz (siehe auch Veto 16, 1987/88), die Bände zu den Seminaren Ökologische Tierhaltung von 1990 bis 1994 und die Anforderungen an die artgerechte Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere von 1991.

Aus meiner Sicht war die AGKT ein Art Nährboden, der gut war für manchen Berufsweg, wie oben schon angedeutet, aber auch für weitere Aktivitäten. Während aus der AGKT aus gutem Grund nie ein Verein wurde, sind andere aus ihr hervorgegangen oder hatten zumindest wichtige personelle Verquickungen mit ihr. So berichteten die Wiener AGKTlerInnen 1987 in der Veto 15 von der bevorstehenden Vereinsgündung, um ein Eiervermarktungsprojekt starten zu können (siehe auch Veto 16). Wesentlich ausgeweitet und umorganisiert, inzwischen ohne direkte Verbindungen zur AGKT, gibt es diesen Verein heute als “Freiland – Verband für ökologisch-tiergerechte Nutztierhaltung und gesunde Ernährung”. 1989 wurde in der Veto 20 das Entstehen der Beratung Artgerechte Tierhaltung (BAT) e.v. mitgeteilt, in der Veto 22 die Gründung des Vereins Leben mit Tieren e.V. Die Gesellschaft für ökologische Tierhaltung e.V. gibt es seit 1992 (Veto 30), das Beratungs- und Schulungsinstitut für schonenden Umgang mit Zucht- und Schlachttieren seit 1993 (Veto 34).

Wie wird es nun mit der AGKT weitergehen, wenn es die Veto nicht mehr gibt? Der aktive Kreis der AGKT, also derjenigen, die zu unseren halbjährlichen Treffen kommen, ist relativ klein geworden, so grob 20 Leute. Studentischen Nachwuchs scheint es derzeit nicht zu geben und die “Alten” sind stark beansprucht von beruflichen, familiären und anderen Verpflichtungen. Ein Nährboden für neue Aktivitäten ist das nicht mehr so sehr. Aber ein Nährboden für Ideen und Gedanken schon noch, ein Forum für gute Diskussionen mit kritischen und klugen Leuten. Da die meisten von uns ja schon ausreichend aktiv sind, nun im beruflichen Bereich, ist das eigentlich genau das, was wir gut brauchen können, zumindest kann ich das für mich so sagen. Ich bin also gespannt auf unsere nächsten 20 Jahre und überzeugt, dass wir an veränderte Bedingungen angepasste Formen finden, bei den klassischen AGKT-Themen wie Tierschutz und Tierhaltung weiter mitzumischen.

Ute Knierim

Abbildung: Verschiedenen Tierschutzthemen im Laufe der Jahre in der Veto quantitativ gesehen

Tabelle: Liste der Beiträge zu den Themen Tierschutz und Tierhaltung in den Vetos der letzten 19 Jahre

JahrNr.Titel oder InhaltThemenbereich
19820Plattformallgemein
19832Moderne Tierhaltung und -gesundheitNutztiere
19833Grundsatzerklärung zu Tierversuchen vom Gießener AG-Treffen Tierversuche, Töten im Studium
19846Tierversuche in Lehre und ForschungTöten, Eingriffe i. Studium


Aktuelles zur Novellierung des Tierschutzgesetzesallgemein


Der MäusebunkerTierversuche

7Schächten und Tierschutz INutztiere

8Schächten und Tierschutz IINutztiere
19859Produktions- und Vermarktungsprobleme mit Eiern aus artgerechten HaltungssystemenNutztiere


Nutztierethologie und TierschutzNutztiere


Beurteilungskriterien für tiergerechte NutztierhaltungssystemeNutztiere

10Probleme bei der Erzeugung von Lebensmitteln tierischer HerkunftNutztiere
198714Kuhgerechtes MelkeNutztiere

15Wiener Aktion – Vermarktung von Eiern aus artgerechter HaltungNutztiere


Ethologie des Huhnes INutztiere


Verhalten und klinische TiergesundheitNutztiere


Die Entwicklung der Ethologieallgemein


Nutztierethologie, Tierhaltung im TierschutzgesetzNutztiere


Familienschweinestall zum AnfassenNutztiere

16Artgerechte Rinderhaltung, Milchkälber, MastrinderNutztiere


Wiener Eier – Statuten Verein Kritische TiermedizinNutztiere


Ethologie des Huhnes IINutztiere


Artgerechte Tierhaltung bei HauskaninchenNutztiere, Heimtiere
198817Kälberhaltung – zum Entwurf der KälberhatungsVONutztiere

18SchweinehaltungsVO kontra TierschutzgesetzNutztiere


Richtlinien für die Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere, KontrollsystemNutztiere


Ei konkret – Wiener EierNutztiere


Neuland-ProjektNutztiere
198919Tierhaltung – Stand auf Grüner WocheNutztiere

20Neuland -Stand der DingeNutztiere

21Anforderungen an die Haltung von NutztierenNutztiere


Kommentar zum Tierschutzberichtallgemein

22Die Konsequenz – einer kämpft gegen TierversucheTöten, Eingriffe i. Studium


Altromin Skandalpreis für TierversucheTierversuche


Anforderungen an die Haltung von Kälbern, Mastrindern, Ammen- und MutterkühenNutztiere

Tabelle: Liste der Beiträge zu den Themen Tierschutz und Tierhaltung in den Vetos der letzten 19 Jahre (Fortsetzung)

JahrNr.Titel oder InhaltThemenbereich
199024Anforderungen an die SchweinehaltungNutztiere


Vom Zugviehpfleger – TierärztInnen und Tierschutzallgemein


Tierversuche – Das UrteilTöten, Eingriffe i. Studium


Berliner Anstöße – AGKT und Tierschutzallgemein
199125Von Nackthunden undanderen QualzüchtungenHeimtiere


Erlaubt ist, was gefällt (Katzenzucht)Heimtiere


Nur die Sehenden werden leben (Merle-Faktor)Heimtiere


HD: HüftgelenksdyplasieHeimtiere


HundezuchtHeimtiere


Exoten als HeimtiereHeimtiere
199228Ungestörtes Sozialspiel (Verhalten Hund)Heimtiere


Qualzucht oder QualitätszuchtHeimtiere


Töten männlicher KälberNutztiere


RassedispositionenHeimtiere


Tierschutz am SchlachthofNutztiere

29Das Schwein am HalsbandNutztiere


Stalleinrichtungen – RindviehaufstallungenNutztiere


Mensch-Kuh-Beziehung und TechnikNutztiere


Populationsgenetik bei HundenHeimtiere


Patente auf TiereTierversuche


Tierärzte-berufene Tierschützer?allgemein


Das anachronistische PraktikumTöten, Eingriffe i. Studium

30Transport und Schlachtung von NutztierenNutztiere
199331Hundekauf, HundezuchtHeimtiere

32Tierhaltung contra UmweltschutzNutztiere


Artgerechte KälbertränkeNutztiere


Die KrebsmausTierversuche
199434HundekaufHeimtiere


Transport exotischer TiereHeimtiere


Großtiertransporte-Das Elend von MillionenNutztiere


Anforderungen an das tierschutzgerechte Verladen, Transportieren, Betäuben und Schlachten von Rindern und SchweinenNutztiere


Bericht von der 9. IGN-TAgung in AppenzellNutztiere

35rBSTNutztiere

3610 Artikel zu Haltung, Zucht, Gesundheit, Ausbildung bei PferdenPferd


rBSTNutztiere


Bericht und Gedanken zu einem SPD- Tierschutz-Workshopallgemein

Tabelle: Liste der Beiträge zu den Themen Tierschutz und Tierhaltung in den Vetos der letzten 19 Jahre (Fortsetzung)

JahrNr.Titel oder InhaltThemenbereich
199537rBSTNutztiere


Das SchlachtmobilNutztiere


HundezuchtHeimtiere

38Versorgung der Tiere beim internationalen TransportNutztiere


Tierzüchtung aus Sicht der PhysiologieNutztiere

39Anforderungen an tiergerechte Haltung von Ratten Heimtiere


8-Stunden Begrenzung für Tiertransporte?Nutztiere


Lehr- und Forschungsgut der Tiho HannoverNutztiere


Bericht vom Seminar Pferdehaltung und -nutzungPferde
199641Der Hund-zu schützendes Tier des JahresHeimtiere


Anforderungen an die tiergerechte Haltung von WellensittichenHeimtiere

42Tiertranporte, Gesetzeslage, AusblickNutztiere


Anforderungen an die tiergerechte Haltung der Europäischen LandschildkröteHeimtiere
199743Betäubung vor ritueller SchlachtungNutztiere


Würde der Kreaturallgemein


Transport von RindernNutztiere


Tierschutz und politische Moralallgemein


Anforderungen tiergerechte Haltung von KanichenHeimtiere


Anforderungen an die Ausbildung des PferdesPferde

44Konventionelle, alternative HennenhaltungssystemeNutztiere


Grundsätzliche Anmerkungen zur GeflügelwirtschaftNutztiere


SchnabelkürzenNutztiere


Vom Leiden der KäfighühnerNutztiere


Tierbefreiung mit Selbstanzeige, Käfighühner und der Bundesverband der Tierversuchsgegner – Menschen für TierrechteNutztiere


Die Moschusente in der IntensivhaltungNutztiere


Putenmast in DeutschlandNutztiere


Anforderungen artgerechte Haltung von ZebrafinkenHeimtiere


Enthornung Milchkühe auch im Bioland-Betrieb?Nutztiere


Novellierung des Tierschutzgesetzesallgemein


Kommentar zur TierversuchsproblematikTierversuche
199845PutenhaltungNutztiere


Niedersächsische Empfehlungen für die Boden- und Freilandhaltung von LegehennenNutztiere

46Codex Veterinarius der TVTallgemein


Webseiten zu Ethologie und Tierhaltungallgemein
199947Tierschutzgerechtes Töten von TierenNutztiere


Novelliertes Tierschutzgesetz -TierversucheTierversuche
200048Tierschutz und SchlittenhundesportHeimtiere

Agrarökologie in der AGKT

von Peter Weiberg und Matthias Link

aus Veto 50

Dieses Thema ist sicherlich eines der Schwerpunktthemen der AGKT. Kein anderes ist so kontinuierlich und aktiv bearbeitet worden.

In der Gründungsplattform der AGKT von 1982 finden sich die Schlagworte der ökologischen Landwirtschaft noch nicht. Stattdessen wird dieses Ziel umfassend formuliert:

„ Statt quantitativem fordern wir qualitatives Wachstum, d.h. …Produktionsformen…, die sich an den Bedürfnissen des Menschen und dem Erhalt der Natur orientiert…, …eine Umorientierung… hin zu einer Landwirtschaft, die mit einem Minimum an Eingriffen in die Natur die menschlichen Nahrungsbedürfnisse abdeckt.“

Zunächst wird es still um die Agrarökologie, abgesehen von zaghaften Berührungen mit Ökoschlachtern und studentischen Arbeitskreisen landwirtschaftlicher Fakultäten. Mit der Veto Nr. 8 im Frühjahr 1985 und dem dazugehörigen Gesamttreffen in Gießen wird die ökologische Landwirtschaft als Schwerpunktthema in der AGKT begründet. Den Leitartikel zur Schwerpunktveto Agrarökologie schrieb Albert Sundrum ( siehe Artikel „ Warum ein AK ökologische Landwirtschaft in der AG Kritische Tiermedizin?“ ). Die gesellschaftspolitische Forderung nach nachhaltigem Landwirtschaften verknüpft er mit der ganz konkreten tierärztlichen Berufsperspektive in der ökologischen Großtierpraxis.

In intensiver Zusammenarbeit mit Prof. Boehncke vom Fachbereich ökologische Landwirtschaft in Witzenhausen entsteht die Idee eines Seminares zum Thema im Sommer 1985. Es wurde zu einem großen Erfolg, aus dem eine ganze Seminarreihe hervorgehen sollte (siehe Kasten: Seminare der AGKT).

Mit den Seminaren entstanden Kontakte zu Studierenden der Landwirtschaft in Witzenhausen und Göttingen, die den Arbeitskreis Agrarökologie und die AGKT bis heute aktiv fachübergreifend bereichert haben.

Systematisch wurde die Tierhaltung im ökologischen Landbau in den Seminaren erarbeitet, deren Zusammenfassungen zunächst in der Veto erschienen, später als Manuskriptbände gesondert verlegt wurden (siehe Kasten: „Sonderdrucke der AGKT“). Gisela Bolbecher, heute Tierärztin in Franken schreibt in Veto 11, 1986 über die Tierhaltung in ökologischen Betrieben. Die Bestandsaufnahme bei Bioland und Demeter ergab wenig konkrete Vorstellungen und Richtlinien, aber Glaubensbekundungen. Der Satz „Der Verzicht auf individuelle Leistungsfütterung ermöglicht die Tiere zu erkennen, die nur mit Rauhfutter die besten Leistungen erreichen“ wirkte in Norddeutschland schon damals antiquiert. So radikale Praktiken sind heute dem Feilen an – und Feilschen um – konkreten Richtlinien gewichen.

Ebenso stellen die Vorträge von Prof. Boehncke, Vogtmann und Mitarbeitern auf dem 2. AGKT Seminar in Veto 12, 1986 die Tierhaltung als Stiefkind des ökologischen Landbaus dar. Nur wenig konkretes findet sich dazu in den Richtlinien der Anbauverbände. Hier wird die Aufgabe der AGKT gesehen, die als großes Projekt in dieser Zeit mit der Erarbeitung von Anforderungen an die Haltung von Nutztieren begann. Zeitgleich mit diesem Seminar explodierte in der Ukraine Tschernobyl und die Grünlandnutzung wurde durch großflächigen Fall-out in Frage gestellt.

In Veto 13, 1986 gibt Rolf Kamphausen, heute Amtstierarzt, den Anstoß zu einer Diskussion des Begriffes der Tiergesundheit. Zwischen Natur = Gesund und Gesundheit als Zustand der Abwesenheit von Krankheit wird nach einer Definition gesucht, die „Für den behandelnden Tierarzt bedeutet…, das Tier sowohl in seinen komplexen Wechselwirkungen als auch in seiner Individualität als Ganzes zu begreifen.“ (Albert Sundrum, Veto 13, 1989).

Als konzertierte Aktion wurden Haltungsanforderungen der einzelnen Tierarten in den verschiedenen westdeutschen Unistädten bearbeitet und auf Arbeitstreffen und Gesamttreffen zusammengefügt. Dieses Projekt erstreckte sich über fast zehn Jahre bis zur Druckreife 1993 (siehe Kasten: „Publikationen und Sonderdrucke der AGKT“). Als Grundlage haben sich diese Anforderungen in den Richtlinien der Bio-Verbände niedergeschlagen.

Mit „Neuland“ startet das erste Markenzeichen für Fleisch aus artgemäßer Tierhaltung in Deutschland und wird in Veto 20,1989 vorgestellt. Der Verein wird von der AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft) und Verbraucherinitiative, BUND und Deutschem Tierschutzbund getragen. Die Tierhaltungsrichtlinien des Neuland-Programmes wurden mit AGKT-Beteiligung entwickelt und auch Kontrollfunktionen in der Erzeugung wurden der AGKT angeboten. In Sorge um die Unabhängigkeit und vor zu großem Einfluß von Sachzwängen auf die Anforderungen lehnte die AGKT ab, obwohl das Neuland-Programm sehr begrüßt wurde und den Haltungs-Vorstellungen der AG am nächsten kam.

Vorstellung der Wiener Eier, AGKT Treffen Wien 1988

Ganz anders ging die Wiener AGKT vor. Sie gründete als „KT“ 1987 einen eigenen Vermarktungs- und Zertifizierungs-Verband der, inzwischen umbenannt in „Freiland“, bis heute besteht. Zunächst wurden ausschließlich Eier sehr erfolgreich vermarktet, später kam ein Fleischsegment hinzu. Das Kontrollsystem mit den berühmten „Pickerln“ (kontingentierte Aufkleber für jedes Ei und Teilstück) wurde entwickelt. Dabei lagen Richtlinien, Erzeugung, Vermarktung und Kontrolle in einer Hand. Das Projekt, fand in Wien und Umgebung sehr viel Aufmerksamkeit und auch das Landwirtschaftministerium zeigte großes Interesse und bald auch Unterstützung.

