Veto 39

Wissen um das Wesentliche

Diese VETO hat den Schwerpunkt Ausbildung – Anforderungen an das Studium der Tiermedizin. Zur Zeit des letzten AGKT-Gesamttreffens in Berlin war die Sache mit der TAppO-Reform eigentlich schon gegessen, die uns in der Vergangenheit mehrfach in der VETO beschäftigt hat. Nach knapp 7 Jahren Studienreform ist das Ergebnis bescheiden. Eine Reform, die den Namen nicht verdient, die die Grundübel des Tiermedizinstudiums weiter fortschreibt und durch einige kosmetische und viele administrative Änderungen den Eindruck von Veränderung zu erwecken sucht. Die neue TAppO ist und bleibt ein Desaster, weil sie die Grundübel des Studiums – Mangel an Zeit, Druck statt Motivation, Zerfaserung statt Koordination – nicht behebt. Zwei der drei in dieser Ausgabe diesem Thema gewidmeten Artikel sind für den Tag danach geschrieben. Es werden dem in den Brunnen gefallenen Kind Schwimmflügel hinterhergeworfen, um es vielleicht über die Zeit zu retten. Sie versuchen, die in der TAppO-Neufassung vorgesehenen Querschnittsfächer mit Inhalt zu füllen. Die in der Vergangenheit gegen diesen und ähnliche Entwürfe vorgebrachte grundsätzliche Kritik (TAppO-Tango, Veto Nr. 37 “Steter Stein des Anstoßes?”) ist damit nicht vom Tisch. Unsere Forderungen nach ersatzloser Reduzierung der Pflichtstundenzahl auf 70 % des derzeitigen Wertes, unsere Ablehnung von sogenannten Schnellschußprüfungen und unsere Forderungen nach einer besseren Koordination der Lehre wurden im vorliegenden Entwurfnoch nicht durchgesetzt.

Grundsätzliche Kritik am Studium der Tiermedizin ist Thema im dritten Artikel, die größten Defizite der tierärztlichen Ausbildung liegen nicht im Praxis-, sondern im Theoriebereich.

Ein zweiter Block von Artikeln befaßt sich mit dem Thema Landwirtschaft und Ökologie. Ergebnisse der Enquete-Kommission des Bundesttages “Schutz der Erdatmosphäre” und einer amerikanischen Studie über das Ausmaß der Bodenerosion auf landwirtschaftlichen Nutzflächen werden referiert. Ein Artikel über Gentechnik als Reparaturtechnologie rundet diesen Block ab.

Haltung und Transport von Tieren ist Gegenstand weiterer Artikel. Anforderungen an die artgerechte Haltung von Ratten werden skizziert und zur Diskussion gestellt. Er eröffnet damit einen losen Reigen von Artikeln zur artgemäßen Haltung von Heimtieren, der in den nächsten VETOs fortgesetzt werden soll. Der zweite Beitrag referiert die Ergebnisse eines Seminars über die Haltung von Pferden (s.a. VETO 37) und der dritte den EU-Kompromiß über Tiertransporte. Mit der Praxis der Durchsetzung artgerechter Tierhaltung im universitären Bereich befaßt sich der Bericht der “Ruthe AG” der TiHo Hannover.

Im Hinblick auf das Thema der nächsten VETO (Agrarpolitik) und die “Grüne Woche” in Berlin im Januar 1996 sind zwei Artikel zu lesen, die unterschiedliche Vorstellungen über die Stoßrichtung einer AGKT-Arbeit zur Agrarpolitik umreißen. Ist Agrarpolitik ein besonderes Politikfeld, in dem das Primat des Politischen gilt, oder ist die Entwicklung in der Landwirtschaft als fester Bestand gesamtgesellschaftlicher Bedingungen in erster Linie den Gesetzen der Marktwirtschaft (etwas altmodisch auch Kapitalismus genannt) unterworfen? Die hier angerissene Diskussion soll auf dem Treffen in Emmerich im November (siehe Rückseite der VETO) fortgefiihrt imd um die Frage der Bedeutung des Rechtes in dieser Entwicklung erweitert werden, um dann in der nächsten VETO und auf der Grünen Woche eine erste, sicherlich vorläufige Position an die Öffentlichkeit tragen zu können.

Rundbrief

Es gibt ihn noch. Er wird mehr oder weniger regelmäßig verschickt und enthält Informationen aus und für die AGKT. Wer ihn zugesandt bekommen möchte muß regelmäßig 20,- DM pro Jahr bezahlen (besser noch eine Einzugsermächtigung erteilen, Konto siehe Impressum). Die Koordination hat seit dem Treffen im Mai Christiane Schmahl (Adresse s. Impressum) übernommen. Wichtig für ihre Arbeit ist natürlich, daß sie die zu verbreitenden Informationen auch erhält.

Agrarpolitik, Ost/West – die nächsten Themen

Wie auf dem Berliner Treffen im Mai besprochen und im Editorial angerissen, soll es in der nächsten VETO um Agrarpolitik gehen. Was und wer bewegt die Agrarpolitik wohin – und wohin würden wir sie gern bewegen. Ziel ist, die Diskussion über das “ein bißchen sozialer, ein bißchen ökologischer, ein bißchen netter” hinauszutreiben, da diese Wünsche zwar nicht falsch, aber auch nicht eben konkret sind (und so war das doch mit der Wahrheit, konkret soll sie sein) und deshalb so trügerisch konsensfähig sind. Die gesellschaftliche Funktion der Landwirtschaft, die weit über die Bereitstellung von Nahrungsmitteln hinausreicht, ist zu analysieren ohne sie zu mystifizieren. Es wird darauf ankommen, Alternativen jenseits von Demeter-Müsli für alle zu formulieren.

Das Thema Ost/West beleuchtet diese Fragen aus einem anderen Blickwinkel, denn es bestehen nicht zuletzt in der Landwirtschaft erhebliche strukturelle Unterschiede zwischen den Resten der beiden deutschen Staaten, deren einer sich die Zukunft der bäuerlichen Familienbetriebe auf die Fahnen geschrieben hatte, während der andere sich kurzerhand als Arbeiter- und Bauernstaat verstand. Wie es um die beiden Landwirtschaften 6 Jahre nach der staatlichen Ver- einnahmung bestellt ist, soll ein Thema der VETO 41 sein. Auch die Frage, welche Rolle Tierärztinnen in diesen Landwirtschaften und in diesen Gesellschaften spielen, ist eine für uns nicht unwichtige Frage. Und: Warum gibt es an der Uni Leipzig noch keine AGKT-Gruppe und in München keine mehr?

Die Redaktion

Inhalt der Veto 39

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Inhalt. Impressum Redaktionsadressen….2

Editorial

Ausbildung / TAppO

Alles Neu macht die TAppO ….4

TAppO konkret ….5

Wi(e)der die praktische Notwendigkeit….8

Ökologie

Some like it hot
Landwirtschaft als Treibhausgenerator ….11

Gentechnik

Brent Spar – Echt Tierisch

Landwirtschaft

Tschüß und weg….17

Absurdistan

Did you ever wake up with that bullfrog on your mind?….19

Angst vor dem Menotoxin unbegründet? ….19

Heimtierhaltung

Anforderungen an die tiergerechte Haltung von Heimtieren
Anforderungen an die tiergerechtc Haltung von Ratten….20

Tierschutz

Gibt es jetzt die 8-Stunden-Begrenzung oder nicht? Zur neuen EU-Transportentscheidung….23

Hochschulpolitik

Von konventioneller Haltung zum alternativen Geflügelzentrum
Lehr- und Forschungsgut Ruthe der TiHo Hannover ….25

Standespolitik

Das “Problem” Tierärztinnen
Nachrichten vom 20. Deutschen Tierärztetag
21.-23. Juni 1995 in Braunlage ….28

Frischer Wind….29

AG Interna

Berlin – klein aber fein
…Protokoll vom AGKT-Trcffen in Berlin….30

 Zebet
Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen ….33

Leserbrief

Nachruf auf das AGKT-Treffen in Berlin ….33

Pferdehaltung / – verhalten

Fury’s neue Welt
Beiträge zur tiergerechten Pferdehaltung und -nutzung….34

EU. und Agrarpolitik

AGKT – Landwirtschaft – Grüne Woche….37

Leistungsgeförderte Überschüsse….37

Es gibt keinen Ersatz für gute Butter außer gute Butter….38

Buchbesprechung

Der Mensch und seine Haustiere….40

It’s money that I love – “Käufliche Wissenschaft”….41

Termine….42

Ankündigungen und Anzeigen….43

Kontaktadressen….47

Neues zu einem alten Thema

Antibiotikaresistenzen

von Peter Plate

aus Veto 46 – 1998, S. 13-15

Das Problem:

Über die Problematik der Antibiotikaresistenzen, auch im Hinblick auf Leistungsförderer, ist wiederholt in dieser Zeitung berichtet worden (u.a. Nr. 23 u. 27). Seit den letzten Beiträgen zum Thema gibt es einige Neuigkeiten zu berichten:

  • die Entdeckung von Kreuzresistenzen zwischen dem humanmedizinischen Reserveantibiotikum Vancomycin und dem Leistungsförderer Avoparcin, was ein europaweites Verbot des letzteren zur Folge hatte
  • der EU-Beitritt Schwedens, das den Einsatz von Leistungsförderern seit 1986 verbietet, was intensive Diskussionen in der EU zur Folge hatte
  • verschärfte öffentliche Bedenken gegen den Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung allgemein.

1. Avoparcin

Der Leistungsförderer Avoparcin, der seit Jahrzehnten in der Schweine- und Geflügelhaltung, in Großbritannien auch in der Milchviehhaltung, zugelassen war, ist ein Glykopeptid-Antibiotikum, von dem bis vor wenigen Jahren keinerlei Probleme bekannt waren (es wird enteral kaum resorbiert und eine Resistenzbildung war unbekannt).

In Krankenhäusern sind multiresistente Staphylococcus aureus-Stämme ein zunehmendes Problem: Patienten starben z.T. nach kleineren Eingriffen an Wundinfektionen und Septikämien; das Glykopeptid Vancomycin ist das einzig wirksame Antibiotikum gegen diese Stämme. Bei anderen Bakterien (Enterokokken) wurden Vancomycinresistenzen schon nachgewiesen. Eine befürchtete Übertragung dieser Resistenz auf multiresistente Staph.-aureus-Stämme wäre katastrophal. Ein kausaler Zusammenhang zwischen vancomycinresistenten Bakterien in Krankenhäusern und Avoparcineinsatz in der Tierhaltung wird kontrovers diskutiert: in den USA wird Avoparcin (legal) nicht eingesetzt, Vancomycinresistenzen sind hier jedoch auch ein Problem. Der Vancomycineinsatz in den Krankenhäusern ist jedoch höher als in Europa, und importiertes Fleisch kann aus Betrieben stammen, die Avoparcin einsetzen. Insbesondere aus Dänemark und Deutschland gibt es Untersuchungen, die einen solchen Zusammenhang nahelegen:

In Krankenhäusern der ehemaligen DDR wurden Anfang der 90er Jahre vancomycinresistente Enterokokken entdeckt, obwohl dieses Antibiotikum dort vor Öffnung der Grenze kaum eingesetzt wurde. Die Entdeckung vancomycinresistenter Enterokokken im Tau- und Waschwasser von Tiefgefrierhähnchen in der Krankenhausküche und die nachgewiesene Kreuzresistenz zwischen Avoparcin und Vancomycin machen den Herkunftsbestand als Resistenzquelle wahrscheinlich (KLARE et al. 1995). Somit war ein deutlicher Hinweis auf eine humanmedizinische Gefährdung durch den Einsatz von Leistungsförderern in der Tierhaltung erbracht, der auch durch vorhergehende Untersuchungen (BATES et al. 1993) unterstützt wird.

Für die Pharmaindustrie und Teile der Schweine- und Geflügelwirtschaft ist das Avoparcinverbot ein Alarmsignal, insbesondere, da es als Präzedenzfall das Verbot weiterer oder gar aller Leistungsförderer nach sich ziehen könnte. Es wird betont, daß das Verbot “wissenschaftlich unbegründet” sei (Animal Pharm, Review 1997), wobei die Kosten und der Wettbewerbsnachteil angeführt werden, die durch eine verminderte Futterverwertung und Tageszunahmen entstehen. Die Antibiotikadiskussion ist z.Z. die größte Sorge der veterinärpharmazeutischen Industrie.

Der Zusammenhang zwischen dem Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung und Resistenzen bei Menschen ist jedoch keineswegs neu: der Swann-Report von 1969 war bereits Folge einer Epidemie multiresistenter Salmonellen. HOLMBERG et al. (1984) untersuchten Salmonelloseausbrüche bei Menschen in den USA von 1971-1983 und konnten resistente Salmonellen bis in den Rinderstall zurückverfolgen. Eine ausführliche Übersicht über diese Problematik insbesondere im Hinblick auf Leistungförderer geben RICHTER et al. (1996).

Es ist quantitativ kaum erfaßbar, welchen Anteil der Antibiotikaeinsatz in der Tiermedizin an der zunehmenden Resistenzproblematik in der Humanmedizin besitzt, was von der “animal health industry” oft dazu verwendet wird, die Verantwortung v.a. der Humanmedizin zuzuweisen. Dazu sollte jedoch beachtet werden, daß Antibiotika in der Tierhaltung zum großen Teil aus rein ökonomischen Gründen eingesetzt werden (Leistungsförderung, “Einstallungsprophylaxe” als Kompensation für nicht artgerechte Haltungs- oder Transportbedingungen sowie Zukauf aus mehreren Beständen). Die Argumentation, aus Tierschutzgründen eine Einschränkung des Antibiotikaeinsatzes abzulehnen (siehe Bayer Anzeige), ist daher nicht nachvollziehbar. Allein der stichhaltige Verdacht, daß Tier-Antibiotika einen Beitrag zu humanmedizinischen Resistenzen leisten könnten, sollte daher einen restriktiven Einsatz nach sich ziehen.