O-Ton Jürgen v.d. Emde, heute Geschäftsführer der tierärztlichen Zertifizierungsgesellschaft VetControl, Wien in Veto 15, 1987: „Ziele: Wir rechnen in erster Linie mit einer Stabilisierung des Absatzes von Eiern aus ökologisch tiergerechter Haltung im Raum Wien. Im weiteren erhoffen wir uns eine Ausweitung der Marktanteile dieser alternativen Produktionsform“. Der Rest der AGKT setzt sich währenddessen mit Ethologie und den „Zusammenhängen und Konsequenzen von Verhalten und klinischer Tiergesundheit“ auseinander.

Die lange Phase der Grundsatzdiskussion um die artgemäße Unterbringung der Nutztiere ging mit der ersten Vorabveröffentlichung in Veto 21, 1989 zuende: „Einige Leser werden diese Anforderungen als Utopie bezeichnen. Tatsächlich handelt es sich um den Versuch der AGKT, optimale Haltungsbedingungen für Nutztiere zu beschreiben, ohne dabei den Blick für das heute und in absehbarer Zeit Praktikable zu verlieren“. In der Folge dieser „Utopie“ rückten konkrete Fragen der Tierhaltung in den Vordergrund des Arbeitskreises. „Stalleinrichtungen – Was ist brauchbar für Rindvieh-Aufstallungen“ beschreibt Christel Simantke, freiberuflich als Beraterin in der BAT beschäftigt, in Veto 29, 1992, aus der Sicht artgemäßer Tierbedürfnisse. Neue Entwicklungen, die heute zum guten Ton des Kuh-Komfort in Hochleistungsbetrieben gehören waren damals falls unbekannt. Gleichzeitig hebt Ute Knierim, (derzeit Habilitantin am Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der TiHo Hannover) in eigenen Untersuchungen die Bedeutung der Mensch-Tier-Beziehung auch in modernen Haltungssystemen hervor.

Im Umfeld des Arbeitskreises Agrarökologie entstanden nach und nach verschiedene Verbände, die sich professionell der artgemäßen Tierhaltung widmeten. So entstand 1989 die „Beratung Artgerechte Tierhaltung“, BAT in Witzenhausen. Die Vorstellung der BAT in Veto Nr. 20, 1989, in der sie die Gründung bekanntgab und gleichzeitig zur Diskussion stellt kommentiert das Lay-out in skandalöser Weise wie folgt:

„Obwohl wir uns freuen, daß die Veto die angestrebte Funktion als Kommunikationsorgan erfüllt, wäre es doch noch weit angenehmer, wenn ihre Funktion als Diskussionsorgan auch dahingehend Früchte trüge, daß Dinge diskutiert werden können, bevor die Fakten einen dazu zwingen, daß man sie nur noch kommentieren kann“.

Dieser Kommentar zeigt den Vorbehalt, der von Teilen der AGKT jeder Form der Organisation und Formalisierung entgegengebracht wird. In der Befürchtung demokratische Strukturen durch Bürokratisierung auszuhebeln und im Plenum an Einfluß zu verlieren, werden Vereins-Gründungen innerhalb der AGKT sehr mißtrauisch beobachtet. Andererseits ist ein Reihe von Teilnehmern des Arbeitskreises Agrarökologie inzwischen bestrebt sich im Bereich Agrarökologie, Tierhaltung, Tierschutz und Tierverhalten in Wissenschaft und Lehre zu etablieren. Weitere Verbände entstehen, das Beratungsbüro Bodo Bertsch für tiergerechten Stallbau in Göttingen sowie das BSI (Beratungs- und Schulungsinstitut für den tierschutzgerechten Umgang mit Schlachttieren) in Schwarzenbeck. Als interdisziplinäre Organisation gründete sich 1992 aus dem Kreis der AGKT die mehr wissenschaftlich ausgerichtete Gesellschaft für ökologische Tierhaltung, GÖT. Andererseits gingen auch Bio-Landwirte aus dem Arbeitskreis Agrarökologie hervor. Von seinen Erfahrungen als Teil einer Bio-Hofgemeinschaft berichtet Peter Weiberg in Veto 33, 1993. Es geht um die Konstellation zwischen konventionellen und Biobauern im Dorf (auf Annäherungskurs) und die Sorge, zwischen Anspruch und Wirklichkeit aufgerieben zu werden. Inzwischen ist der Autor aus der Hofgemeinschaft ausgestiegen und selbstständig im Bio-Handel tätig.

Ruhe-Artikel in der HAZ

Das verstärkte gesellschaftliche Interesse am Thema Tierschutz und artgemäßer Tierhaltung hat sowohl an den landwirtschaftlichen, wie auch an den tiermedizinischen Fakultäten, zu einer größeren Gewichtung dieser Institute geführt und auch hier neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen lassen. An der Tierärztlichen Hochschule in Hannover gründete sich 1993 aus dem AK Agrarökologie die „Ruthe AG“. Diese machte sich die Umgestaltung des landwirtschaftlichen Hochschulgutes in Ruthe zur Aufgabe. Es wurden Planungen für den artgerechten Umbau der dortigen, überfälligen Schweine-, Rinder- und Geflügel-Ställe entworfen. Erst nachdem durch eine Zeitungsmeldung die Landespolitik auf die Zustände in Ruthe aufmerksam wurde, kam Bewegung in den Umbau. Von der Hochschulleitung zur „Chefsache“ gemacht, waren die Vorschläge der Ruthe-AG nicht gefragt, obwohl diese deutlich durchdachter waren als manches, was schließlich in Aktionismus entstanden ist. Die hochschulinterne Diskussion ist in Veto 39, 1995 lesenswert zusammengefaßt. Es zeigt sich ein erhebliches Defizit im demokratischen Umgang miteinander: „…der Rektor würde ‚öffentliche Kritik an der Tierhaltung der TiHo nicht weiter dulden. Dies müsse als fehlende Identifizierung und Loyalität gegenüber der TiHo gewertet werden‘“.

Parallel zur Agrarökologie war auch immer Agrarpolitik und Strukturwandel Thema in der AGKT.

Kontakte zur Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (Abl) bestanden kontinuierlich seit 1985. Im Dachverband der Deutschen Agraropposition (DDA, später AgrarBündnis), gegründet 1988 von den gleichen Vereinen, die auch das Neuland-Fleischprogramm entwickelten, wurde die AGKT bald Mitglied. Von 1992 bis 1997 war Matthias Link als Vertreter der AGKT im Vorstand des AgrarBündnis aktiv. In gemeinsamen Presseerklärungen und Veranstaltungen nahm die AGKT an der aktuellen agrarpolitischen Diskussion teil. Die Positionen der AGKT in Fragen der Tierhaltung, Gentechnik, Tierarzneimittelanwendung u.a. wurden im AgrarBündnis oftmals aufgenommen. Höhepunkte der 

AgrarBündnis Aktivitäten waren die Gemeinschaftsstände in der Tierhaltungshalle der Grünen Woche in Berlin von 1993 bis 1996. Die AGKT hatte bereits 1989 Erfahrung mit einem eigenen Stand auf der Grünen Woche gemacht. Mit einem Stand und einer gentechnisch manipulierten schwermetallresistenten Forelle waren wir einziger Kontrapunkt in einer ansonsten euphorischen „Biotechnologie“-Halle. Seit 1993 konnte wir dann unsere Positionen auf einem Gemeinschaftsstand des AgrarBündnis zusammen mit 16 Organisationen darstellen. Besonders spektakulär war unsere „Patentmaus“. Groß wie ein Pferd, sollte sie das erste Patent auf Leben symbolisieren und zeigte in ihrem Bauch Fächer in denen verschiedene zum Patent angemeldete gentechnische Manipulationen untergebracht waren.

Sechs Monate Leben

Über die Fütterung und Haltung von Mastkälbern

von Ursula Plath

aus Veto 49 -2001, S. 18-23

Mastkälber und ihr Fleisch

Wir geben dem Morgenkaffee einen Schuß Milch, essen zwischendurch einen Becher Joghurt und genießen Käse auf dem Brot. Wer denkt dabei schon an das Schicksal der zwei bis drei männlichen Kälber, denen man im Laufe seines Lebens durch einen durchschnittlichen Verzehr von Milchprodukten auf die Welt verhilft? Zwar ereilt nicht alle männlichen Kälber das Schicksal eines Mastkalbes, häufig werden sie auch zur Bullenmast aufgezogen, um dann nach etwa zwei Jahren geschlachtet zu werden. In Deutschland trifft es jährlich jedoch etwa 457 000 Kälber (ZMP – Zentrale Markt- und Preisberichtstelle für Erzeugnisse der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft GmbH, 2000) , das Leben eines Mastkalbes zu führen.

Kalbfleisch hat ein besonderes Image. Es gilt als besonders leicht bekömmlich und diätetisch wertvoll. Dieses Image beruht im wesentlichen auf der blassen Farbe des Fleisches. Die Fleischfarbe stellt bezüglich der Vermarktung von Kalbfleisch in Deutschland immer noch ein Hauptkriterium dar. Physiologischerweise haben Kälber natürlich kein blasses Fleisch. Erst eine fütterungsbedingte Eisenmangelanämie führt zu der typischen Blässe des Kalbfleisches (NEUMANN u. GRIEB, 1968). Zudem haben Untersuchungen bereits in den 60er Jahren nachgewiesen, dass Kalbfleisch hinsichtlich der ernährungsphysiologischen Bedeutung nicht besser zu bewerten ist als anderes Rindfleisch (GEBAUER, 1960; WEBSTER u. SAVILLE, 1981).

Haltungsbedingungen vor der Kälberhaltungsverordnung

Die Haltungsbedingungen von Mastkälbern haben sich in den letzen Jahren verändert. Vor Inkrafttreten der Kälberhaltungsverordnung 1992 waren die Haltungsbedingungen von Mastkälbern beinahe mittelalterlich schlecht. Die Kälber verbrachten ihre fünf- bis sechsmonatige Lebenszeit in 55 bis 80 cm breiten Einzelboxen auf Spaltenboden oder in Anbindehaltung. In den schmalen Buchten konnten die Kälber bereits in einem Alter von etwa zwei Monaten nicht mehr seitlich ausgestreckt liegen. Zudem war der Stall oft fensterlos, an elektrischem Licht wurde meist gespart. Im letzten Jahrhundert ging man davon aus, dass eine dunkle Umgebung die blasse Farbe des Fleisches hervorruft (BÜNGER, 1931), und es scheint, als sei dieser Irrglaube noch nicht ganz vergessen.

Aber nicht nur die Haltungsbedingungen entsprachen den Bedürfnissen der Mastkälber nur ungenügend, auch die Fütterung war und ist teilweise wenig artgerecht. Mastgrundlage stellte bis zum Inkrafttreten der Kälberhaltungsverordnung 1992 ausschließlich die Milchaustauschertränke dar. Rauh- und Kraftfutter wurde von den Mästern abgelehnt, da die Pansenentwicklung möglichst unterdrückt und das Labmagenvolumen stark gedehnt werden sollten. Auf diese Weise sollten eine höhere Tränkeaufnahme und infolgedessen höhere Zunahmen erreicht werden. Rauhfutter wurde aber auch wegen seines Eisengehaltes und der dadurch gefürchteten Rosafärbung des Kalbfleisches von den Mästern abgelehnt. Die Milchaustauschertränke wurde aus dem bloßen Eimer bzw. Trog ohne Saugmöglichkeit verabreicht. Trinkwasser wurde Mastkälbern üblicherweise nicht angeboten, denn die Mäster befürchteten, dass die Kälber durch eine zu hohe Trinkwasseraufnahme weniger Milchaustauschertränke aufnehmen und somit geringere Zunahmen zeigen würden.

Es ist offensichtlich, dass diese Haltungs- und Fütterungsbedingungen den Bedürfnissen junger Kälber nicht gerecht werden. Dies wird besonders deutlich, wenn man das Verhalten von Kälbern unter naturnahen Bedingungen, wie der Mutterkuhhaltung, untersucht. Auf der Weide leben Kälber innerhalb der Herde in sozialen Gruppen, den sogenannten Kindergärten, denen sie sich bereits im Alter von ein bis zwei Wochen anschließen (SAMBRAUS, 1978). Den überwiegenden Teil des Tages verbringen Kälber mit Ruhen und der Nahrungsaufnahme. Nahrungsaufnahme sind hier sowohl das Saugen an der Mutter, als auch die Aufnahme strukturierter Nahrung, die bereits im Alter von einer Woche beginnt (BOGNER et al., 1986). Insbesondere der Mangel an Rauhfutter führt bei Mastkälbern, die nur mit Flüssigfutter gemästet werden, zu übermäßigem Lecken und Knabbern an Artgenossen oder Stallgegenständen (KOOIJMAN et al., 1991). Die Folgen des intensiven Leckens und Knabberns der Kälber in Einzelhaltung fallen einem bei einem Besuch in einem konventionellen, älteren Kälbermastbetrieb sofort ins Auge. Die Holztrennwände der Einzelboxen sind stark durchlöchert und sehen insgesamt “abgelutscht” aus. Das übermäßig häufige Auftreten von Leck- und Knabberaktivitäten an Stallgegenständen oder Artgenossen kann als Stereotypie eingeordnet werden (WIEPKEMA et al., 1987) und zeigt somit an, dass auf das Tier Bedingungen einwirken oder eingewirkt haben, die das Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen oder beeinträchtigt haben (DUNCAN et al., 1993).

Haltungsbedingungen nach der Kälberhaltungsverordnung

Wie aber sehen die aktuellen Haltungsbedingungen von Mastkälbern aus? Seit 1991 liegt eine EU-Richtlinie (91/629/EWG) vor, die die Mindestanforderungen an die Haltung von Kälbern bis zu einem Alter von sechs Monaten festlegt. Im Dezember 1992 wurde in Deutschland diese Richtlinie in Form der Kälberhaltungsverordnung umgesetzt. Eine erste Veränderung der Verordnung ist seit 1997 in Kraft, ebenfalls auf einer EU-Richtlinie (97/2/EG) basierend. Die Umsetzung der Kälberhaltungsverordnung brachte einige wesentliche Verbesserungen, die Mastkälberhaltung und –fütterung kann insgesamt aber immer noch nicht als optimal bezeichnet werden.

Seit 1995 dürfen über acht Wochen alte Kälber nicht mehr einzeln gehalten werden. Auch die Anbindehaltung ist seit 1999 verboten. Die Mindestboxenbreite für jüngere Kälber in Einzelhaltung wurde auf 100 cm bzw. 90 cm, falls die Seitenwände nicht bis zum Boden reichen, erweitert. Spaltenboden ist weiterhin erlaubt und in der Praxis üblicherweise auch vorzufinden. Ein besonderer Nachteil des Spaltenbodens in der Kälbermast ist seine starke Rutschigkeit. Diese entsteht aufgrund des sehr weichen bis flüssigen Kotes der Kälber sowie der hohen Urinproduktion, beides bedingt durch die überwiegende Flüssigfütterung. Allerdings werden die Argumente des weichen Kotes und des hohen Urinanfalles auch von den Mästern gegen die Stroheinstreu hervorgebracht, da diese sich nachteilig auf die Qualität und Isolationseigenschaften der Einstreu auswirken können (VAN PUTTEN, 1987). Wahrscheinlich bedeutet Stroheinstreu bei Mastkälbern tatsächlich mehr Arbeitsanfall als bei anderen Kälbern. Beispielsweise in der Schweiz werden jedoch alle Kälber auf Stroh gemästet, so dass dieses Problem arbeitstechnisch bewältigbar scheint.