2. Die Situation in Schweden

Eine Übersicht über die Entwicklung in Schweden geben ROBERTSON und LUNDEHEIM (1994):

In den 80er Jahren gab es eine intensive Diskussion zu Tiergesundheit, Tierschutz und Fleischqualität, wobei u.a. die schwedische Fleischvermarktungsgesellschaft, der schwedische Bauernverband und die schwedische Gesellschaft für Tiermedizin stärkere Restriktionen beim Antibiotikaeinsatz forderten. Im Januar 1986 wurde daraufhin jeglicher Einsatz von antimikrobiell wirksamen Substanzen auf die Indikationen Vorbeuge, Erleichterung und Heilung von Krankheiten beschränkt (Leistungsförderer sind also ausgenommen) und der tierärztlichen Verschreibungspflicht unterstellt.

Der Einsatz von Antibiotika insgesamt ging daraufhin um ca. 35 % zurück. Detalliert untersucht wurden die weiteren Auswirkungen des Leistungsfördererverbotes im Hinblick auf die Ferkelerzeugung. Vor dem Verbot war dem gesamten kommerziell vertriebenen Ferkelfutter Olaquindox (50 mg/kg) zugesetzt, ein Leistungsförderer mit Breitbandwirkung u.a. gegen E. coli und den Dysenterieerreger, der damit als “Nebeneffekt” eine prophylaktische Wirkung gegen Durchfälle beim Absetzen entfaltet. Zu Recht wird von der Pharmaindustrie angemerkt, daß direkt nach dem Verbot die Probleme zunahmen (insbesondere um mehr als 100% zunehmende Durchfälle beim Absetzen, verringerte Wachstumsraten und zunehmende Mortalität), und dadurch der Einsatz therapeutischer Antibiotika (u.a. Olaquindox in höherer Dosierung von 160 mg/kg) erhöht werden mußte. Somit blieb der Olaquindoxverbrauch von 1985-1987 konstant. Eine weitere negative Begleiterscheinung ist der vermehrte Einsatz von Zinkoxid als “Antibiotikaersatz” im Ferkelfutter , der ökologisch problematisch ist. Die offensichtlichen Probleme nach dem Leistungsfördererverbot führten zu verstärkten Forschungsanstrengungen zur Verbesserung der Haltungsbedingungen (Stallbau, Hygiene, Management) sowie der Fütterung. Eine Gruppe der Schwedischen Gesellschaft für Tiermedizin untersuchte Absetzprobleme und stellte strenge Richtlinien für den Einsatz von Fütterungsarzneimitteln auf. Danach müssen zunächst eine Untersuchung der Herde durchgeführt und prädisponierende Faktoren abgestellt werden, bevor Antibiotika verschrieben werden dürfen. Weiterhin sind vor dem Antibiotikaeinsatz diagnostische Untersuchungen durchzuführen. Der Schwedische Tiergesundheitsdienst verstärkte seine Anstrengungen, den Landwirten know-how und Leitlinien zu vermitteln.

Die Autoren beurteilen das “Schwedische Modell” als erfolgreich, da es durch hohe Tierschutzstandards und das Fehlen eines routinemäßigen Antibiotikaeinsatzes gekennzeichnet ist. Leider liefern sie jedoch keine Zahlen, die belegen, wie erfolgreich sich die Beratungsprogramme im Hinblick auf die Tiergesundheit auswirkten.

Des weiteren ist das genaue Monitoring des Arzneimitteleinsatzes bemerkenswert. Daten zur Entwicklung z.B. der Olaquindoxmenge pro 10 000 Schweine, des Anteils der verschiedenen Antibiotika sowie der Resistenzsituation werden kontinuierlich erhoben und veröffentlicht. Interessant ist beispielsweise, daß das am häufigsten angewandte Antibiotikum Benzyl-Penicillin ist, welches die erste Wahl bei Eutererkrankungen der Kühe darstellt, und daß nur ca. 5 % der Staph.-aureus- Stämme bei Mastitiden Penicillinase bilden (Übersicht bei BJÖRNEROT et al. 1996).

3. Weitere öffentliche Bedenken gegen den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung

Als Quelle weiterer Bedenken der Öffentlichkeit gegen den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung sei beispielhaft das (nicht als industriefeindlich bekannte) britische House of Lords angeführt: Der siebte Bericht des “Select Committee on Science and Technology” enthält zahlreiche interessante Fakten und Stellungnahmen zum Thema:

Es wird geschätzt, daß – auf Großbritannien bezogen – etwa die Hälfte der antibiotisch wirksamen Substanzen im “nicht-humanen Bereich” eingesetzt werden. Der Public Health Laboratory Service (PHLS) betont auf Anfrage, daß die Geschichte von Salmonelloseausbrüchen eng mit dem Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung verbunden ist. Der Swann Report von 1969 war Konsequenz einer Epidemie multiresistenter S. typhimurium – Stämme (DT29) bei Rindern und Menschen. Nachdem infolge des Swann Reports einige Antibiotika (wie Chloramphenicol) als Leistungsförderer verboten wurden, ging die Epidemie zurück.

1975 wurde der Nachweis erbracht, daß Apramycin aus der Kälberhaltung für gentamicinresistente S. typhimurium – Stämme beim Menschen verantwortlich ist. (Anmerkung: Apramycin wird in GB immer noch umfangreich angewendet, während Gentamicin nicht für lebensmittelliefernde Tiere zugelassen ist.)

Bayer Anzeige

Nach der Zulassung von Fluorchinolonen für Tiere, insbesondere von Enrofloxacin im Jahre 1993, wurde ein Anstieg von Resistenzen bei verschiedenen humanmedizinisch bedeutsamen Salmonellen gegen das Fluorchinolon Ciprofloxacin beobachtet. Ein kausaler Zusammenhang wird von verschiedenen Seiten vermutet.

Nachdem der (britische) PHLS die amerikanische Zulassungsbehörde (Food and Drug Administration, FDA) per Telefon über die Ciprofloxacinresistenzen informiert hatte, wurden in den USA keine Fluorchinolone mehr zugelassen, und der illegale Einsatz bei lebensmittel liefernden Tieren wird von den Aufsichtsbehörden aktiv verfolgt. Großbritannien setzt wie andere europäische Länder die Zulassung von Fluorchinolonen für Tiere jedoch fort, zuletzt von Marbofloxacin auch für laktierene Kühe. In Deutschland wurde in diesem Jahr ein Fluorchinolon für die Trinkwassermedikation bei Broilern zugelassen, mit einem Tag Wartezeit. In Großbritannien sind nicht Salmonellen-, sondern Campylobacter-Infektionen die häufigste Ursache von Lebensmittelvergiftungen. Nach einem WHO-Report gab es nach der Zulassung von Fluorchinolonen für Geflügel einen dramatischen Anstieg von resistenten Campylobacter jejuni-Stämmen, die von Geflügel, Geflügelfleisch und erkrankten Menschen isoliert wurden. Vor deren Einsatz beim Geflügel wurden diese Stämme ausschließlich bei mit Fluorchinolonen behandelten Menschen isoliert. Resistente C. jejuni-Stämme werden mit Therapieversagern in Verbindung gebracht.

4. Schlußfolgerungen

Angesichts dieser Hinweise erscheint die Bemerkung absurd, daß “erst noch umfangreich geforscht werden müsse”, um restriktivere Regelungen in Kraft zu setzen. Tierschutz wird von Teilen der Industrie als “Antibiotika-Verkaufsargument” genutzt. Die Situation in Schweden unmittelbar nach dem Leistungsfördererverbot wird dabei als abschreckendes Beispiel dargestellt, wobei der zweite Schritt, die nachfolgende Verbesserung der Haltungsbedingungen, sowie die vorbildlichen Leitlinien zum Antibiotikaeinsatz verschwiegen werden. Zahlreiche Markenfleischprogramme in Deutschland kommen sehr gut ohne Leistungsförderer aus. Das bestätigt den Verdacht, daß der ökonomische Nutzen der Leistungsförderer vor allem unter suboptimalen Bedingungen zum Tragen kommt. In der Tierärzteschaft verschiedener Länder bricht “Therapienotstandspanik” aus, als wolle die Öffentlichkeit uns die Penicillinspritze, mit der wir das leidende Tier retten wollen, aus der Hand reißen. Erforderlich ist jedoch – und das ist gesundheitspolitisch vordringlicher als die Rückstandsproblematik – eine klare Strategie, um den (wahrscheinlichen) Beitrag der tierischen Lebensmittelerzeugung zur Resistenzproblematik zu senken oder zu eliminieren. Hierzu können die Antibiotika in drei Kategorien eingeteilt werden:
Leistungsförderer – ein generelles Verbot dieser Stoffe ist wissenschaftlich ausreichend begründbar und auch marktpolitisch sinnvoll, wenn bei Importen auf dieselben Standards geachtet wird. Gerade handelspolitisch wird gegen ein Leistungsfördererverbot insbesondere von der Geflügelwirtschaft argumentiert (Wettbewerbsnachteile auf dem Weltmarkt u.s.w.). Als Gegenbeispiel sei der australische Rindfleischexport in die EU angeführt: Hormoneinsatz zur Leistungssteigerung ist in Australien erlaubt, Betriebe, die für den EU-Export produzieren, wenden diese jedoch nicht an. Strenge EU-Kontrollen auf Hormonrückstände mit dem ständig drohenden totalen Importstop sichern strenge Kontrollen in Australien und die Einhaltung des Hormonverbotes für die entsprechenden Betriebe. Ähnliches ist auch für Leistungsförderer denkbar, sofern der Weg vom Herkunftsbetrieb zum Importeur nachvollziehbar bleibt. Die Kontrollen könnten im Suchen nach bestimmten Resistenzgenen bestehen.

Antibiotikagruppen, die der Humanmedizin vorbehalten sind. Hierzu sollten z.B. Glykopeptide und Fluorchinolone gehören. Diskussionswürdig sind Ausnahmeregelungen für Einzeltiere: die eine euterkranke Kuh oder das an Pneumonie verendende Kalb wird kaum die humanmedizinische Resistenzsituation verschärfen, wenn sie/es mit Baytril behandelt wird, und eine strenge Regelung (ähnlich dem Betäubungsmittelrecht) mit Begründung jedes Einzelfalles erscheint denkbar. Eine solche Regelung würde jedoch die Überwachung bedeutend erschweren und zum Mißbrauch (“schon wieder 25 Einzelkälber mit Pneumonie”) geradezu einladen.
Antibiotika, die der Tiermedizin zugänglich sind. Hier sollten die schwedischen Leitlinien als Vorbild dienen, insbesondere der prophylaktische Einsatz bei Tiergruppen ist auf strenge Indikationen zu begrenzen und schrittweise durch besseres Management zu ersetzen (geschlossene Systeme, optimale Haltungs- und Klimabedingungen etc.)

Wie denn? Wo denn? Was denn?

von Bernd-Alois Tenhagen

aus Veto 48 – 2000, S. 14-18

In die Weiterbildungsdiskussion ist Bewegung gekommen. Das tradierte System von FachtierärztInnen und Zusatzbezeichnungen wird von vielen nicht mehr für adäquat gehalten. Dafür gibt es gute Gründe. Der folgende Artikel soll zum einen diese Gründe beleuchten, soll andererseits aber auch mögliche Entwicklungswege grundsätzlich aufzeigen, die dann in anderen Beiträgen ausführlicher erörtert werden.

Das zentrale und meistverwandte Stichwort in der Weiterbildungsdiskussion ist das der “Qualität”. Die Frage ist, Qualität in Bezug auf was und wer definiert die Qualität. Die Diskussionsstränge sind geprägt von handfesten Interessen, die sich zum Teil widersprechen. Sonst wäre das ja alles ganz einfach. Nach dem derzeitigen System gibt es zwei Möglichkeiten, eine besondere Qualifikation über den Abschluß des tiermedizinischen Studiums hinaus nach außen hin geltend zu machen. Den Erwerb des Fachtierarztes bzw. der Fachtierärztin und den Erwerb von Zusatzbezeichnungen. Ins Grobe gesprochen sind FachtierärztInnen für die klassischen veterinärmedizinischen Disziplinen vorgesehen, Zusatzbezeichnungen für Spezialbereiche, die aufgrund ihrer Struktur nur schwerlich die Konstruktion eines Fachtierarztes zulassen (alternative Heilmethoden) oder aber hochspezialisierte Teilbereiche betreffen (Ophthalmologie, Zahnheilkunde etc.). Der Erwerb dieser Bezeichnungen ist an Bedingungen geknüpft. Diese bestehen in der Regel im Nachweis von Tätigkeit auf dem Gebiet, Fortbildung und im Rahmen einer durch die zuständige Tierärztekammer abzunehmenden Prüfung von Kenntnissen und zum Teil Fähigkeiten. Die Bedingungen werden im Rahmen des föderativen Systems von allen Kammern für ihren jeweiligen Kammerbereich definiert und divergieren zum Teil. In der Regel werden die einmal erworbenen Titel jedoch von den anderen Kammern anerkannt.