Eine weitere Verbesserung der Haltungsbedingungen liegt im vorgeschriebenen Wasserangebot zur freien Aufnahme, sowie in einer Mindestbeleuchtungsstärke von 80 Lux, die für mindestens zehn Stunden im Stall erreicht werden muß. Ein Problem liegt hier jedoch in der Durchführung, da allein das Vorhandensein eines Lichtschalters sowie einiger Kabel und Glühbirnen nicht garantiert, dass jemand den Lichtschalter auch betätigt. Es ist in der Praxis nach eigenen Erfahrungen verbreitet, dass der Stall lediglich während der Fütterung beleuchtet ist. Die Beleuchtungsmöglichkeit reicht für das Bestehen einer amtlichen Überprüfung aus. Fensterflächen sind nach der Kälberhaltungsverordnung leider nicht vorgeschrieben.

Das Problem der Fütterung wird durch die Kälberhaltungsverordnung nur halbherzig gelöst. Nach der Kälberhaltungsverordnung ist für über eine Woche alte Kälber eine Mindestmenge an Rauhfuttergabe oder der Gabe an “sonstigem rohfaserreichen strukturiertem Futter” vorgeschrieben, die für Kälber im Alter bis zu acht Wochen mindestens 100 g, im Alter von mehr als acht Wochen mindestens 250 g täglich vorsieht. Immerhin ist diese Regelung deutlich tiergerechter, als in der EU-Richtlinie gefordert, nach der eine Mindestrauhfuttergabe bei der “Haltung von Kälbern zur Erzeugung von hellem Kalbfleisch” nicht vorgesehen ist. Aber auch die deutschen Mengen sehen eher nach einem Kompromiss aus.

Nach eigenen Beobachtungen nehmen Mastkälber bereits im Alter von fünf bis sechs Wochen eine 100 g Heumahlzeit innerhalb etwa elf Minuten vollständig auf. Auf der Weide grasen bereits drei Wochen alte Kälber für etwa drei Stunden täglich (GODFREY, 1961). Mastkälber, denen die gesetzliche Mindestmenge an Heu angeboten wird, lecken noch immer sehr häufig an der Stalleinrichtung (PLATH, 1999). Es kann davon ausgegangen werden, dass das Bedürfnis nach Aufnahme strukturierter Nahrung durch die gesetzlich festgelegten Mindestmengen nicht ausreichend befriedigt ist. Zudem ist das Problem in der Praxis wahrscheinlich noch größer, da den Kälbern bevorzugt Maissilage als Rauhfutter angeboten wird. Maissilage besitzt aber bekannterweise einen deutlich geringeren Rohfaseranteil als Heu (Maissilage: 6,5 g Rfa/100g untersuchte Substanz; Heu: 23,8 g Rfa/100g untersuchte Substanz). Die Mäster favorisieren Maissilage vorwiegend aus diesem Grund. Eigene Erfahrungen in konventionellen Betrieben sprechen dafür, dass etliche Mastkälber auch diese 100 g Maissilage pro Tag nicht angeboten bekommen. Oft wird lediglich ein kleines Silo Maissilage für die amtlichen Kontrollen auf dem Hof gelagert, das tatsächliche Verfüttern kann aber niemand kontrollieren. Immer noch stehen die alten Befürchtungen einer zu raschen Pansenentwicklung und einer unkontrollierten Rosafärbung des Fleisches der ausreichenden Rauhfutterfütterung entgegen.

Eine zu starke Anämie der Kälber wird hingegen inzwischen auch von den Mästern gefürchtet, da diese oft mit einer erhöhten Krankheitsanfälligkeit (BÜNGER et al., 1986) und geringeren Zunahmen (BÜNGER et al., 1987; GYGAX et al., 1994) verbunden ist. Einige Mäster grosser Bestände führen zweimalige Blutuntersuchungen des gesamten Bestandes während einer Mastperiode durch, um anhand des Serumeisengehaltes eine wohldosierte Eisenapplikation durchzuführen. Zudem wird nach der ersten Veränderung der Kälberhaltungsverordnung von 1997 eine Mindestgehalt von 6 mmol Hb/l Blut gefordert, der durch amtliche Kontrollen überprüft wird. Der festgelegte Wert liegt allerdings bereits an der Grenze zum präanämischen Bereich und ist somit zu gering (BOSTEDT et al., 2000). Besser wäre ein Mindestwert von 7,5 mmol Hb /l, bei dem Kälber eisennormalversorgt sind (BOSTEDT et al., 2000). In der früheren Fassung der Kälberhaltungsverordnung wurde lediglich ein Mindestgehalt Eisen im Tränkepulver gefordert. Dies führte zu trickreichen Lösungen, wie beispielsweise der Zufütterung grösserer Mengen Kupfer, das die Eisenresorption im Darm herabsetzt. Die Angst vor einer zu starken Pansenentwicklung aufgrund der Rohfaserfütterung und damit verbundenen geringeren Zunahmen scheint irreal, da einige Untersuchungen zeigten, dass Mastkälber, denen rohfaserreicheres Rauhfutter angeboten wird, deutlich höhere Zunahmen gegenüber flüssiggemästeten Mastkälbern zeigen (TER WEE et al., 1991; EGGER, 1995).

Die Fütterungstechnik bei der Milchaustauschertränke wird durch die Kälberhaltungsverordnung nicht geregelt. Noch immer werden die Kälber überwiegend aus dem bloßen Eimer bzw. Trog ohne Saugmöglichkeit getränkt. Trotz dieser Tränketechnik, die das Saugbedürfnis der Kälber nicht befriedigt ist das Problem des gegenseitigen Besaugens in der Gruppenhaltung der über acht Wochen alten Kälber geringer als befürchtet. Von den Mästern, die vor der Inkrafttretung der Kälberhaltungsverordnung grosse Bedenken gegenüber der Gruppenhaltung aufgrund der Saugproblematik einbrachten, wird inzwischen überraschend positiv über die Erfahrungen mit der Gruppenhaltung der über acht Wochen alten Kälber berichtet. Häufig tritt jedoch gegenseitiges Belecken und Beknabbern der Kälber in der Gruppenhaltung auf. Auch dies kann, ebenso wie gegenseitiges Besaugen, Zeichen eines unbefriedigten Saugbedürfnisses bei einer ungeeigneten Tränketechnik sein (VEISSIER et al., 1998).

Was läßt sich tun

Wie aber lassen sich die bestehenden Bedingungen in Deutschland verbessern? Eine wesentliche Verbesserung könnte allein dadurch erreicht werden, wenn die Vermarktung von Kalbfleisch unabhängig von der hellen Fleischfarbe wäre. Gesetzliche Bestimmungen gibt es in Deutschland nicht, bei den einzelnen Abnehmern (Westfleisch, Brüninghoff etc.) ist das Merkmal der blassen Fleischfarbe aber ein wichtiges Vermarktungskriterium.

Die einzelnen Abnehmer unterscheiden sich hinsichtlich der Toleranz der Fleischfarbe, abhängig von den Vermarktungsmöglichkeiten. Einige tolerante Abnehmer akzeptieren bis zu 10% “rote” Kälber in einer Charge. Diese Kälber sind meist sogenannte “Pansentrinker”, die die Milchtränke fehlverdauen und deshalb nur mit Kraft- und Rauhfutter gemästet werden konnten. Nach Aussagen der Kälbermäster werden diese häufig als “Biokälber” vermarktet, die artgerecht gefüttert wurden. Diese Kälber wurden freilich unter ansonsten gleichen Haltungsbedingungen gehalten wie die herkömmlich vermarkteten Mastkälber. Wird der vom Abnehmer akzeptierte Anteil “roter” Kälber überschritten, kommt es zu Abzügen für den Mäster, die nicht unerheblich sind. Meist wird das Fleisch dann als Kuhfleisch klassifiziert, was einen Wertverlust von etwa der Hälfte bis zu zwei Dritteln bedeutet. Aber nicht jedes rosa Kalbfleisch entstammt derartigen seltsamen Vermarktungszweigen. Es gibt auch Marketingkonzepte, wie beispielsweise von Biopark e. V. in Mecklenburg-Vorpommern, die rosa Kalbfleisch aus Mutterkuhhaltung anbieten.

Ein Hauptstein im Weg zur besseren Mastkälberhaltung scheint die Akzeptanz der VerbraucherInnen zu sein. Zum einen schwirren in den Köpfen noch immer die Assoziationen der besseren, gesünderen und leicht bekömmlichen Qualität des Kalbfleisches, zum anderen läßt sich blasses Fleisch auf einfache Weise eindeutig als Kalbfleisch identifizieren. Das Vertrauen muss gross sein, wenn für das rote Fleisch direkt neben dem roten, billigen Suppenfleisch von der Kuh dreimal mehr bezahlt werden soll, nur weil es angeblich von einem Kalb stammt. Zudem glauben viele Verbraucher, dass Kalbfleisch einfach normalerweise blass ist, weil die Tiere noch so jung sind. In der Vergangenheit hat es schon einige Aufklärungskampagnen über den Hintergrund des Kalbfleisches gegeben, mit nur einem geringen Erfolg.

Erfolge in der Schweiz

Ein Beispiel aus der Schweiz zeigt aber, dass konsequente, qualifizierte Tierschutzarbeit in dieser Hinsicht doch einiges Bewirken kann.

Die schweizerischen Tierschutzorganisationen, insbesondere der Schweizer Tierschutz (STS), führten über mehrere Jahre umfangreiche Aufklärungskampagnen in der Öffentlichkeit durch. Ende des Jahres 1998 riefen der STS und die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) bundesweit für eine Woche zum Boykott von Kalbfleisch auf (LID Mediendienst). Die Folgen des Boykotts und die zunehmende Aufgeklärtheit der Kunden bezüglich der Fleischfarbe führte dazu, dass seit 1999 die Schweizerische Genossenschaft für Schlachtvieh- und Fleischversorgung (GSF) auf Abzüge beim Aufkauf dunkler gefärbten Kalbfleisches für die Erzeuger verzichtete. Auch die Mäster begrüßten diesen Schritt, da auch sie, vermutlich aufgrund der höheren Zunahmen durch eine Rauhfutterfütterung, den Kälber gern Rauhfutter anbieten wollten. Dabei muß hinzugefügt werden, dass auch vor diesem Entschluß die Haltungsbedingungen der Mastkälber in der Schweiz nicht so schlecht waren, da sie, wie bereits erwähnt, alle auf Stroh gehalten wurden. Sie hatten jedoch häufig keinen Zugang zu zusätzlichem Rauhfutter (EGGER, 1995).

Verbesserung der Verordnung

Neben der Verbraucheraufklärung wären auch Verbesserungen im gesetzlichen Bereich wünschenswert. Insbesondere die Haltung der Kälber auf Stroh und das Verabreichen der Milchaustauschertränke über Sauger sind Maßnahmen, die das Wohlbefinden der Mastkälber deutlich steigern können. Zudem sollte der Gesetzgeber den geforderten Mindest-Hämoglobin-Wert erhöhen, um eine Anämie der Kälber sicher auszuschließen. Eine strengere Verordnung in Deutschland birgt jedoch die Gefahr, dass durch innereuropäische Wettbewerbsnachteile das Problem der wenig tiergerechten Kälbermast lediglich in andere, kälbermastintensivere Länder wie die Niederlande, Frankreich oder Italien verlagert wird. In diesen Ländern sind zum einen die gesetzlichen Forderungen nicht so weitreichend, zum anderen ist die Lobby der Kälbermäster dort noch stärker ausgeprägt. Aufgrund dessen ist eine Verbesserung der rechtlichen Grundlagen auf EU-Ebene notwendig.

LITERATUR:

BOGNER, H., G. PRANCKH u. A. GRAUVOGL (1986): Die Verwendung von Grobfutter bei der Mast von Kälbern mit Flüssigmilch aus der Sicht der Ethologie. Tierärztl. Umsch. 41, S. 834-836.

BOSTEDT, H., R. HOSPES, A. WEHREND u. P. SCHRAMEL (2000): Auswirkungen einer parenteralen Eisenzufuhr auf den Eisenversorgungsstatus in der frühen postnatalen Entwicklungsperiode beim Kalb. Tierärztl. Umsch. 55, S. 305-315.

BÜNGER, H. (1931): Die Kälbermast. Verlag Paul Parey, Berlin (Anleitungen der Dt. Gesell. für Züchtungskunde. Nr. 16)

BÜNGER, U., P. SCHMOLDT u. J. PONGÉ (1986): Orale und parenterale Eisenmangelbekämpfung in Beziehung zum Ablauf von Erkrankungen bei Tränkekälbern aus verschiedenen Herkunftsbetrieben. Mh. Vet.-Med. 41, S. 302-306.

BÜNGER, U., K.A. SCHLAEFER u. U. GRAETSCH (1987): Bekämpfung des Eisenmangels bei Kälbern sowie Auswirkungen auf Pneumonie- bzw. Durchfallerkrankungen und Lebendmassezuwachs. Mh. Vet.-Med. 42, S. 357-363.

DUNCAN, I.J.H., J. RUSHEN u. A.B. Lawrence (1993): Conclusions and implications for welfare. In: A.B. LAWRENCE u. J. RUSHEN (Hrsg.):Stereotypic animal behaviour: Fundamentals and applications to animal welfare. Verlag CAB International, Wallingford, S. 193-206

EGGER, I. (1995): Muss an Mastkälber Heu verfüttert werden? Agrarforschung 2(5): S. 169-172.

GEBAUER, H. (1960): Zur Weißfleischfrage. Tierärztl. Umsch. 15, S. 93-94.

GODFREY, N.W. (1969): The functional development of the calf. II. Development of the rumen function in the calf. J. Agric. Sci. 57, S. 177-183

KOOIJMAN, J., H.K. WIERENGA u. P.R. WIEPKEMA (1991): Development of abnormal oral behaviour in group-housed veal calves: effects of roughage supply. In: J.H.M. MEtz u.

GROENESTEIN (Hrsg.): New trends in veal calf production. Proceedings of the international symposium on veal calf production, Wageningen, Niederlande, 14-16 March 1990. Verlag EAAP Publications, Wageningen, S. 54-58

NEUMANN, W. u. G. GRIEB (1968): Der Einfluß der Dunkelstallhaltung auf die Mast von Schweinen und Rindern sowie auf einige Leistungen bei Zuchtschweinen. Tierzucht 22, S. 354-357

PLATH, U. (1999): Beurteilung verschiedener Tränketechniken und Betreuungsmaßnahmen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die oralen Aktivitäten, den Gesundheitszustand und die Mastleistung über zwei bis acht Wochen alter Mastkälber in Gruppenhaltung. Diss., Hannover
SAMBRAUS, H.H. (1978): Verhalten des Kalbes. (In: SAMBRAUS, H.H. (Hrsg.): Nutztierethologie. Verlag Paul Parey, Berlin und Hamburg, S. 98-99

TER WEE, E., H.K. WIERENGA, I.P. JORNA u. A. C. SMITS (1991): Health of veal calves in 4 systems of individual housing during the first weeks of the fattening period. In: J.H.M. MEtz u. GROENESTEIN (Hrsg.): New trends in veal calf production. Proceedings of the international symposium on veal calf production, Wageningen, Niederlande, 14-16 March 1990. Verlag EAAP Publications, Wageningen, S. 81-84

VAN PUTTEN, (1987): Housing and management concepts in todays ceal production. In: M.C. SCHLICHTING u. D. SMIDT (Hrsg.): Agriculture. Welfare aspects of housing systems for veal calves and fattening bulls. Commission of the European Communities, Luxembourg, Report EUR 10777 EN, S. 45-59

VEISSIER, I., I. CHARPENTIER u. G. DESPRÈS (1998): Incidence of sucking compared to drinking milk on behaviour and heart rate of calves. In: VEISSIER, I. u. A. BOISSY (Hrsg.): Proceedings of the 32nd Congress on Applied Ethology, Clermont-Ferrand. Institut National de la Recherche Agronomique, France S. 185

WEBSTER, A.J.F. u. C. SAVILLE (1981): Rearing of veal calves. In: Alternatives to Intensive Husbandry Systems. Verlag Universities Federation for Animal (UFAW), Potters Bar, S. 86-94

WIEPKEMA, P.R., K.K. VAN HELLEMOND, P. P. ROESSINGH u. H. ROMBERG (1987): Behaviour and abomasal damage in individual veal calves. Applied Animal Behaviour Science 18, S. 257-268

ZMP (Informationsdienst für die Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft Nachrichten) (2000): Kälbermast lohnt sich kaum. Jahrg. 38, Nr. 39 (http://www.Zmp.de/presse/nachrichten/zmpnac49.htm#no1)

LID Mediendienst; Nr. 2393 vom 17.12.1998
(http://www.lid.ch/altpd/Mediendienst98/md2393/seite6.html)

RECHTSTEXTE

Verordnung zum Schutz von Kälbern bei Stallhaltung (Kälberhaltungsverordnung) vom 1. Dezember 1992, Bundesgesetzblatt Teil I, Nr. 55, S. 1977-1980

Erste Verordnung zu Änderung der Kälberhaltungsverordnung vom 22. Dezember 1997, Bundesgesetzblatt Teil I, Nr. 88, S. 3326-3327

Richtlinie 91/629/EWG des Rates vom 19. November 1991 über Mindestanforderungen für den Schutz von Kälbern, Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften, Nr. L 340, S. 28-30

Richtlinie 97/2/EG des Rates vom 20. Januar 1997 zur Änderung der Richtlinie 91/629/EWG über Mindestanforderungen für den Schutz von Kälbern, Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften, Nr. L 25, S. 24-25

Desire to go

Tierschutz und Schlittenhundesport

von Wolfram Schön

aus Veto 48 – 2000, S. 42-45

Die Zucht hat aus dem Allroundtalent Wolf zahlreiche hochspezialisierte Gebrauchshunderassen entstehen lassen, die nicht nur von ihrem Exterieur sondern auch von ihrem Verhaltensmuster an die jeweilige Aufgabe angepaßt sind. Die artgerechte Haltung von Gebrauchshunden erfordert, daß auch diesen Bedürfnissen Rechnung getragen wird, indem ursprüngliche (z.B. Hütearbeit) oder zumindest vergleichbare Aufgaben (z.B. Agility) angeboten werden. 

Schlittenhunden sind Laufhunde, was sich auch in ihrer Verhaltensontogenese widerspiegelt. So sind Siberian Husky-Welpen erheblich früher als Welpen anderer Hunderassen bzw. Wolfswelpen zu koordinierten Bewegungsmustern fähig (ALTHAUS 1982). 

Dem Rassemerkmal Bewegungsbedürfnis („desire to go“) muß eine artgerechte Haltung Rechnung tragen. Die „normale“ Haltung als Begleithund, der zweimal am Tag an kurzer Leine zum nächsten Grünstreifen ausgeführt wird, führt bei Schlittenhunden nicht selten zu Verhaltensstörungen (v.a. destruktives Verhalten). Die Besitzer geben solche Tiere häufig im Alter von 8-12 Monaten ab, nicht selten mit der Endstation Tierheim. 

Zu den Schlittenhunden zählen die FCI-anerkannten Rassen Siberian Husky, Alaskan Malamute, Samojede und Grönlandshund, während der Kanadische Eskimohund ausschließlich vom Canadian Kennel Club anerkannt wird. Schlittenhunde haben ihre Funktion als Arbeitstiere der arktischen Subsistenzwirtschaft weitgehend verloren. Teilweise wurden auch die halbnomadischen Kulturen der Inuit oder der ostsibirischen Tschuktschen zerstört, sodaß dort die Basis der Hundezucht verloren gegangen ist. Jedoch sind Samojeden, Alaskan Malamutes, Siberian Huskies und Grönlandshunde als alte Haustierrassen Kulturgüter der Menschheit und damit erhaltenswert. 

Daneben gibt es Schlittenhunde ohne registrierte Zucht, die traditionell als Alaskan Huskies bezeichnet werden. Ursprünglich waren hiermit die Hunde der Ureinwohner gemeint (synonym: „Indian Dogs“), inzwischen wird der Begriff für die Gebrauchskreuzungen aus nordischen Hunden, Windhunden oder Jagdhundrassen verwendet, die eigens für den Schlittenhundesport gezüchtet werden. Deren Exterieur und Fellbeschaffenheit unterscheidet sich teilweise jedoch stark von den Hunden arktischer Herkunft. 

Schlittenhundesport 

Schlittenhunderennen sind keine Erfindung des weißen Mannes, sie wurden bereits von der Urbevölkerung Ostsibiriens durchgeführt. So wurde bei den Korjaken das unterlegene Team nach dem Rennen komplett den Göttern geopfert… Zu Beginn des 20. Jahrhunderts organisierten die Goldgräber in Alaska Schlittenhunderennen, und von dort breitete sich der Sport nach Kanada und die südlichen Staaten der USA aus. 

Der Schlittenhundesport wird seit Anfang der siebziger Jahre auch in Europa betrieben. Innerhalb von etwa zwanzig Jahren sind die Rennen von Veranstaltungen weniger Enthusiasten zu Medienereignissen geworden, die von Futterfirmen oder auch Wintersportorten zu Werbezwecken genutzt werden. Die Rennen werden in verschiedenen Disziplinen durchgeführt (Sprint ca. 8-20 km, Middle Distance ca. 40 km, Longtrail 70km und mehr), gestartet wird in verschiedenen Klassen ( je nach Anzahl der Hunde). Eine Sonderform ist der Skandinaviersport, bei dem ein bis drei Hunde einen Lastenschlitten ziehen, gefolgt vom Musher (Hundeführer) auf Langlaufskiern. Nach dem Vorbild des Iditarod in Alaska werden auch in Europa mehrtägige Etappenrennen veranstaltet (z.B. TransThüringia, Scandream). Im Gegensatz zu den USA, wo z.T. fünfstellige Dollarbeträge als Preisgelder winken, haben die europäischen Rennen keinen kommerziellen Charakter. Weniger bekannt ist der Tourensport, der jedoch der ursprünglichen Verwendung der Hunde am nächsten kommt. Hier geht es um die Überwindung mittlerer Distanzen z.T. mit Lasten, jedoch ohne Wettkampfcharakter. Schneerennen sind bei uns, abhängig von der Wetterlage, nur in Mitteloder Hochgebirgslagen möglich, sodaß die Mehrzahl der Rennen mit speziellen Trainingswagen veranstaltet wird. Schlittenhundesportler sind in einer Vielzahl von Vereinen organisiert, wobei eine „offene“ und eine „reinrassige“ Szene unterschieden werden kann. 

Haltung 

Schlittenhunde werden meist in größerer Anzahl gehalten, wobei in Großzwingern Nordamerikas hundert Hunde und mehr zu finden sind. Ein Zwingerbau ist in den abgelegenen Regionen oft nicht möglich, auch kann eine Umzäunung infolge starker Schneefälle unwirksam werden. Dort hat sich eine Haltungsform etabliert, bei der der Hund an einem Pfahl mit Kette befestigt ist. Die Bewegungsmöglichkeit ist gering, wichtige soziale Körperkontakte zwischen den Tieren sind nicht möglich. Dennoch gab es in der Schlittenhundeszene Veröffentlichungen, die diese Haltungsform unkritisch befürworteten. 

Bei uns ist die Haltung von Schlittenhunden aufgrund gesetzlicher Bestimmungen nur in Zwingern möglich. Der Zwingerhaltung haftet ein schlechter Ruf an, da es z.B. bei der Einzelhaltung von Wachhunden zur sozialen Deprivation der Tiere kommen kann. Diese Gefahr ist jedoch bei einer Gruppenhaltung von Schlittenhunden nicht gegeben, da die Tiere ihre sozialen Verhaltensmuster ausleben können. 

Das mitteleuropäische Klima stellt für die Hunde kein Problem dar, erforderlich ist jedoch neben der vorgeschriebenen Hütte eine Teilüberdachung als Witterungsschutz (Schatten im Hochsommer!). Die Umzäunung muß Kletter- wie Untergrabeversuchen standhalten, da der Jagdtrieb freilaufender Schlittenhunde für Haus- oder Wildtiere gefährlich werden kann. Der Zwinger muß eine angemessene Größe haben, zusätzlich ist den Hunden eine Auslaufmöglichkeit zu bieten. 

Die Teilnahme an Schlittenhunderennen ist ein sehr kosten- und zeitintensives Hobby, besonders wenn man der Faszination eines großen Teams erlegen ist. Vereinzelt unterschätzen Musher dabei die hohen Folgekosten und den erheblichen Zeitbedarf. Hier kann es zu tierschutzrelevanten Bedingungen kommen, wenn etwa Unterbringungs- und/oder Transportmöglichkeiten der gestiegenen Hundezahl nicht mehr angemessen sind. Wenn die Versorgung eines großen Teams sämtliche verfügbare Zeit der Familie oder Lebensgemeinschaft beansprucht, führt jede Änderung der Lebenssituation z.B. durch berufliche Veränderung, Trennung etc. zu massiven Problemen und nicht selten dazu, daß ganze Teams abgegeben werden. 

Transport von Schlittenhunden 

Meist werden die Hunde in selbstgebauten Boxenaufbauten auf Kleinlastern, Pick-Ups bzw. Pkw-Anhängern zu den Rennen transportiert. Gesetzliche Anforderungen an den Transport bestehen nicht, da die Tierschutztransportverordnung nur für den gewerblichen Bereich gilt. In den Boxen müssen die Hunde aufrecht stehen können, jedes Tier muß ausreichend Platz zum Liegen haben. Wegen der größeren Verletzungsgefahr bei Notbremsungen bzw. Unfällen sollten die Boxen andererseits nicht zu groß bemessen sein. Der Boden muß rutschfest und griffig sein, damit Fahrzeugbewegungen abgefangen werden können. 

Hundetransporter. Bild: Wolfram Schön.

Doppelte oder isolierte Außenwände sind notwendig, um die Kondensation der Luftfeuchtigkeit zu verhindern. Die Boxen müssen ausreichend, aber zugfrei belüftet werden, dabei dürfen Feuchtigkeit oder Abgase nicht eindringen. Die Trennwände zwischen den Boxen sollten geschlossen sein, um Zugluft und sozialen Streß durch Rangdruck zu vermeiden. Da die Hunde am Rennplatz zeitweise auch in den Boxen untergebracht werden, ist eine Sichtmöglichkeit nach außen notwendig. 

Ein Gebrauch von Lieferfahrzeugen mit Transportregalen, die zur Mitte offen sind, ist als tierschutzwidrig abzulehnen, da die Hunde z.T. mit kurzen Anbindeketten fixiert werden. Damit besteht keinerlei Bewegungsmöglichkeit und eine erhebliche Verletzungsgefahr (bis hin zur Strangulation) bei Notbremsungen oder Unfällen. 

Durchführung von Schlittenhunderennen 

Am Rennort werden die Hunde meist an einem „StakeOut“ untergebracht. Dies ist eine zwischen zwei Pflöcken befestigte Kette oder ein Stahlseil, mit kurzen Seitenketten in regelmäßigen Abständen, an denen die Hunde per Halsband angebunden sind. Ketten haben den Vorteil, daß sie im Gegensatz zu Stahlseilen keine Schlaufen bilden, die sich leicht um Gliedmaßen der Hunde wickeln können.Wird das „Stake-Out“ direkt am Fahrzeug befestigt, können oftmals nur sehr kurze Einzelketten verwendet werden, die diese Bedingungen nicht erfüllen.Die Länge der Einzelketten am Stake-Out müssen so bemessen sein, daß die Hunde unbehindert stehen, liegen und Kontakt zum Nachbartier aufnehmen können. Das Reglement sieht eine tierärztliche Kontrolle vor, bei dem kranke oder leistungsgeschwächte Hunde vom Start ausgeschlossen werden können. Jegliche Zwangsmittel sind bei Rennen verboten. Wenn Hunde aus dem Rennen genommen werden müssen, werden sie auf dem Schlitten zum Ziel zurückgebracht. Steigt die Außentemperatur auf 15° Celsius, sind die Rennen abzubrechen, um der Gefahr einer Überhitzung der Hunde zu entgehen. Wie in jeder Sportart mit Tieren, kann falscher Ehrgeiz dazu führen, daß an Rennen teilgenommen wird, auf die die Tiere nicht entsprechend vorbereitet wurden. 

Stake-Out. Bild: Wolfram Schön.

Tierrechtler 

Eine Gruppe von Tierrechtlern lehnt den Schlittenhundesport grundsätzlich ab und versucht auf großen Rennen Aufmerksamkeit durch Flugblatt- oder Störaktionen zu erreichen. Ihre Publikationen versuchen bei den Besuchern den Eindruck zu erwecken, daß die Unterbringung am Rennort in Boxen bzw. Stake-Out (Kettenhunde!) der ständigen Haltung der Tiere entspricht. Auch würden die Hunde nur durch Zwang zum Laufen gebracht, ein Vorwurf, der kaum nachvollziehbar ist, wenn man einmal die Ungeduld von Hundeteams am Start erlebt hat. Diese Positionen beeinflußten einen Bericht in dem ARD-Magazin REPORT (Mai 98) unter dem Titel „Formel eins auf vier Pfoten“. Dort wurde per verdecktem Interview von tierschutzrelevanten Trainingsmethoden (angeblich auf Laufbändern im Keller bzw. mit Teletakt) berichtet, wobei diese Hunde aber nicht auf Rennen zum Einsatz kämen. Für welchen Zweck sie dann eigentlich trainiert werden, blieb offen. Auch wurde beklagt, daß Alaskan Huskies auf einem Rennen angeblich vor Kälte zittern, während der Renntierarzt von Problemen mit Überhitzung berichtete. Diese und etliche andere Ungereimtheiten lassen erhebliche Zweifel an der journalistischen Qualität des Berichtes aufkommen. Auch wenn die angeführten Behauptungen leicht zu widerlegen sind, kann der Schlittenhundesport diese Kritik nicht einfach ignorieren. 

Initiativen im Bereich von Schlittenhundesport und – haltung 

Nicht immer ist die Haltung von Schlittenhunden artgerecht: Ursache dafür ist sowohl der Einzelhundebesitzer, der sich mit einem blauäugigen Husky als schickem Accessoire schmückt, wie auch der Hundesportler, der in seinen Tieren so etwas wie belebte Sportgeräte sieht. Die letztgenannte Grundhaltung ist nicht „schlittenhundespezifisch“, sondern in ähnlicher Weise überall dort zu finden, wo Sport mit Tieren betrieben wird. Hier sind die Sport- und Zuchtverbände gefordert. Ungeachtet der Tatsache, daß ungerechtfertigte Kritik zurückzuweisen ist, genügt in den übrigen Fällen keinesfalls der Hinweis auf die berühmten „Schwarzen Schafe“. Die Verbände werden daran gemessen werden, welche Maßnahmen sie konkret ergreifen, um tierschutzwidrigen Zuständen zu begegnen. 

Tierschutzarbeit im Bereich des Schlittenhundesportes kann nur erfolgreich sein, wenn sie zwei Aufgaben ernst nimmt: Aufklärungsarbeit und Wissensvermittlung über die ethologischen Bedürfnisse von Schlittenhunden, sowie Sanktionsmöglichkeiten. Ein Rennreglement, das irgendwo und unverbindlich das „tierschutzgerechte Auftreten des Mushers“ fordert, ist als unzulänglich einzustufen. Aber auch ausgeklügelte Tierschutzbestimmungen allein schaffen keine besseren Zustände, wenn ihre Bedeutung nicht auch nach außen vermittelt wird. Insofern ist bei der Durchsetzung Sachverstand und kein „Zollstocktierschutz“ gefragt. Letzterer hätte eine fatale Auswirkung auf die notwendige Einsicht unter den Schlittenhundesportlern. Wer jedoch Tierschutzanforderungen in gravierender Weise mißachtet, muß auch mit einem Startverbot rechnen. Ebenso genügt es nicht, Mindestanforderungen an die Haltung in Zuchtzwingern zu verabschieden, wenn diesen nicht durch entsprechende Sanktionen gegen unwillige Mitglieder auch Nachdruck verliehen werden kann. 