Soweit so gut. Warum nun soll dieses bewährte System plötzlich nicht mehr taugen und erneuerungsbedürftig sein. Im Wesentlichen werden in der Diskussion drei Zielrichtungen verfolgt: 1. Verbesserung der Qualität der Weiterbildung (diesmal konkret), 2. Kollegialer Wettbewerb, 3. Sicherung von Berufsfeldern

1. Verbesserung der Qualität der Weiterbildung

Besser werden wollen wir natürlich alle. Aber es geht hier weniger um das hehre Ziel, Gutes zu tun, als darum, Ansprüchen von außen gerecht zu werden. Verfolgt wird einerseits das Ziel, dem deutschen Fachtierarzt (mehr) internationale Anerkennung zu verschaffen. Mit dem System der European Veterinary Colleges und der Diplomates baut sich für die Fachtierärzte nämlich eine internationale Konkurrenz auf, der gegenüber es sich zu verhalten gilt. Es besteht einhellig die Auffassung, daß diese Einrichtungen die Latte erheblich höher legen, als sie für den Fachtierarzt gelegt wird, mithin diesen künftig zum Experten zweiter Klasse werden lassen könnten. Dem zu begegnen soll nun gezielt die Qualität der Weiterbildung und damit auch das Niveau des Titels erhöht werden. Wie genau das zu bewerkstelligen sein soll, darüber besteht weitgehende Uneinigkeit. Über einige Ansätze wird in dieser VETO an anderer Stelle berichtet.

Der zweite Grund zur Qualitätssteigerung besteht in steigenden Kundenansprüchen. Dies gilt in den klinischen Disziplinen sowohl im Kleintier- und Pferdebereich, als auch durchaus im Nutztierbereich, wo die Qualifikation der Tierhalter in ihrem Beruf rasant steigt und auch das Maß des Möglichen und Nötigen. Schließlich ist es aber auch der generell rasante Zuwachs und die sinkende Halbwertszeit des Wissens (Martens 1999). Auch wenn ein erheblicher Anteil der Wissensmenge vorwiegend von akademischem Interesse ist, macht der Rest immer noch eine ständige und verbesserte Fort- und Weiterbildung erforderlich. Daß das erhebliche Konsequenzen für die Struktur der Weiterbildung hat, dazu später mehr.

2. Kollegialer Wettbewerb

Der entscheidende Unterschied zwischen Fort- und Weiterbildung ist, daß letztere auf dem Praxisschild und der Visitenkarte dokumentiert ist. Mithin werden durch den Erwerb einer Fachtierärztin Erwartungen bei Kunden und Kolleginnen geweckt, denen der Weitergebildete in irgendeiner Form entsprechen muß. Gepaart mit der Zunahme des Wissens, der Möglichkeiten und auch der Spezialisierung, wird es vielen Weitergebildeten kaum gelingen, diesem Anspruch ohne größeren Aufwand auf die Dauer gerecht zu werden. Die Frage an die Modernisierung der Weiterbildung lautet also: Wie kann ich gewährleisten, daß sich hinter dem Praxisschild der Fachtierärztin tatsächlich eine entsprechende Kompetenz verbirgt? Diese Frage beinhaltet eigentlich 3 Fragen: Ist das Gebiet überhaupt in einem Fachtierarzt zu vereinen? Wie kann ich beim Erwerb der Fachtierärztin sicherstellen, daß dieses Gebiet auch wirklich abgedeckt wird? und schließlich: Wie kann ich sicherstellen, daß die betreffende Person die Anforderungen, die an die FTÄ gestellt werden, auch fürderhin erfüllt? Die Problematik des kollegialen Wettbewerbs gilt in erster Linie für den Bereich der tierärztlichen Praxis. Die damit verbundenen Fragen gelten aber auch für die anderen tierärztlichen Betätigungsfelder. Ein weiterer Aspekt des kollegialen Wettbewerbs ist aber auch, daß der Spezialisierungsgrad wiederum nicht so hoch sein darf, daß es für die Qualifizierte keinen Markt gibt (etwa Fachtierärztin für Angiopathien der Kaninchenzehe). Daß diese Anforderung der vorherigen diametral entgegensteht, macht einen nicht unwesentlichen Anteil der Debatte aus.

Sicherung von Berufsfeldern

Hier liegt die Problemstellung ganz anders. Natürlich handelt es sich auch wieder um Fragen der Weiterbildungsqualität, allerdings geht es hier nicht darum, sich die Qualität gegenseitig zu beweisen, sondern sie gegenüber Dritten herauszustellen. Ein typisches Beispiel ist das Arbeitsgebiet Qualitäts- und Hygienekontrollen im Lebensmittelbereich. Hier sind Tierärztinnen in hohem Maße der Konkurrenz anderer Ausbildungsgänge ausgesetzt (z.B. Lebensmittelchemiker und -technologen, ggf. auch Ökotrophologen). Das heißt, es geht hier darum, die Struktur der Weiterbildung so zu gestalten, daß sie neben dem hohen Qualifikationsstand auch noch die Wettbewerbsfähigkeit der Tierärztin in diesem Bereich garantiert. Hier können die Bezeichnung des Qualifikationsgrades und die Dauer des Weiterbildungsganges spielentscheidend sein, da von Bewerbern zum einen sehr spezielle Qualifikationen erwartet werden, andererseits aber auch jugendliche Frische.

Weiterbildungsgänge, deren zeitliches Ausmaß die Bewerberin an den Rand des Mindesthaltbarkeitsdatums führen, mögen eine optimale Qualifikation gewährleisten, allerdings ist die Milch sauer, bevor sie beim Kunden (Arbeitgeber) ankommt (geschlossene Kühlketten hin oder her). Die Anforderung an die Neugestaltung der Weiterbildung auf diesen Berufsfeldern lautet also: hohe und spezielle Qualifikation und zwar ein bißchen plötzlich. Gut Ding darf nicht zu viel Weile haben.

Wir sehen also, der Gründe, das Weiterbildungssystem zu novellieren, sind genügend. Wie aber soll das gehen? Ich möchte mich im Folgenden drei Fragen nähern:

  1. Wie sind hoher Spezialisierungsgrad und ausreichend breite Qualifikation zu verbinden?
  2. Wie läßt sich das Niveau der Weiterbildung im Rahmen des Weiterbildungsganges anheben (ohne daß das Pensum nicht mehr zu schaffen ist)?
  3. Wie läßt sich die mit dem Titel erworbene Qualifikation in Zeiten sich entwickelnden Wissens aufrechterhalten?

Zu 1.: Spezialisierungsgrad und Qualifikation

Abbildung 1: Modell eines modularen Aufbaus der Weiterbildung am Beispiel der Fachtierärztin für Kleintiere (Pfeile geben die Richtung des Weiterbildungsganges an).

Die Antwort auf die erste Frage lautet gemeinhin: Modularer Aufbau. Was heißt das? Einfach gesprochen: Die Weiterbildung besteht aus einzelnen Teilstücken, bei deren Kombination sich der eine oder andere Fachtierarzt ergibt. Dieses Modell soll Abbildung 1 veranschaulichen. Ich habe hier das Beispiel des Fachtierarztes für Kleintiere gewählt, weil sich darunter einerseits jeder was vorstellen kann, andererseits ich mit dem Arbeitsgebiet nur wenig Berührungspunkte habe.