ISDVMA 

Die International Sled Dog Veterinarian Medical Association sammelt und verbreitet veterinärmedizinische und andere wissenschaftliche Erkenntnisse, die für den Schlittenhundesport relevant sind. Dies geschieht durch regelmäßige Publikationen, wie auch durch Fortbildungsveranstaltungen für Tierärzte. Tierärzte der ISDVMA stellen bei den großen Rennen in Alaska (Iditarod) die medizinische Versorgung in den Checkpoints sicher und haben das Recht, Hunde aus dem Rennen zu nehmen. 

Mush with P.R.I.D.E. 

Nach amerikanischem Vorbild entstand diese Initiative der großen Schlittenhundesportverbände (DSSV, AGSD, TCE) und des SHC. Sie hat eine Tierschutzbroschüre (Verantwortungsbewußt leben mit Schlittenhunden) herausgegeben, die sowohl Grundinformationen für Zuschauer bei Rennen bietet, wie auch detaillierte Tierschutzanforderungen beschreibt. Dabei nehmen Transport, Haltung am Rennort sowie das Rennen selbst einen breiten Raum ein. Aber auch Haltung, Sozialansprüche, Erziehung und Gesundheitsvorsorge werden behandelt. Auch Fortbildungsveranstaltungen für Schlittenhundesportler werden organisiert. Als ersten Erfolg hat die ESDRA die Broschüre zum Teil ihres Rennreglements gemacht. Die ESDRA hat darüber hinaus eigene „Animal Welfare Judges“ ausgebildet, die auf den Rennen die Einhaltungen der Tierschutzbedingungen überwachen sollen. Die Anforderungen von Mush with P.R.I.D.E. müssen als verbindlicher Teil des Reglements durchgesetzt und auch nach außen vermittelt werden. Da nicht wenige Rennen internationale Beteiligung haben und auch hier ein einheitliches Niveau des Tierschutzes unabdingbar ist, müssen die Anforderungen über die nationalen Verbände zu deren Mitgliedern transportiert werden. 

Die Frage ist, welche Auswirkungen der Schlittenhundesport, ungeachtet der Faszination für den Menschen, auf die Hunde hat. Da Schlittenhunde (v.a. Siberian Huskies) in größerer Zahl in Deutschland verbreitet sind, muß auch eine artgemäße Beschäftigung für diese Hunde geschaffen werden. Zu ihren typischen Eigenschaften gehört jedoch nicht nur ihr charakteristisches Exterieur, sondern auch die Fähigkeit, angepaßt an ihren Lebensraum, für den Menschen eine Arbeitsleistung erbringen zu können. Wird diese als gleichrangiges Zuchtziel gesehen, findet zudem eine Selektion auf Vitalität statt. 

Daher sind Zuchtfehler, wie z.B. die Hüftgelenksdysplasie, bei Schlittenhunden wesentlich seltener als bei anderen Rassen. Um diese Arbeitsfähigkeit zu erhalten, gibt es zum Renn- oder Tourensport keine Alternative. Nicht zuletzt deshalb haben Zuchtverbände Leistungsprüfungen als Teil der Zuchtzulassung etabliert. 

Der Schlittenhundesport bedarf jedoch intensiver Tierschutzaktivitäten der Verbände. Es wäre jedoch zu wünschen, daß sich alle Organisationen daran beteiligen. Nur so kann der notwendige hohe Standard flächendeckend erreicht werden. 

Abkürzungsverzeichnis 

FCI – Federation Canine International
SHC – Siberian Husky Club
AGSD – Arbeitsgemeinschaft Schlittenhundesport Deutschland
DSSV – Dt. Schlittenhundesportverband
ESDRA – European Sleddog Racing Association
TCE – Trail Club of Europe
Mush with P.R.I.D.E – Providing Responsible Information on a Dogs Environment 

Ohrenschmaus & Ohrengraus

Über die veterinärmedizinische Vorlesungslandschaft und Ansätze zur Verbesserung

Hund liegt auf Bücherstapel

von Jan Herrmann

aus Veto 48 – 2000, S. 8-12

Als ich 1989 mit meinem Studium begann, hielt Professor Rundfeldt, ein mittlerweile emeritierter Vertreter der Biometrie, einen grandios abstrakten Eröffnungsvortrag. Er konfrontierte die Studienanfänger mit dem Begriff „Informationsdichte“ und beschrieb dabei das Problem des jährlichen Wissenszuwachses. Wir hörten, dass in Vorlesungen Informationen vermittelt würden und je mehr davon ein Vortragender pro Zeiteinheit absondere, desto höher sei die Informationsdichte. Jede neue Generation von Studienanfängern sei bei unveränderten Regularien (d.h. bei gleicher von der TAppO vorgegebener Stundenzahl) wieder um einige Prozentpunkte herausgeforderter, da der Wissenszuwachs eine höhere Informationsdichte in den Vorlesungen erfordere.

Stand der Dinge

Nun stellt sich die Frage, wie die Fachvertreter heute mit dem Faktor Informationsdichte in ihren Vorlesungen umgehen. Läßt sich überhaupt beschreiben, wie eine Vorlesung aussieht, die ein Optimum an Informationen vermittelt? Es ist natürlich nicht so, daß alle brandneuen Forschungsergebnisse unmittelbar in die Vorlesungen einfließen und die Informationsdichte innerhalb der begrenzten Stundenzahl einer Vorlesung geschwürhaft anwachsen lassen. Insgesamt aber läßt sich ein Trend zu mehr Informationen, die in nicht adäquater Zeit übermittelt werden sollen, nicht leugnen. Junge Beispiele für Wissenszuwächse sind die Erkenntnisse und Darstellungen aus modernen bildgebenden Verfahren (Sonographie, Endoskopie, Computertomographie), die zunehmend Einzug in die Lehre finden.

Vorlesungs-Alltag

Die gewaltigste Verdichtung von Informationen findet wohl in der hannoverschen Kleintierklinik statt. Dort waren Vorlesungen an der Tagesordnung, in denen die Dozenten durch Folienditschen1 die Informationsdichte in schwindelerregende Höhen trieben.

Dies ist ein Extrembeispiel für eine Vorlesung mit ausgesprochen hoher Dichte an Informationen – allerdings nur auf Seiten der Vortragenden. Aha, da war doch noch etwas… Der bis hier benutzten Definition der Informationsdichte fehlt nämlich ein wichtiger Faktor: Der Informationsempfänger.

Nicht die Geschwindigkeit mit der Termini in freier Rede aneinandergereiht werden, oder das hochfrequentielle Weiterklicken von Textwüsten auf Folien und Dias bestimmen die Informationsdichte. Die Zuhörer bestimmen, wieviel Wissen vermittelt wird. Und es obliegt den Dozenten, diesen Wert auch durch andere Maßnahmen als reine Stoffmenge in angemessene Höhen zu schrauben.

Alle Dozierenden, die sich vor Augen führen, dass nicht die Fakten alleine eine gute Vorlesung ausmachen, haben schon einen entscheidenden Blick auf ihr eigenes Tun geworfen. Der veterinärmedizinische Hochschulalltag sieht aber anders aus. Noch immer die meisten Vorlesungen stellen ein auf den reinen Wissensstoff reduziertes Angebot dar, der linear abgearbeitet wird, nicht viel anders als es auch in einem Lehrbuch zu lesen wäre.

Was ist eine gute Vorlesung?

Wann ist nun eine Vorlesung erfolgreich? Wenn die Studierenden mit vielen vollgeschriebenen Seiten nach Hause gehen? Wenn zahlreiche neue Termini die Köpfe zum Brummen gebracht haben? Oder wenn man die Vorlesung mit schmerzender Bauchmuskulatur verläßt, weil die Dozentin so tolle Witze erzählen konnte?

Ich finde es sehr einfach, eine gute Vorlesung zu beschreiben. Nach der Vorlesung möchte ich einen sofort anwendbaren Überblick über das gelesene Thema haben. Dazu gehören vielleicht ein paar Termini, aber vor allem das Verständnis einer Struktur oder eines grundlegenden Systems. Feinheiten, die zwar in einer Vorlesungsstunde les- aber nicht erfassbar wären, kann ich mir selbst erarbeiten, da ich ausreichend Empfehlungen für weitere Beschäftigung erhalten habe. Ausserdem hilft mir der Enthusiasmus des Vortragenden, dass ich es kaum erwarten kann, mehr zu dem Thema zu erfahren, also zu Hause mal ein Buch aufschlage und eine kaum beherrschbare Lust verspüre, die nächste Vorlesung zu besuchen.

Wie kann nun der Vortragende seinen Anteil dazu beitragen, dass die Zuhörer derart paradiesisch wohlgestimmt den Hörsaal verlassen?

Studieren nach Regeln

Man könnte glauben, dass so etwas wie die Informationsdichte doch irgendwo amtlich geregelt sein muß. Gibt es nicht neben irgendeiner EU-Karamelbonbon-Importverordnung auch eine Vorschrift für die Informationsdichtenmittelwerte in der tiermedizinischen Ausbildung?

Die Approbationsordnung für Tierärzte (TAppO) gibt sehr knapp formuliert vor, wie Lehrinhalte inhaltlich aussehen sollten und mit wieviel Stunden die einzelnen Fächer ausgestattet werden (TAppO Anlage 1). Die TAppO sollte eigentlich die Instanz sein, die alle Jubeljahre wieder die Lehrinhalte entschlackt und durch neue Aufteilungen und Gewichtungen die Besinnung auf das Notwendige und Wesentliche ermöglicht. Die TAppO neuen Situationen anzupassen ist aber ein langwieriger und aufgrund der vielen beteiligten Interessen steiniger Weg, der nicht die notwendige Flexibilität für Änderungen beinhält. Die TAppO bleibt also nur eine recht abstrakte Grundlage und läßt genug Spielraum für verschiedenartige Vorlesungsmodelle.

Die neue TAppO ist verabschiedet und gilt für die Studierenden, die ihr Studium im Wintersemester 2000/2001 beginnen. Es ist zu recht drastischen Umverteilungen zwischen den Lehrbereichen kom- men (Für eine Gegenüberstellung der Stundenzahlen siehe http:// www.tiermedizin.de/tierme98/stud/tappo.htm).

Neues Wissen, dass für die Grundausbildung als wesentlich erachtet wird, sollte idealerweise seinen Platz durch Verteilung der Stundenzahlen bei Reduzierung (und keinesfalls Komprimierung) des Inhaltes der gekürzten Fächer bekommen. Es wird aber nirgends vor- geschrieben, wie die Fachvertreter mit den Stundenzahlverringerungen umzugehen haben.

Langfristig wird die Tiermedizin in Deutschland der Schwerpunktbildung schon im Studium nicht ausweichen können, um dem Wissenszuwachs und der Lehrbarkeit des Wissens gerecht zu werden (Martens 1999).

Die TAppO im Internet: http://www.vetmed.uni-muenchen.de/ studium/tappo.html (Heute ungültiger gedruckter Link –>Aktueller Link)

Wie werden Vorlesungen besser?

Wenn man auf dem Weg zu einer besseren Vorlesung die fachliche Eignung der Dozenten voraussetzt, bleibt etwas übrig, das im tiermedizinischen Hochschulbetrieb ein Leben im Untergrund führt: Didaktische Kompetenz.

Vortragende zeigen Ihre didaktischen Fähigkeiten, wenn sie nicht nur ihren Wissens-Stoff ins Publikum streuen, sondern auch dafür Sorge tragen, wie am meisten von den Informationen aufgenommen, verstanden und erinnert wird.

Die Vorbereitung eines didaktischen Unterrichts setzt voraus, dass sich der Dozent über die Ziele der Vorlesung im Klaren ist. Was die Studierenden am Ende der Vorlesung verstanden haben sollen, muß deutlich formuliert sein! Es hilft hier nicht, einfach „Alles“ zu sagen. JedeR muß realistisch den Umfang des mitnehmbaren Wissens beurteilen und sich über die Erfüllung des Anspruchs auch gelegentlich bei den Studierenden versichern. KASKE und REHAGE (Artikel in dieser Veto) nennen das anwendbare Wissen mit dem die Studierenden die Vorlesung verlassen „Get home message“, SEELER et al. (1994) sprechen von Schlüsselkonzepten.

Gute Vortragende wissen auch, wie der typische Alltag von Studierenden ihrer Vorlesungen aussieht. Welche anderen Fächer haben die Studierenden zu absolvieren? Wieweit darf die Freizeit für Nach- und Vorbereitung mit eingeplant werden? Es ist eben unsinnig, die Studierenden besonders motivieren zu wollen, wenn am nächsten Tag die Konkurrenz ein Testat abhält.

Mitschreibwahn

Wer alles mitschreibt, ist nicht gleichzeitig in der Lage, dem Vorlesungsfaden geistig zu folgen. Mitschreibende können nicht mitdenken und reflektieren. Deshalb kann es nicht darum gehen, daß mehrseitige Aufzeichnungen angefertigt werden. Wann immer möglich sollte auf ein gutes Lehrbuch oder Institutsskript verwiesen werden. Alternativ können Vorlesungsfolien als Kopie ausgegeben werden. Die Studierenden haben Angst etwas zu verpassen, diese Angst kann Ihnen durch gezielte Verweise auf die bestehende Literatur genommen werden. („Diese Aufstellung finden Sie im Rosenberger auf S. 123“ u.s.w.)

Ein sehr willkommener Nebeneffekt dieser Literaturverweise ist auch die Erziehung zum selbständigen Fortbilden. Die im oberen Teil erwähnten Wissenszuwächse in der Tiermedizin erfordern nach Abschluß des Studiums eine eigenständige Fortbildung. MARTENS (1999) betont, dass es auch Aufgabe des Studiums sein muß Lernkompetenz zu vermitteln.

Für Vortragende, die sich mit der Ruhe im Hörsaal schwertun, verschwindet durch den Verzicht auf Mitschreiborgien allerdings der Vorteil eines einfach anwendbaren Lautstärkereglers. Eine Folie mit ausreichend Text aufzulegen ist nämlich ein Geheimtip, um einen Vorlesungssaal vom morgendlichen Kaffeeklatsch in eine schweigsame Fleißmasse zu verwandeln.

Eine Vorlesung, in der Texte nur mündlich vorgetragen werden, die so auch nachzulesen sind, ist verschwendete Zeit. Es geht vielmehr darum Fakten in die richtigen Zusammenhänge einzupassen, um dadurch das Verständnis zu erleichtern. Eine Vorlesung sollte den Text komplementieren und supplementieren, nicht aber ersetzen (SEELER et al. 1994). Die Reduzierung des Mitschreibens ist also eine elementare Voraussetzung für den Rollenwechsel der Studierenden von passiven Mithörern zu aktiven Mitdenkern.

Erinnern

Erinnerung funktioniert durch Verknüpfung neuer mit bekannten Informationen. Bei dieser Verknüpfungsleistung muß der Vortragende aktive Hilfe leisten. Er kann Beispiele anbringen, die abstrakte Vorgänge verständlich machen. KASKE und REHAGE betonen den Wert emotionalen Lernens. Die Dozenten, die es vermögen eine emotionale Lernumgebung zu schaffen, werden langfristig höhere Lernerfolge bei Ihren Studenten erreichen können. Ein Beispiel lieferte SCHNAPPER (1999), die die Studierenden in einer Histologieübung mit Beschreibungen und Diapositiven um dreihundert Jahre zurück versetzte und sie die Struktur von Muskelgewebe „neu“ beschreiben ließ.

Sehr effektiv ist eine Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen. Wer sich mit dem Kenntnisstand der Studierenden beschäftigt, weiß an welchen Haken das neue Wissen aufgehängt werden kann.

Die Kenntnis um das Studentenleben verhilft in manchen Fällen auch zu besonders gut aufzunehmenden Vergleichen. Die Herzfrequenz von Jungtieren liegt dann eben mal bei den Beats per Minutes eines aktuellen Techno-Stückes und die von senilen Tieren beim Rhythmus eines Roger Whittaker Schlagers.

Die Studierenden spüren den Enthusiasmus der Vortragenden. Diese Begeisterung kann sich übertragen und Motivation für das Fach schaffen. Neue Entwicklungen wie sie nicht im Lehrbuch zu lesen sind, können gerade aus Sicht des Forschenden gut vermittelt werden, wenn auch die Aufregungen des Laborlebens oder Publizierens trans- parent gemacht werden.

Eine wichtige Motivationshilfe für die Vorklinik ist der Bezug zur klinischen Bedeutung. Dadurch wird das oftmals trockene Grundlagenwissen deutlich hirngängiger gemacht. Aber auch hier macht der Ton die Musik. Mit lustlosen Verweisen auf die Klinik gewinnt man keine Begeisterungsstürme. Wenn dann auch noch gedroht wird, dass man ohne das gerade Gelesene in der Klinik untergehen wird, dann hat man nur einen weiteren erfolgreichen Bei- trag zur Studierenden-Frustration geleistet.

Behaltensquote von Informationen in Abhängigkeit von der Form der Informationsaneignung (in %)
Bundesarbeitsgemeinschaft der jungen Philologen im deutschen Philologenverband 1998 aus ROTHER (1998)

Streichen, Verlagern, Quetschen?

Gibt man didaktischen Prinzipien mehr Raum, kann nicht mehr alles gelesen werden, was auch prüfungsrelevant ist. Aber wie wertvoll ist denn eine gequetschte und kom- primierte Vorlesung, in der wirklich alles einmal gesagt wurde? Das unmittelbare Verständnis der Zuhörer wird deutlich gesenkt und demzufolge wird auch weniger erin- nert. Es bleibt die Mitschrift. Aber Schrift kann man – das sei nochmal mit Nachdruck erwähnt – auch Büchern und Skripten entnehmen, wenn es an die Prüfungsvorbereitung geht. Es ist sowieso der Fall, daß viele Studierende zum Lernen gar nicht auf Ihre Vorlesungsmitschriften zugrei- fen, sondern auf Bücher oder Skripten. Also warum nicht gleich Studentin und Studenten aus einer Vorlesung raus- gehen lassen, in der sie das gelesene unmittelbar verstan- den haben und erinnern können. Wenn man dann auch noch Möglichkeiten schafft, dass die Studierenden ihr Wissen anwenden können, dann schafft das zusätzlich Erfolgser- lebnisse, die die Stimmung und den Lernwillen der Stu- dierenden günstig beeinflussen.

Warum ist das nicht so?

Auch wenn Dozenten den besten Willen zu didaktisch hochwertigen Vorlesungen haben und damit gute Voraus- setzungen mitbringen, stehen die Chancen für eine Umsetzung schlecht. Die Erstellung einer didaktisch optimierten Vorlesung erfordert sehr viel Zeit. Und diese Zeit haben Universitätsangestellte in der Regel nicht. Das Problem für die Dozenten liegt darin, daß sie für didaktische Mühen keine Lorbeeren zu erwarten haben. Es gibt dafür keine zusätzlichen Gelder für das Institut oder die eigene Stelle, keine Karrierehilfe, keine Punkte. So etwas bekommt man nur, wenn man forscht und publiziert, dass sich die Regalbretter biegen. Jede Mühe, die man also in die didaktische Aufbereitung des Stoffes steckt, bekommt einen altruistischen Anstrich.

Auch die enthusiastischen Anfänger im Hochschulbetrieb, die gerade den Seitenwechsel vollzogen haben und sich plötzlich an der Hochschule in einer Position des Lehrenden wiederfinden, müssen plötzlich realisieren, wie es zu den schlechten Vorlesungen kommt, die sie immer verurteilt haben. Die Zeit reicht gerade mal so eben für die Zusammenstellung des zu vermittelnden Stoffes, aber nicht für die Aufbereitung nach didaktischen Prinzipien.

Was ist zu tun?

Die hier genannten Beispiele sind natürlich nicht auf Vorlesungen aller Fächer gleichermaßen anwendbar. Den Studierenden fällt die Aufgabe zu, den Lehrenden auch abseits von offiziellen Evaluierungen ein feedback zukommen zu lassen. Über konstruktive Kritik sind die meisten Dozenten zu erreichen. Die guten in ihrem guten Vorlesungsstil zu bestätigen und die weniger guten durch freundliche Kritik mit Beispielen für’s Bessermachen auf die richtige Fährte zu führen, ist eine Aufgabe, die Studierende gerne übernehmen sollten, wenn Sie an einer Verbesserung der Ausbildung interessiert sind.

Eine wichtige Grundvoraussetzung ist aber auch, den Vortragenden eine gute Vorlesung angenehm zu gestalten. Das bedeutet, dass man den Vortragenden eine Chance gibt, indem man zuhört.

Die Bildungsministerin Edelgard BULMAHN hat Ende Juni 1999 ein Konzept veröffentlicht, nach dem Hochschulprofessoren nicht mehr nur nach Alter sondern nach Leistung entlohnt werden sollen. Wieweit dabei die Lehre einen höheren Stellenwert bekommt, bleibt allerdings fraglich. Nach wie vor wird die Forschung den wichtigsten Platz einnehmen. Es bleibt auch noch die Frage, wie denn gute Lehre zu messen ist. In der Diskussion ist eine Beurteilung der Lehre durch Studierende und Kollegen. Es bleibt zu hoffen, daß die Evaluierungsgrundlage gut genug ist, die wirklich guten Vorlesungen aus dem Haufen von Kasperltheatern, Schlaftherapien und Harald Schmidt Nachahmungen herauszufiltern.

Abgesehen von didaktischen Prinzipien, die den Schwerpunkt dieses Artikels darstellen, gibt es auch immer wieder Vorlesungen, die nicht einmal einfache Prinzipien der Vortragskommunikation berücksichtigen. Das sind dann die Fälle, wo gegen die Projektionswand geredet wird, wo 10 Punkt Schrift Dias die Augen der letzten Reihen tränen lassen oder komplette Vorlesungen im Diadunkel verschlafen werden. Anregungen zu einfachen technischen Verbesserungen lassen sich z.B. bei GORDON (1983), FLEISCHER (1986) und EBEL und BLIEFERT (1990) finden.

Viele Beispiele und Hilfestellungen für bessere Ausbildung in der Veterinärmedizin sind im leider eingestellten Journal of Veterinary Medical Education beschrieben worden. Aber auch allgemeine Literatur zur Vortragsgestaltung enthält vielfältige Tips zur Verbesserung von Vorlesungen.

Literatur

BONWELL, C. C. u. J. A. EISON (1991): Active Learning: Creating Excitement in the Classroom. George Washington University, Washington, DC.

BULMAHN, Edelgard (1999): Mut zur Veränderung. Deutschland braucht moderne Hochschulen. Vorschläge für eine Reform. Bundesministerium für Bildung und Forschung. Internet: ftp://192.76.176.135/m-rede.pdf

EBEL, H. F. u. C. BLIEFERT (1990): Vortragen. VCH, Weinberg.

FLEISCHER, G. (1986): Dia-Vorträge. Planung, Gestaltung, Durchführung. Georg Thieme Verlag, Stuttgart; New York.

GORDON, J. C. (1983): Techniques used by successful teachers. J. Vet. Med. Edu. 10, 20–22

MARTENS, H. (1999): Grundstudium und postgraduelle Ausbildung in der Veterinärmedizin: Herausforderungen und Perspektiven für die Zukunft. DTB, 456–461

ROTHER, M. (1998): Repräsentation der Vorlesung „Tiergeburtshilfe“ in einer interaktiven Multimedia-Anwendung für die Verwendung im Internet und die modellhafte Untersuchung zur Akzeptanz und Integration solcher Anwendungen in das Studium der Veterinärmedizin. Tierklinik für Fortpflanzung des Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin, Dissertation

SCHNAPPER, A (1999) „Quergestreifte Muskulatur“. Vorlesung im Fach Gewebelehre im Juni 1999

SEELER, D. C., G. H. TURNWALD u. K. S. BULL (1994): From teaching to learning: Part III. Lectures and approaches to active learning. J. Vet. Med. Edu. 21, S. 7–12

VORLESUNGSTECHNIKEN

SEELER et al. (1994) schlagen ein Vorlesungsmuster nach folgendem Modell vor: Es gibt eine Einführung, einen Vorlesungskörper und einen Schlußteil. In der Einführung wird die letzte Vorlesungsstunde nochmal aufgegriffen. Es werden wesentliche Dinge wiederholt angesprochen und den Studierenden wird Gelegenheit gegeben, Fragen zu stellen. Dann wird auf das neue Thema übergeleitet, indem auf die Relevanz des Stoffes eingegangen wird (Wofür lernt man diese Fakten). Dabei werden z.B. Bezüge zu klinischen Fällen gesetzt.

Im Vorlesungshauptteil, dem Körper, findet die Vorlesung statt. Aus didaktischer Sicht sollte ein Schwerpunkt darauf gelegt werden, den Zuhörern ein aktives Lernen zu ermöglichen (siehe unten). SEELER et al. wollen im Vorlesungskörper zwei bis drei Schlüsselkonzepte untergebracht haben. Nach der Abhandlung eines Konzepts sollte der Stoff nochmal zusammengefasst werden, um daraus eine Überleitung zum nächsten Konzept herzuleiten.

Der Schlußteil sollte die Schlüsselpunkte nochmal wiedergeben. Hier wird vorgeschlagen, Studierende eine kurze Zusammenfassung geben zu lassen. Das fördert erstens die Aufmerksamkeit und gibt zweitens auch die Möglichkeit, zu überprüfen, wie gut das Gelesene verstanden worden ist. Ausserdem sollten die Dozenten in diesem Teil ein Verhältnis des aktuellen Themas zum übergeordneten Kursziel bilden. Auch hier können Fragen beantwortet werden.

AKTIVES LERNEN

Um den Studierenden zu helfen, die Fähigkeiten Objektivität, kreatives Denken, Beurteilungsvermögen, Interpretationsvermögen, Problemlösungsvermögen zu erwerben, müssen Sie aktiv am Lernprozess beteiligt werden.
Wenn das gelingt, wird sich die Motivation und die Freude am Lernen erhöhen. Die Studierenden sollen sich bei Denkaufgaben höherer Ordnung (Analyse, Synthese, Evaluation) engagieren. Sie müssen sich davon lösen, mit losgelösten Fakten zu arbeiten, sondern sollten die Relevanz neuen Wissens erkennen und dieses unmittelbar im wirklichen Leben anwenden können. Einige Techniken, die das unterstützen, sind im folgenden aufgezählt:

  1. Fragen
    Rhetorische Fragen auch wirklich rhetorisch arbeiten lassen. Eine Frage kann in den Raum gestellt werden, aber sie sollte auch wirken können. Die Studierenden sollten ein paar Sekunden Zeit haben, über die Frage nachzudenken.
    Richtige Fragen ans Publikum müssen sorgfältig vorbereitet sein. Die Antwortenden dürfen nicht blosgestellt werden, die Dozenten müssen also mit falschen Antworten sensibel umgehen, sonst ist der Einsatz der Fragetechnik in diesem Jahrgang verdorben. Fragen sind auch erstklassig geeignet, um Akzente zwischen längeren passiven Strecken zu setzen.
  2. Denkphasen
    Die Vorlesung wird in mehrere etwa 15 Minuten lange Blöcke unterteilt. Nach einem Block klassischer Vorlesung, geben Sie zwei bis drei Minuten Zeit, damit sich alle alleine oder in Kleingruppen Notizen machen und wichtige Fakten austauschen kön-
    nen. BONWELL et al. (1991) spricht von signifikanten Lernverbesserungen bei Einsatz dieser Technik.
    Eine ähnliche Variante beinhaltet etwas längere Vorlesungseinheiten. Dabei werden zunächst die Inhalte der Vorlesung mitgeteilt und dann die Studierenden explizit aufgefordert, nicht mitzuschreiben. Nach 20- 30 Minuten Vorlesung erhalten die Studierenden 5 Minuten Zeit für Notizen. Danach kann mit Nachbarn der Stoff diskutiert werden. Um eventuelle Unklarheiten zu beseitigen, gehen der Dozent und eventuell weitere Mitarbeiter herum und stehen zur Beantwortung von Fragen zur Verfügung.
  3. Brainstorm
    Die Studierenden bekommen minimale Informationen und werden dann aufgefordert ein Thema zu durchdenken. Der Dozent sammelt Stichpunkte und lenkt die Lernergebnisse. Eine Histologievorlesung kann z.B. so gestaltet werden, dass die Studierenden um 350 Jahre zurückversetzt werden. Sie bekommen minimale Informationen zu einem Schnittpräparat der Zunge und sollen dann die wesentlichen Charakteristika der quergestreiften Muskulatur selbst erarbeiten (SCHNAPPER, 1999).
  4. Die guten alten Tests
    Eine Vorlesung mit nachfolgendem Test hat eine höhere Erinnerungsrate zur Folge BONWELL et al. (1991). Wenn die Studierenden gezwungen sind, frisches Wissen wiederzugeben, müssen Sie es dafür in ihre Denke eingliedern und reflektieren. Das wirkt sich auf lange Sicht positiv aus.
    Weitere Beispiele (Projektunterricht, Forschendes Lernen, Klassisches Seminar) bei KASKE und REHAGE (diese Veto).

Auf verschlungenen Wegen ins Gehirn

Vom Lernen und wie die Lehre dabei helfen kann

von Martin Kaske & Jürgen Rehage

aus Veto 48 – 2000, S. 4-7

Spätestens am Präpariertisch in der Anatomie merkt es jeder Student der Tiermedizin: dies Studium ist nur zu schaffen, wenn man viel, viel lernt – wer hätte vorher geahnt, daß es allein an einem anscheinend so banalen Knochen wie dem Oberschenkel eines Hundes so viele Tubercula, Cristae und Condyli geben könnte, die man – natürlich – für das Testat mit korrektem lateinischen Namen kennen sollte. Und das setzt sich fort: ob juxtaglomerulärer Apparat der Niere in der Physiologie, die hinterlüftete Wand in der Tierhygiene, Antiarrhythmika vom lokalanästhetischen Typ in der Pharmakologie, der portocavale Shunt in der Klinik und die Herstellung der Brühwurst im Lebensmittelkurs – unendlich viele Details, Sachverhalte, Zusammenhänge aus den verschiedensten Instituten, Kliniken und Fachgebieten harren auf den wißbegierigen Studenten und sollen – ja, halt gelernt werden.

Aber wie soll dieser ganze Stoff hinein in’s Hirn? Seien wir ehrlich – jeder weiß, es geht überhaupt nicht hinein, zumal sich das heute verfügbare Wissen im biomedizinischen Bereich mit atemberaubender Geschwindigkeit vermehrt. Mit jeder erfolgreich bestandenen Prüfung zeigt man zwar, daß man den abgeprüften Stoff irgendwann mal mehr

oder weniger gelernt hatte – doch was heißt das schon? Der Stoff wird sehr schnell abgelegt oder, weniger euphemistisch ausgedrückt, verdrängt und vergessen. Zwar nicht total, denn selbst nach Jahren gelingt es relativ schnell, sich das früher Gelernte erneut zu vergegenwärtigen, doch immerhin ist es nicht mehr unmittelbar abrufbar als präsentes Wissen. Und eigentlich geht es doch nur darum: später im Berufsalltag den theoretischen Hintergrund ab- rufbar zu haben, um Probleme lösen zu können – sei es am Patienten, in der Forschung oder wo auch immer. Diese Probleme sind in Abhängigkeit von den sehr unterschied- lichen Berufsfeldern des künftigen Tierarztes ausgesprochen vielfältig – und um dennoch damit klarzukommen, bieten sich zwei Wege an:

1. Man muß lernen, wie man ein Problem angeht und Strategien zur Problemlösung entwickelt: wie gelangt man an die häufig sehr speziellen Informationen, die zur Lösung des Problems erforderlich sind? Welche strategischen Überlegungen sind notwendig? Wie kann man gegebenen- falls andere Experten einbinden, an der Lösung des Problems mitzuwirken?

2. Ebenso wichtig ist es, einen Grundstock an Basiswissen verfügbar zu haben, das man jederzeit beliebig abrufen und einsetzen kann.

Prämissen für erfolgreiches Lernen

Um diese übergeordneten Ziele zu erreichen, bedarf es einiger Bemühungen – und zwar sowohl der Dozenten als auch der Studierenden.