So plausibel das Modell zunächst mal aussieht, so sehr steckt der Teufel im Detail. In Abbildung 1 suggeriert der modulare Aufbau, daß der Fachtierarzt für Kleintiere 3 Teilgebiete umfaßt, die unterhalb der Fachtierarztebene angesiedelt sind. Nach herkömmlichen Prinzipien der Baustatik muß also die FTÄ alle drei Teilgebiete abdecken. Das ist nichts Neues. Der Streit entzündet sich an der Frage, ob die Teilgebiete einzeln als Zwischenstufen erworben werden können und schon zum Erwerb einer Qualifikationsbezeichnung führen. Hier setzt gemeinhin ein Sturm der Entrüstung ein. Wie soll das denn gehen? Wie soll so etwas denn möglich sein. Wie soll denn jemand Fachtierärztin für Kleintiere, Teilgebiet Chirurgie sein. Das geht nicht! Und warum nicht? Weil die doch auch was von innerer Medizin verstehen muß! Muß sie das? Sie gibt mit dem Erwerb der Teilgebietsbezeichnung ja nicht die Approbation als Tierärztin ab. Sie wird nur früher in die Lage versetzt, eine Qualifikation, der sie tatsächlich entspricht, auch nach außen hin zu dokumentieren. Vielleicht möchte sie ja eine chirurgische Überweisungspraxis machen, wo sie tatsächlich vorwiegend operiert. Einen Hund mit Diabetes würde sie halt ihrer Studienkollegin überweisen, die das Teilgebiet Innere erworben hat. Die Tatsache, daß sie FTÄ für Chirurgie der Kleintiere ist, entbindet sie keineswegs von der Pflicht, ihr diagnostisches Handwerk zu beherrschen und Fälle, die ihre individuellen Möglichkeiten übersteigen, zu überweisen. Von einer Fachtierärztin ist mehr zu erwarten als “good clinical practice”. Letztere sollte selbstverständlich sein. Vielleicht tun sich die beiden auch zusammen, legen beide noch einen drauf und machen schließlich doch auch die Fachtierärztin für Kleintiere.

Mir scheint dieses Szenario – bei allen Tücken, die es im Detail möglicherweise gibt, nicht abwegig. Die Spezialistin wäre dann jemand, die am Beispiel der Osteosynthese zumindest das Teilgebiet Chirurgie der Kleintiere beherrscht und sich innerhalb dieses Gebietes dann auch noch auf Probleme der Osteosynthese spezialisiert hat. Der Mainstream der Diskussion läuft derzeit andersherum (Abbildung 2).

Abbildung 2. Modell eines modularen Aufbaus für die Fachtierärztin für Kleintiere (Mainstream-Diskussion,Weiterbildung in Pfeilrichtung).

Hier wird die FTÄ für Kleintiere zur Grundlage weiterer Spezialisierung. Nach dem Motto: Die soll das Kleintiermetier erstmal richtig beherrschen, dann kann sie weitersehen. Auch diesem Modell geht nicht eine gewisse Logik ab. Sie entspricht in etwa der Logik des Untersuchungsganges. Wir machen zunächst mal eine Allgemeinuntersuchung und kommen dann zur speziellen Untersuchung. Nach meiner Einschätzung sollte die Allgemeinuntersuchung aber von jeder niedergelassenen Tierärztin zumindest soweit beherrscht werden, daß sie entscheiden kann, ob das Tier nun ein gebrochenes Bein oder aber eine Herzinsuffizienz hat. Will meinen: Die Fachtierärztin ist nicht Voraussetzung einer Grundqualifikation. Diese soll prinzipiell mit dem Staatsexamen und in der darauf folgenden Assistenzzeit erworben werden. Die FTÄ soll Ausdruck einer wirklich besonderen Qualifikation sein (Stichwort Niveauanhebung). Wenn sie meint, mit dem alleinigen Teilgebiet Chirurgie der Kleintiere am Markt bestehen zu können, soll ihr das möglich sein. Sie soll aber auch die Möglichkeit haben, nach einem entsprechend längeren Weiterbildungsgang den kompletten FTÄ für Kleintiere zu erwerben. Schließlich kann sie aber auch mit oder ohne der kompletten FTÄ Spezialistin für Osteosynthese werden (Voraussetzung TG Chirurgie der Kleintiere) oder Spezialistin für Kardiologie (Voraussetzung TG Innere Medizin der Kleintiere).

In anderen Gebieten läßt sich der in Abbildung 1 dargestellte Aufbau noch besser illustrieren. Beispiel Lebensmittelbereich: Derzeit umfaßt der Bereich die Gebiete Lebensmittelhygiene, Fleischhygiene + Schlachthofwesen und Milchhygiene. Ein großer FTA für LM-Hygiene müßte alle drei Gebiete beherrschen. Die Arbeitsrealität sieht aber meist anders aus. Die Leute sind in einem dieser Bereiche tätig. Selbstredend sind die Bereiche miteinander verwandt. Würde man aber den FTA für LM-Hygiene als Basis der Teilgebiete nehmen, würde das einen entsprechend langen Weiterbildungsgang voraussetzen. Mit der Folge, daß die Kandidatin bei Erwerb des Titels das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat und eine jüngere Lebensmitteltechnologin den Job macht. Hier ist ein kurzer spezialisierter Weiterbildungsgang Voraussetzung für eine sinnvolle Qualifikation. Wiederum soll dies nicht ausschließen, daß diese Person mehrere Teilgebiete erwirbt und damit zur Leiterin einer Untersuchungsstelle avanciert. Ihren Einstieg muß sie heute aber früh finden, sonst ist der Zug abgefahren.

Die Weiterbildung zur Fachtierärztin geht durch das Nadelöhr der Weiterbildungsstätten. Wer Fachtierärztin werden will, kann das nicht überall werden, sondern nur innerhalb der Universitätseinrichtungen und in sogenannten Weiterbildungsstätten, die meist von einer Weiterbildungsberechtigten geleitet werden. Die Anzahl (bezahlter) Arbeitsplätze auf diesem Markt ist gering. Die derzeit geübte Praxis unbezahlter Tätigkeit zum Zwecke der Weiterbildung (Stichwort Anerkennung von Hospitanzzeiten als Weiterbildungszeiten) ist als sittenwidrig und Förderung asozialen Verhaltens abzulehnen. Der Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs ist aber durchaus hoch. Es bieten sich spontan zwei Wege an:

  1. Die Latte für die Anerkennung als Weiterbildungsstätte wird niedriger gelegt, oder die Zeitdauer des Aufenthalts in dieser Stätte vermindert.
  2. Es werden andere Qualifikationsebenen eingezogen, die auch unterhalb der FTÄ eine zusätzliche Qualifikation dokumentieren.