Darum soll es im Folgenden gehen. Zunächst werden einige Prämissen zum erfolgreichen Lernen vorgestellt, die auf eigenen Erfahrungen beim Lernen und Lehren basieren; sie sind als ein Diskussionsbeitrag zu verstehen und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und/oder All- gemeingültigkeit.

  1. Jeder hat seine eigene, ganz individuelle Methode, um effektiv zu lernen. Diese muß man zunächst ein- mal selbst kennen: während der eine besonders vom Zuhören profitiert (akustischer Typ), muß ein anderer Abbildungen anschauen (visueller Typ); ein dritter lernt am besten, wenn er Dinge im Sinne des Wortes begreifen kann (haptischer Typ). Mit Hilfe von simplen Tests kann jeder Student seinen Lern- typ erkennen und sein Lernverhalten daran ausrich- ten.
  2. Lernen erfordert Motivation. Ziel in der Lehre muß es sein, die autonome Motivation (Interesse am Inhalt) der Studenten zu erhöhen und heteronome Motivation (Interesse, eine Prüfung zu bestehen) zu vermeiden. Eigentlich ist das gerade bei Studieren- den der Tiermedizin nicht allzu schwierig: die mei- sten beginnen ihr Studium überaus motiviert, wer- den dann aber zunehmend durch den Studienalltag frustriert und desillusioniert. Die Motivation läßt sich (wieder) wecken, indem in der Unterrichtseinheit der Bezug des Lehrstoffes zur Erlebniswelt des Studierenden deutlich wird, die Relevanz dargestellt wird und – nicht zuletzt – indem die Studenten möglichst aktiv in den Unterricht eingebunden werden. Für den Studenten ist die Konsequenz, sich mög- lichst früh im Studium Interessenschwerpunkte aus- zusuchen und stets zu versuchen, dort besonders intensiv zu lernen. Das kann ein Fach sein, eine Spe- zialdisziplin (z.B. Anästhesiologie) oder eine Tier- art – und man wird nach kurzer Zeit m.o.w. überrascht bemerken, wieviele andere Aspekte aus scheinbar entfernten Disziplinen plötzlich große Relevanz für den ausgewählten, relativ engen Be- reich haben, die man nun mit mehr Motivation lernt und deshalb auch besser behält.

c. Lernen erfolgt auf der affektiven Ebene schneller und nachhaltiger als auf der kognitiven Ebene. Den Hintergrund kennt jeder aus dem Alltag: sobald man emotional beteiligt ist, bleiben Erlebnisse und Er- fahrungen viel besser in Erinnerung, als wenn al- lein der Verstand gefordert ist. Wer erinnert sich nicht an das “besondere” Erlebnis im Praktikum: die Kuh mit dem Uterusprolaps, der Hund mit der heftig blutenden Ballenwunde, das Pferd mit Kolik – und jeder Handgriff, den man selbst oder der Tier-

arzt durchführte, ist einem gegenwärtig. Warum? Weil sich einerseits das Erlebnis heraushob aus dem Alltagseinerlei und weil man andererseits unmit- telbar involviert war. Auf die Lehre übertragen, muß man entsprechend dem Studenten die Möglichkeit einräumen, sich direkt zu beteiligen. Der Student kann diese Prämisse nutzen, indem er vermehrt ver- sucht, Lehrstoff mit einem Patienten zu verbinden. Dazu bietet sich ein spezielles Heft an, in dem be- sonders interessante Tiere aus Quoten oder Prakti- kum mit dem zugehörigen speziellen Stoff aufgeli- stet werden. Und genau dieses Heft wird man noch Jahre später immer wieder in die Hand nehmen, um bestimmte Sachverhalte nochmals nachzusehen …

d. Lernen kann man um so leichter, je besser man den betreffenden Zusammenhang verstanden hat; erst die Darstellung der Komplexität eines Problems ein- schließlich notwendiger Hintergrundinformationen führt zu dem berühmten “Aha-Erlebnis”. Als Stu- dent sollte man entsprechend auch mal einen gan- zen Nachmittag investieren, um einen relativ spe- ziellen und schwierigen Lehrstoff sehr gründlich durchzuarbeiten. Ein Beispiel: die Funktion des Kehlkopfes wird man erst dann verstehen, wenn man tatsächlich mehrere Stunden in Anatomieatlas, Physiologiebuch und Klinikhandbuch gestöbert hat – andererseits aber wird man den Stoff danach auch deutlich länger in Erinnerung behalten.

e. Lernen setzt die geistige Auseinandersetzung mit dem Lehrinhalt voraus. In der Mehrzahl der Lehr- veranstaltungen gelangt nur ein Bruchteil der vor- getragenen Fakten in das Langzeitgedächtnis der Studenten. Entscheidend ist es deshalb, die wich- tigsten Informationen im Unterricht hervorzuheben und als besonders bedeutsam herauszustellen (“Get- home-message”) sowie die Studenten zu einer Re- flexion des Gelernten anzuhalten.

f. Redundanz ist unabdingbare Voraussetzung für je- den Lernprozess. Es ist eine deprimierende Erfah- rung, daß nahezu alles Gelernte, was man nicht mindestens einmal pro Woche anwendet, mit hoher Wahrscheinlichkeit im unendlichen Nirwana des menschlichen Geistes verschwindet. Auch das kennt jeder: sogar die Telefonnummer der Verflossenen, die man damals täglich brauchte und absolut selbst- verständlich im Hinterkopf hatte – heute ist sie nicht mehr abrufbar. Für die Lehrenden bedeutet dies, wichtige Zusammenhänge immer wieder in unter- schiedlichem Kontext zu diskutieren. Die Studie- renden müssen sich entsprechend klarmachen, daß alles, was sie wirklich behalten und langfristig wis- sen wollen, ständig aufgefrischt werden muß.

g. Eigenverantwortung fördert entscheidend Lernpro- zesse. Dies gilt in praktisch allen Bereichen: im Praktikum ist einem die Anfahrt zum Hof des Bau- ern X solange unklar, wie man beim Tierarzt nur Beifahrer war; muß man selbst dorthin fahren, prägt sich der Weg problemlos ein. Als Student muß man entsprechend versuchen, etwas heute relativ Selte- nes anzustreben: sich nicht durch das Studium trei

ben zu lassen, sondern selbst Eigenverantwortung zu suchen – schwierig genug, keine Frage. Aber wo ein Wille, da ist ein Weg: sei es als Bremser in einer Klinik, bei einem Praktiker, als “Experte” in einem Verein, oder, oder, oder … .

h. Erfolgserlebnisse erhöhen die Effektivität des Ler- nens. In Lehrveranstaltungen müssen Studierende möglichst oft auch erkennen, daß sie bereits über eigene Kompetenz verfügen. Erfolgserlebnisse der Studenten haben vielfältige Folgen: Interesse und Motivation wachsen, und die intellektuelle Ausein- andersetzung mit dem Lehrinhalt wird begünstigt. Überflüssig zu betonen, daß die Verantwortung für das Erlangen dieser Erfolgserlebnisse nicht allein auf Seite der Dozenten liegt, sondern daß die Stu- dierenden durch eigenes Bemühen diese Lerner- folge ermöglichen müssen.

i. Erfolgreiches Lernen setzt nicht nur voraus, daß sich die Lehrenden bemühen, sondern daß sich auch die Lernenden Mühe geben. So entsetzlich banal dies klingt: vielen scheint’s nicht klar zu sein. Einige Studenten haben sich an eine im übrigen gesell- schaftlichen Leben durchaus übliche Konsumenten- mentalität gewöhnt: sie sitzen entspannt im Audi- torium, und der Dozent hat etwas darzubieten: mög- lichst unterhaltsam, spannend, farbig und natürlich didaktisch perfekt aufbereitet – man pickt sich dann die Rosinen heraus, und das Lernen wird zum Kin- derspiel. Dahinter mag die Vorstellung stehen, man könne auch passiv etwas lernen. Welch’ ein Miß- verständnis! Lernen kann und soll zwar Spaß ma- chen, doch es ist nichtsdestotrotz anstrengend und mühevoll – und es ist ein aktiver Vorgang.

j.

Effektives Lernen erfordert ein gutes Zeit- management – die vielleicht am schwierigsten um- zusetzende Empfehlung in einem offensichtlich nahezu uferlosen Fach wie der Veterinärmedizin. Ganze Bücher wurden geschrieben über dieses The- ma – Stichworte sind hier die Schaffung von Zeit- fenstern für vorgegebene Bereiche und das Akzep- tieren der Tatsache, daß “alles” eben nie zu machen ist.

Status quo

Gemessen an diesen Maßstäben schneiden viele der traditionellen Lehrveranstaltungen nicht sonderlich gut ab. Ziel vieler Vorlesungen ist noch immer die möglichst lük- kenlose Vermittlung von Grundlagen und auch Spezialwis- sen. Der Lernerfolg wird dadurch erschwert, daß Vorle- sungen als Frontalunterricht abgehalten werden. Die Stu- denten geraten in die Rolle von passiven Rezipienten, die zunächst die vorgetragenen Fakten durch Mitschreiben le- diglich sammeln. Eine kritisch-intellektuelle Auseinander- setzung mit dem Lerninhalt unterbleibt weitestgehend.

Praktika oder auch klinische Vorweisungen bieten zwar die Möglichkeit zur Interaktion zwischen Dozenten und Studierenden und sind didaktisch positiver einzuschätzen, zumal die vergleichsweise geringe Teilnehmerzahl gegenstandszentrierte Diskussionen zuläßt. Der übervolle Stundenplan ist jedoch einer der Gründe, daß die Vorbe

reitung der Studierenden auf die Veranstaltungen häufig unzureichend ist. Dadurch entsteht wiederum die Tendenz, Frontalunterricht abzuhalten. Zudem steht meist nur ein begrenztes Thema (z.B. ein krankes Organsystem) im Mit- telpunkt der Veranstaltung. Die Zeit ist häufig zu knapp, um die erlernten Fakten in einen größeren Zusammenhang zu stellen und die Relevanz zu verdeutlichen.

Alternative Lehrveranstaltungen Projektorientierter Unterricht

Ziel derartiger Veranstaltungen mit einer Teilnehmer- zahl von möglichst nicht mehr als 30 Studierenden ist es, Verständnis von komplexen Zusammenhängen zu vermit- teln, exemplarisch zu zeigen, wie man sich einem Problem nähert und möglichst viele der o.a. Prämissen für erfolg- reiches Lernen umzusetzen.

Die eigenen Erfahrungen mit dieser Unterrichtsform sind sehr positiv: im Mittelpunkt steht dabei eine wichtige klinische Fragestellung, woraus sich einerseits eine hohe Motivation der Studierenden und andererseits die unmit- telbare Relevanz des notwendigen Basiswissens ergibt. Während der Veranstaltung wird von jedem Teilnehmer ein Referat gehalten; dabei wird auch wissenschaftliche Primärliteratur in den Unterricht einbezogen. Die Studie- renden lernen dabei, wie in der Wissenschaft Lösungsan- sätze für definierte Problemstellungen erarbeitet werden. Praktische Lerninhalte, wie das Untersuchen eines Tieres, sollen zusätzlich motivieren und für “Erholungspausen” in dem straffen Programm sorgen.

Durch die gezielte Beteiligung von Kollegen wird der Kurs aufgelockert und die Komplexität des Problems ver- deutlicht. Wenn schließlich Überlegungen zur Therapie angestellt werden, können die Studierenden ihr neu erwor- benes Wissen einbringen und erkennen ihre eigene fachli- che Kompetenz. In täglichen schriftlichen Wissens- kontrollen wird schwerpunktmäßig das Verständnis von Zusammenhängen abgefragt; diese Tests werden jedoch nicht eingesammelt, sondern vom Studenten selbst wäh- rend der Nachbesprechung korrigiert, um heteronome Motivation auszuschließen. Es ist überraschend festzustel- len, daß die Studenten diese Tests durchaus schätzen, da sie dadurch offensichtlich ihren eigenen Lernerfolg bestä- tigen können.

Die Resonanz der Studierenden auf derartige Veran- staltungen (fakultative Kurse, Projektwochen u.ä.), in de- nen ein Problem fachübergreifend behandelt wird, ist über- wiegend positiv. Das große Interesse der Studierenden an entsprechenden Veranstaltungen macht deutlich, daß eine erhebliche Leistungsbereitschaft bei den Studierenden po- tentiell vorhanden ist, die im traditionellen Unterricht je- doch nur unzureichend abgerufen wird.

Forschendes Lernen

Auch durch das projektorientierte, forschende Lernen kann das Angebot an traditionellen Lehrveranstaltungen ergänzt werden. Dabei wird eine wissenschaftliche Frage- stellung zusammen mit einer kleinen Gruppe von Studen

ten gemeinsam bearbeitet. Die At- traktivität derartiger Veranstaltungen für Studierende ergibt sich aus zu- sätzlicher Motivation durch Ausnut- zung des explorativen Verhaltens und durch die Anerkennung der fachli- chen Kompetenz. Andererseits bie- tet ein solches Projekt auch für den Dozenten Vorteile, da die Durchfüh- rung von sehr personalintensiven Versuchen durch die Beteiligung von eingearbeiteten Studenten erleichtert wird.

Das “klassische” Seminar

Viel zu wenig werden die Studie- renden selbst aktiv in die Lehre ein- bezogen. Studenten sollten vermehrt Verantwortung für die Qualität der Lehre übertragen bekommen – in Form von Referaten und sogar eige- nen Lehrstunden, die teilweise selb- ständig, teilweise mit Hilfe von Do- zenten vorbereitet werden. Zusam- menhänge für andere verständlich darzustellen, ist für den vortragenden Studenten eine ungewohnte und auch schwierige Aufgabe. Sicher ist es je- doch für die Zuhörer eine willkom- mene Abwechslung und für die Vor- tragenden die mit Abstand beste Me- thode, selbst den Stoff geistig zu durchdringen und damit zu lernen. Die Einbeziehung in die Unter- richtsgestaltung vermittelt zudem fachliches Selbstbewußtsein und Kritikfähigkeit. Neu ist diese Idee zur Unterrichtsgestaltung sicher nicht – eigentlich entspricht sie lediglich dem, was man (früher?) unter dem guten alten Seminar verstand. Leider ist das Seminar heute jedoch, wie oben beschrieben, zum überwiegen- den Teil zu einer modifizierten Vor- lesung geworden.

Ausblick

Alternative Ausbildungsformen können die bestehen- den traditionellen Unterrichtsformen nicht ersetzen, zumal sie nur mit einer vergleichsweise kleinen Zahl von Stu- denten sinnvoll durchführbar sind. Viele Hindernisse mö- gen der Durchführung im Wege stehen – die große Zahl der Studenten, strukturelle und organisatorische Probleme innerhalb der Hochschule, der übervolle Stundenplan, der viele gute Ansätze im Keim erstickt, fehlende finanzielle Mittel zur Verbesserung der Lehrkapazität – jeder dieser Punkte ein wichtiges Thema für sich. Trotz all dieser Ar- gumente jedoch sollte die Umsetzung alternativer Lehr- methoden weiter von den Studierenden gefordert und von den Lehrenden propagiert und durchgeführt werden – und zwar nicht zuletzt aufgrund eines bisher nicht erwähnten, trotzdem aber sehr wichtigen Arguments: derartige Kurse machen viel Spaß. Einerseits den Studierenden, die sich insbesondere im Rahmen einer Blockveranstaltung häufig gegenseitig intensiver kennenlernen (Stichwort soziales Lernen – für viele augenscheinlich eine neue Erfahrung !). Aber auch für den Dozenten ist es eine ausgesprochen loh- nende Erfahrung, eine kleine Gruppe hochmotivierter Stu- denten länger zu erleben, statt – wie in vielen Vorlesun- gen – Studenten lediglich als amorphe Masse gesichtslo- ser Wesen vor sich zu haben.

Fortsetzungsgeschichte

Eine Woche im Veterinäramt

aus Veto 47 – 1999, S. 27-29

Montag

Telefon: Herr A. erklärt, sein West-Highland-Terrier hätte gestern ein Kind gebissen (der Hund war natürlich unschuldig), leider sei die letzte Tollwutimpfung 2 Jahre her. Die Eltern des Kindes sind besorgt und wollen wissen, ob ihr Kind nun geimpft werden muß. Herr und Hund werden sofort ins Veterinäramt bestellt, um festzustellen, ob der Hund Anzeichen einer Tollwuterkrankung aufweist.

Post aus dem Fach mitnehmen: Unzählige Aktennotizen, Lebensmittelberichte, Zeitschriften, Erlasse, Verordnungen, Mitteilungen aus dem Europäischen Amtsblatt usw., sollte alles jeder lesen. Faktisch unmöglich, oder es bliebe keine Zeit, überhaupt noch etwas selbst zu arbeiten. Wichtig ist, die Aktennotizen der Kollegen zu lesen, um mitzubekommen, was im Kreis passiert, und um bei Fragen von Betroffenen weiterhelfen zu können.

Der Besitzer mit dem tollwutverdächtigen Hund ist da. Das Tier läuft neugierig herein, springt an der Sekretärin hoch, diese streichelt ihm über den Rücken, und schwupps, schnappt der Hund zu. Zum Glück nicht weiter schlimm, aber immerhin so, daß es leicht blutet. Bis auf die Tatsache, daß das Tier zu fett und völlig unerzogen ist, bestätigt sich der Tollwutverdacht nicht. Der Hund wird für die nächsten zehn Tage unter amtliche Beobachtung gestellt (d.h. kein Kontakt zu anderen Personen und Tieren, kein freies Umherlaufen, auf keinen Fall Impfung, Achten auf Anzeichen einer Tollwuterkrankung).

Nach zehn Tagen muß der Hund erneut vorgestellt werden, ist das Tier weiterhin unverdächtig, wird die amtliche Beobachtung aufgehoben. (Dieser Besitzer hält es nicht für nötig, nach zehn Tagen wieder zu erscheinen, woraufhin er schriftlich kostenfrei erinnert wird.)

Grundsätzlich kann nach der TollwutVO auch anders verfahren werden, da aber diese Region tollwutfrei ist und es sich hier nicht um einen jagdlich geführten Hund handelte, konnte ich so verfahren, mit dem Ergebnis, daß der Hundebesitzer das Ganze überhaupt nicht ernst nahm. Da wir in Bezug auf die Impfung des Kindes aufgrund ‚Nichtzuständigkeit‘ keine Auskunft geben dürfen, verweisen wir immer an das Hospital (beraten aber intern schon).

In der Post: Berichtanforderung durch das Regierungspräsidium: Wieviele Tierheime und Tierpensionen sind im Kreis; Rückmeldung innerhalb einer Woche. Bekannt ist nur ein größeres Tierheim. Grundsätzlich benötigen solche Einrichtungen eine Genehmigung nach dem Tierschutzgesetz (§11), da aber auch z.B. jeder Züchter eine §11 Genehmigung benötigt, sind alle ausgestellten Genehmigungen in mehreren Ordnern zusammengefaßt. Also alle Ordner durchgehen. Das Nachlesen in den Gelben Seiten befördert außerdem völlig neue und interessante Einrichtungen zu Tage. Nach Kontaktaufnahme mit den Besitzern dieser Tierpensionen zeigt sich, daß diese das schon immer so machen, von einer Genehmigungspflicht nichts wissen, aber wir natürlich gerne einmal vorbeikommen können … . Die Adressen werden aufgeschrieben und so bald wie möglich die Haltungen kontrolliert.

Nachkontrolle bei einem Schäferhundehalter: Die Schäferhunde werden einzeln und ohne Sichtkontakt in völlig kahlen Zwingern gehalten. Laut Besitzer kommen sie einzeln tagsüber in den Garten. Er versteht nicht, was gegen seine Hundehaltung einzuwenden ist, die Tiere hätten es doch gut und er würde schließlich sehr viel mehr von Schäferhundezucht verstehen als wir.

Die Hoffnung, ihn bei der letzten Kontrolle überzeugt zu haben, die Haltung zu verbessern, schwindet. Bis auf die Möglichkeit, die Einhaltung der Vorschriften der HundehaltungsVO einzufordern (Schutzhütte etc.), gibt das Tierschutzrecht nichts her; Kettenhunde müssen täglich eine Stunde frei laufen können, Zwingerhunde nicht (mal abgesehen von der Unmöglichkeit, dies überhaupt zu kontrollieren).

Wenn der Züchter mit mehr als drei Hündinnen züchtet, braucht er eine §11 Genehmigung (Sachkunde, artgerechte Unterbringungsmöglichkeiten, Zuverlässigkeit). Angeblich tut er dies nicht (hat aber gleichzeitig Welpen aus vier verschiedenen Würfen da). Mein Vorschlag, ihm eine Buchführungspflicht aufzuerlegen, um festzustellen, mit wievielen Hunden er züchtet, wird aufgrund mangelnder Rechtsgrundlage von der Verwaltung abgelehnt (alle Verwaltungsakte, die den Rechtsunterworfenen belasten, brauchen eine rechtliche Grundlage). Der Vorteil einer Genehmigung wäre gewesen, diese mit bestimmten Haltungsauflagen zu verbinden.

Zurück im Amt: Anruf einer Tierschützerin; vor dem Supermarkt stehen Zirkusleute mit einem Esel und betteln, ist denn so etwas erlaubt?! Antwort: Ja (Tierschützerin mit dieser Auskunft sehr unzufrieden)

Dienstag

Abfassen der Verfügung an den Schäferhundezüchter, um wenigstens die Einhaltung der Vorschriften der HundehaltungsVO zu fordern. Nach Diskussionen mit Kollegen und Verwaltung einigen wir uns darauf, daß er den momentanen Tierbestand dokumentieren muß und wir so bei Nachkontrollen, evtl. anhand der Zuchtbücher, auf die tatsächliche Wurfzahl kommen.

Anruf von einem Bürgermeister: Es werden Schafe an der Straße mit Elektrodraht eingezäunt gehalten. Mehrere Mütter hätten angerufen, ihre Kinder könnten auf dem Schulweg diesen Elektrodraht anfassen und einen Schlag bekommen. Frage: Gibt es eine Vorschrift, daß am Zaun ein Schild ‚Vorsicht Elektrozaun‘ angebracht sein muß? Antwort: Nein, zumindest nicht von unserer Zuständigkeit her, da Schafe im Allgemeinen nicht lesen könnten (kurzes Schweigen, brüllendes Gelächter).

Der Computer hat sich per E-mail einen Virus eingefangen: Der Vormittag ist gelaufen, aber immerhin wird ab jetzt ein Virensuchprogramm vom Landratsamt zur Verfügung gestellt, was wir vorher angeblich ja nicht brauchten.

Post durcharbeiten

Termin mit Landwirt B.: Überprüfung der Rinderkennzeichnung: Das Veterinäramt hat eine Liste von zufällig ausgewählten viehhaltenden Betrieben erhalten, bei denen die Kennzeichnung der Tiere und das Bestandsregister überprüft werden müssen. Die Betriebsinhaber sollen von der Überprüfung nicht informiert werden. Nach kurzer Diskussion einigen wir uns im Amt darauf, uns bei den Betrieben zwei Tage vorher anzukündigen, um ihnen so die Möglichkeit zu geben,
das Bestandsregister zu aktualisieren.

Das Ziel soll letztlich die Einhaltung der Vorschriften der Viehverkehrsverordnung sein, und wenn dies mit Hilfe einer Ankündigung erreicht werden kann, spart sich das Amt müßige Nachkontrollen und die Verärgerung der Landwirte. In diesem Fall fährt Herr B. mit mir zu seinen sechs Scottish-Highländern auf die Weide: das Bestandsregister ist vorbildlich, es ist nur etwas schwierig, an die Tiere nahe genug heranzukommen, um die Ohrmarke ablesen zu können (außerdem haben sie viel zu lange Haare an den Ohren). Aber mit Geduld und Fernglas geht es schließlich. Termin mit Landwirt C., ebenfalls Überprüfung der Rinderkennzeichnung: Herr C. hat kein Verständnis für ‚das Geschiss mit der Rinderkennzeichnung‘, er habe anderes zu tun und kennzeichne seine Rinder nicht wie vorgeschrieben mit spätestens dreißig Tagen, sondern wann ihm es paßt. Da ein vernünftiges Gespräch mit ihm nicht möglich ist (und er auch von früheren Gelegenheiten dem Veterinäramt gut bekannt ist), bekommt er es eben nochmals schriftlich plus Bußgeld und Zwangsgeldandrohung.

Mittwoch

Unterricht an der Landwirtschaftsschule: Während des Winterhalbjahres dürfen die Tierärzte 10 Unterrichtsstunden an der Landwirtschaftsschule geben, inhaltlich sollten dabei die Bereiche übertragbare Krankheiten, Seuchenhygiene und Tierschutz abgedeckt werden. Trotz Vorbereitung fällt es mir nicht leicht, innerhalb von 2 Stunden die Begriffe im Tierschutzgesetz zu erläutern und die einzelnen Verordnungen anzusprechen, bzw. überhaupt ein Bewußtsein für bestimmte Bedürfnisse von Tieren zu schaffen. Frage: Was macht ihr denn mit euren Kümmerern? Antwort: Na, erschlagen natürlich, was denn sonst! Kälber ab dem 8. Lebenstag Rauhfutter geben? Das Fleisch nimmt uns doch kein Metzger mehr ab, erst wenn auch die Franzosen… (Insgesamt hat es aber viel Spaß gemacht und auf den Boden der Realität zurückgeholt)

Kälbermarkt: Im Rahmen der Marktüberwachung (ViehverkehrsVO) werden die Näbel der Kälber kontrolliert und bei der Versteigerung dann alle Veränderungen bekanntgegeben. Seit Kälber im Alter unter 14 Tagen nicht mehr transportiert werden dürfen, ist eine enorme Geburtenzunahme genau 14 Tage vor dem Stattfinden des Kälbermarktes zu verzeichnen. Theoretisch müßten alle Besitzer von Kälbern mit nicht abgeheilten oder entzündeten Näbeln angezeigt werden… .

Termin bei Landwirt D.: Er bekommt wöchentlich Mastschweine aus einem Gebiet, das auf Grund von Wildschweinepest reglementiert ist. Ein Tierarzt kontrolliert die Gesundheit der Schweine bei der Abfahrt und verplombt den Anhänger. Wir müssen uns jeweils schriftlich einen Tag vor der Anlieferung damit einverstanden erklären, daß Schweine aus diesem Gebiet in unserem aufgestallt werden dürfen. Bei Ankunft der Schweine müssen wir den
Transporter entplomben und die Gesundheit und Anzahl der Tiere überprüfen (bis auf den Umstand, daß die meisten Ferkel angeknabberte Ohren haben, sind sie soweit gesund). Nach 14 Tagen ist eine Abschlußuntersuchung notwendig. Leider bin ich auf die
dumme Idee gekommen, die Körpertemperatur zu messen … und nun?!

Verfügung an Landwirt C.: Um seine Rinderkennzeichnung zukünftig sicherzustellen.

Post durcharbeiten.

Anruf des Tierschutzvereines: Sie hätten einen Hund gefunden mit einem Teletaktgerät um den Hals. Die Besitzer hätten sich inzwischen gemeldet und ihren Hund wieder abgeholt, aber sie wollten uns doch Bescheid sagen, damit wir etwas gegen das Teletaktgerät unternehmen. Telefongespräch mit den Besitzern: Nein, sie würden das Teletakt nie und auf gar keinen Fall benützen, ihr Halsband sei kaputtgegangen und da hätten sie halt dies umgelegt … .

Reisekostenabrechnung: Ein privater PKW wird für Dienstfahrten vorausgesetzt. Alle Dienstfahrten müssen mit Datum, Uhrzeit, Ort, Kilometerangabe und vor allen Dingen dem entsprechenden Titel angegeben werden. D.h. auf den einen Zettel alle im Bereich Tierseuchen gefahrenen Kilometer, auf dem nächsten die für den Tierschutz und ebenso für Schlachthof/Lebensmittel. Wurden die Bereiche aus Kostenersparnis miteinander verknüpft, muß man halt etwas schummeln (genauso wie beim Schätzen der Arbeitszeiten für die einzelnen Bereiche).

Donnerstag

Post durchsehen.

Anruf eines Schweinehalters: Er möchte gerne 50 Mastschweine im Freien halten, was es denn da in Zukunft zu beachten gäbe? Hätte ich mich nicht zufällig privat mit der neuen SchweinehaltungshygieneVO befaßt, wäre es wieder ein typisches Beispiel von: Bitte geben Sie mir ihre Telefonnummer, ich rufe Sie zurück.

Lebensmittelkontrolle: Wie war das mit dem Hackfleisch?! Die Herstellung von Geflügelgeschnetzeltem ist nach der HackfleischVO verboten. Macht der Metzger sich jetzt strafbar, wenn der Kunde ihn bittet, das sozusagen bereits gekaufte Geflügelteil klein zu schneiden? Fragen Sie ihren Sachverständigen! Nach der neuen Lebensmittelhygiene VO müssen Betriebe für alle abzugebenden Lebensmittel eine Gefahrenanalyse durchführen, d.h. sie müssen herausfinden, wodurch ihr Lebensmittel so nachteilig beeinflußt werden kann, daß die Gefahr der Schädigung der menschlichen Gesundheit besteht (Verstanden?). Zu diesem Thema gibt es unzählige Veröffentlichungen, Fortbildungen usw.. Entfernt hat es etwas mit
HACCP (Hazard Analyses of Critical Control Points) zu tun, ein inzwischen fast überall verhaßtes Schlagwort bei jeder Lebensmittelkontrolle und Besprechung. Durch falsche Übersetzung und fehlerhafte Interpretation entstanden unzählige und überflüssige Papieransammlungen, in denen ohne Sinn und Verstand alles Mögliche gemessen und dokumentiert wird. Konkret geht selbst bei uns im Amt jeder mit der Umsetzung der neuen LebensmittelhygieneVO sehr unterschiedlich um, je nach eigenem Wissen, Verständnis und individueller Präferenz.
Das Thema auch nur anzusprechen, ist meist in kleinen Betrieben gar nicht möglich, da keine Grundvoraussetzungen bestehen. Z.B., wenn nach 10 Minuten ausführlicher Erläuterungen über Grundhygiene, Histamingehalt in warm gelagertem Thunfisch etc. der Betriebsinhaber sagt: „Ich mache halt Pizza, wo ist euer Problem?“ und ich genau weiß, daß spätestens in einem halben Jahr ein anderer Pizza- oder Gyrosstand hier sein wird, und ich froh sein kann, wenn sprach-
lich überhaupt eine Kommunikation möglich ist.

Unbefriedigende Diskussion im Amt, wie ab Januar die Umsetzung der KälberhaltungsVO erfolgen soll (Anbindeverbot von Kälbern). Anscheinend ist es unmöglich, sich darüber überregional zu verständigen (schon die Regierungspräsidiums-Ebene wird angezweifelt), da ja jedes Amt örtlich zuständig ist und daher nach eigenem Ermessen handelt.

Freitag

Termin mit Landwirt D.: Nach der Brucellose- und Leukose-Verordnung muß regelmäßig überprüft werden, ob ein Rinderbestand frei von diesen Krankheiten ist. Bei milchliefernden Betrieben ist dies über Tankmilchproben möglich, schwieriger wird es bei Mutterkuhhaltungen, an die Blutproben zu kommen.

Ein Teil wird von den Hoftierärzten genommen, überall dort, wo es komplizierter wird und keine Fangeinrichtungen vorhanden sind, dürfen die Amtstierärzte ihr Glück versuchen. Dieser Landwirt hat für seine ‚Scottish Highland‘-Rinder nun endlich eine Fangeinrichtung gebaut, in der die langen Hörner nicht hängenbleiben können und es läuft einigermaßen glücklich ab.

Post durcharbeiten.
Einschalten des Anrufbeantworters.

Wochenende

(2-3 x tägliches Abhören des Anrufbeantworters, ob irgendeine Seuche ausgebrochen ist, Lebensmittel vergiftet oder Tiere gequält wurden)

eine Amtstierärztin