Das erstere kriegen wir später. Die Qualifikation unterhalb der FTA-Ebene könnte beispielsweise ein erweiterter Pool von Zusatzbezeichnungen sein. Deren Erwerb ist zwar an eine fachliche Qualifikation und den Nachweis von Tätigkeit und Fortbildung geknüpft, nicht aber an eine Weiterbildungsstätte. Bisher ist dieser Schritt nur für mehr oder weniger kleine Randgebiete der Tiermedizin vorgesehen. Mit der Zusatzbezeichnung “Hygieneberatung im Lebensmittelbereich” ist jedoch zumindest in Berlin ein erstes Kernfach mit einer Zusatzqualifikation im Herzen seines Arbeitsgebietes ausgestattet. Die von der BTK (Bundestierärztekammer) jetzt vorgelegte Musterweiterbildungsordnung für die Zusatzbezeichnung Bestandsbetreuung Schwein ist ein weiteres Beispiel und wird kaum das letzte bleiben.

Diese Zusatzbezeichnungen sollen nicht die FTÄ ersetzen, sie sollen aber auch nicht mit der Gießkanne über die Kolleginnen verteilt werden. Ihr Ziel ist es, PraktikerInnen des Berufs (nicht nur praktischen TÄ) die Möglichkeit zu geben, besondere Qualifikationen zu erwerben, ohne durch das Nadelöhr der Weiterbildungsstätten zu müssen. Der breitere Zugang zu solchen Qualifikationen hat auch einen sozialen Aspekt, da die Leute nicht gezwungen sind,
ihren Broterwerb aufzugeben, um sich außenwirksam zu qualifizieren. Im Lebensmittelbereich geht es dabei auch darum, schnell eine spezielle Qualifikation zu erwerben und nach außen auch demonstrieren zu dürfen, ohne erst den mühseligen Gang durch die FTÄ-Weiterbildung zu machen. Natürlich sind diese Personen dann auch keine FTÄ.

Zu 2.: Anhebung des Niveaus

Dieses Thema ist immer etwas heikel, suggeriert es doch, das derzeitige Niveau sei eher flach. Dessen ungeachtet muß dem Problem des Wissenszuwachses begegnet werden. Für die Allgemeinpraxis bieten sich Zertifizierungssysteme an. Wie läßt sich das Niveau der FTÄ anheben? Schärfere Prüfungen sind ein üblicher Reflex auf diese Problemstellung. Sie setzen aber eine entsprechende Qualifikation der Prüferinnen voraus. Die weitere Aufteilung von Fachgebieten in Teilgebiete hatte ich oben ja schon erläutert. Das Gebiet ist weniger breit, kann dafür aber vertieft werden. Auch dieses System stößt aber an seine Grenzen, weil es irgendwann zu einer Überspezialisierung bei zu geringer Breite führt (vgl. Miniparzellen bei Erbteilung von landwirtschaftlichen Betrieben).

In der DDR wurde versucht, das Niveau durch die Einführung eines Kurssystems zu verbessern oder aufrechtzuerhalten. Die sich Weiterbildenden mußten einfach noch mal eine Zeit an die Uni zurück. Klingt plausibel. Ist aber aus verschiedenen Gründen nicht unproblematisch: Das Ausmaß an Kompetenz, das an einer Uni versammelt ist, ist begrenzt. Der Karriereweg zum Hochschullehrer setzt eine enorme Spezialisierung voraus und bei der Fülle der Spezialisierungen kommt es zwangsläufig dazu, daß diese nicht alle an einer Uni vertreten sind. Vielleicht sind sie sogar an keiner Uni vertreten. Ersteres Problem läßt sich noch über gemeinsame Veranstaltungen der 5 Fakultäten regeln. Für den Rinderbereich ist so etwas von der Fachgruppe der DVG wohl schon angedacht. Auch in anderen Bereichen gibt es zumindest Gedankenspiele.

Das zweite Problem ließe sich durch die Einbeziehung von externen Spezialisten und nicht zuletzt der sich Weiterbildenden selbst einigermaßen lösen. Das wirbelt natürlich die gute alte Kompetenzhierarchie etwas durcheinander, aber das tut den meisten wahrscheinlich ganz gut. Problematisch erscheint derzeit vor allem die Frage, wann die Hochschulen das machen sollen. Wer jetzt den faulen breitgesessenen Beamtenarsch besingt, sichert sich zwar kurzfristig Beifall, trägt aber kaum zur Lösung des Problems bei.

Selbst guten Willen seitens der Universitäten vorausgesetzt gibt es ein kleines rechtliches Problem. Als ausgesprochen zugangsbeschränktes Fach unterliegt die Tiermedizin den Regelungen der Kapazitätsverordnung (KapVO). Und die sehen vor, daß die Universitäten in erster Linie für die Ausbildung der StudentInnen da sind. Hier können also nicht einfach Ressourcen abgezweigt werden, um die Weiterbildung zu gewährleisten, weil dann natürlich, nicht ohne eine gewisse Logik, eingewandt wird, daß die Fachbereiche offenkundig noch freie Valenzen haben, die sie ja auch der Ausbildung der StudentInnen widmen könnten. Mit anderen Worten: Die Weiterbildung ist nicht kapazitätswirksam und darf eigentlich auch keine Kapazitäten binden, es sei denn … Es sei denn, sie wird als Studiengang eingeführt, etwa wie der neue PhD (Philosophical Doctor (sic!))-Studiengang in Hannover. Ein solcher Studiengang entspricht aber kaum den Anforderungen eines Weiterbildungsganges. Hier gibt es also bei allem guten Willen ein Problem. Selbstverständlich könnte das Kurssystem auch vorwiegend von der ATF (Akademie für tierärztliche Fortbildung) getragen sein und die Hochschulen nur eingebunden werden. Das würde die Kurse für die Universitäten in eine Grauzone verschieben. Sie wären nicht mehr Veranstalter, die Frage der rechtlichen Kapazitätswirksamkeit ließe sich möglicherweise umschiffen, nicht aber die der faktischen Wirksamkeit hinsichtlich Ressourcenverbrauch.
Beurteilen läßt sich das alles wohl erst, nachdem es mal probiert worden ist. Es hat durchaus schon Weiterbildungskurse in den Unis gegeben (v.a. im Lebensmittelbereich). Diese bedeuten aber eine außerordentliche Belastung des Apparates der Institute. Andererseits bringen sie für die Institute aber einen Zugewinn, jedenfalls dann, wenn sie auch hochschulfremde Spezialistinnen mit einbinden (inhaltlicher Zugewinn) und kostendeckend durchgeführt werden. Ich möchte an dieser Stelle für ein dezidiertes “Schaumermal” plädieren. Wenn es nicht geht, müssen wir halt weitersehen. (Stand der Diskussion: Fakultätentag dafür, möchte aber Kapazitätswirksamkeit. Das geht nach Angaben der HRK/Hochschulrektorenkonferenz nicht. Bundestierärztekammer dafür. Detailfragen ungeklärt)

Zu 3.: Aufrechterhaltung des Weiterbildungsstandes

Diese Frage wird in den bisherigen Weiterbildungsregelungen ausgeklammert. Einmal Fachtierärztin immer Fachtierärztin. Daß dies natürlich in Zeiten des Wissenswandels keine zeitgemäße Regelung ist, liegt auf der Hand. Wie also kann der Erhalt der Qualifikation gesichert werden? Auch hier fällt einem wieder spontan die Regelung der Frage über das Prüfungssystem ein. Ob das allerdings wirklich sinnvoll ist, erscheint fraglich, führt es doch nur dazu, daß die FTÄ alle 5 Jahre eine Büffelphase durchleben, um nach wiederum bestandener Prüfung in ihren Alltag zurückzukehren, der davon völlig getrennt ist.

Moderner erscheint da schon das Konzept von Colleges. Dieses könnte ähnlich funktionieren wie der Nachweis von ATF-Fortbildungen und Publikationen für den Erwerb des Fachtierarztes. Jährlich finden Tagungen der FTÄ des jeweiligen Gebietes statt und die Kolleginnen sind dazu verdonnert, mindestens alle zwei Jahre einen Vortrag auf diesen Tagungen zu halten oder wahlweise eine Publikation für eine begutachtete Fachzeitschrift zu verfassen. Dieses System hätte zwei Vorteile. Zum einen ist jede FTÄ gezwungen, sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit der kritischen Diskussion zu stellen, zum anderen wird Wissen aus der beruflichen Praxis in die berufliche Praxis und/ oder die lesende Öffentlichkeit transferiert. Daß der Besuch dieser Tagungen Teil des Weiterbildungsganges ist, versteht sich. Ergänzt werden könnten solche bundesweiten Kongresse natürlich durch regionale Treffen und Workshops. Der Phantasie sind hier vorerst keine Grenzen gesetzt.

Ich habe versucht, in diesem Artikel einige Denkanstöße zur Weiterbildung zu geben. Das Wort Fortbildung kommt nur in definitorischer Abgrenzung vor. Sie steht in der Tat auf einem anderen Blatt und ist auf ihre Weise sogar wichtiger als die nachgewiesene Zusatzqualifikation. Prinzipiell läßt sich einiges vom hier Geschriebenen (Halbwertszeit des Wissens, Notwendigkeit der ständigen Fortbildung) sinngemäß auf die Fortbildung übertragen. Die Frage, ob es denn überhaupt sinnvoll ist, diese Titelwirtschaft zu betreiben, habe ich bewußt ausgeklammert. Es gibt sie und wenn die Möglichkeit des Titelerwerbs die Motivation zur Fort- und Weiterbildung stärkt, soll das auch recht sein. Problematisch ist natürlich der Zugang – wie schon beim Studium. Aber davon an anderer Stelle mehr.

Literatur

Martens (1999):

Die Plattform der AGKT

Wie alles anfing:

von Reinhard Müller

aus Veto 50 – 2007, S. 4-5

Vor 20 Jahren hat sich die Arbeitsgemeinschaft Kritische Tiermedizin (AGKT) gegründet. Ziel war, das an den Hochschulen sogar unter Tiermedizinern existierende „kritische Potential“ zusammenzuhalten auch über das Studienende hinaus die Isolation der Praktiker aufzubrechen und auch außerhalb der Uni sich als Tiermediziner mit übergreifenden gesellschaftsrelevanten Themen auseinanderzusetzen.

Die Gründungsinitiative ging von den linken hochschulpolitischen Gruppen der vier bundesdeutschen Fakultäten aus und war m.o.w. dominiert von den Basisgruppen, also der sog. undogmatischen Linken. Aber auch die Spackies (MSB Spartakus, für die Jüngeren: der hochschulpolitische Ableger der DKP) und eine Reihe nicht festgelegter Interessierter waren dabei, so dass sich die Diskussion um eine gemeinsame politische Linie als nicht ganz einfach darstellte.

Dennoch entstand in hitzigen Diskussionen ein quasi historisches „Dokument“: die Plattform der AGKT. Erstmals in der jüngeren deutschen Geschichte bekannten sich sogar Tiermedizinerinnen und Tiermediziner zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, und trotz aller politischer Veränderungen hat diese Plattform (leider) auch nach 20 Jahren noch weitgehende Relevanz und ist eine Basis, auf der sich noch heute die (übriggebliebenen) AGKT’ler/innen verstehen und verständigen können.

Die wesentlichen Punkte der Plattform sind: 

  • Anerkennung einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung für die Natur und die Lebensmittelproduktion (u.a. Pharma, ökolog. Landwirtschaft, auch: Ausbau kollektiver Produktionsstrukturen)
  • Tierschutz, artgemäße Tierhaltung, Minimierung von Tierversuchen
  • Forschungsorientierung an den menschlichen Bedürfnissen und an der Natur
  • Ablehnung der Ausbeutung der 3. Welt
  • Auflösung der Militärblöcke, Demokratisierung , Solidarität mit den nationalen Friedensbewegungen

Die Plattform enthielt ein (heftig diskutiertes) Kapitel Frauen: Abschaffung der Diskriminierung im Beruf und in der Ausbildung, Quoten bei der Stellenvergabe, Verbesserung der Berufschancen u.a. durch Schaffung von Gemeinschaftspraxen und Überdenken der klassischen Rollenverteilungen (bis hierhin alles nachzulesen in der Nullnummer der VETO, Sommer 1982).

Dieser Teil wurde zunächst heftig weiterdiskutiert und ist in seiner endgültigen Form in der VETO 1, Winter 82/83, zu finden.

Die einzige offizielle Ergänzung dieser Plattform war die Aufnahme der sozialen und ökonomischen Probleme der (jungen, nicht etablierten) Tierärzte in die Plattform und die Formulierung des Ziels, sich in allen Landestierärztekammern an der Kammerarbeit zu beteiligen  (VETO 6, Sommer 1984)

In der Arbeit der AG, unter anderem dargestellt in 50 Ausgaben der Veto, haben sich viele der oben genannten allgemeinen Forderungen konkretisiert.

Und was ist geblieben, heute, 20 Jahre später?

Die AG hat viel bewegt, viele Themen bearbeitet, und nicht ohne Erfolg, sie hat jeden von uns im Denken, z.T. auch im Handeln beeinflusst.

Wir akupunktieren, setzen uns mit ökologischer Landwirtschaft, konkreter Umsetzung von Tierschutzforderungen und anderen wichtigen Themen auseinander. Was die AGKT nicht geschafft hat, ist, die Vereinzelung, die Isolation im Beruf dauerhaft aufzubrechen.

Das BST-Moratorium läuft zum Jahresende aus

von Anita Idel

aus Veto Nr. 36 – 1994, S. 42-43

rBST und die Wissenschaft

Seit Jahren werden “wissenschaftliche” Versuche gemacht, die widerlegen sollen, daß rBST Kühe krank macht. Ohne Erfolg. Der Beipackzettel von POSILAC®, dem in den USA zugelassenen rBST von Monsanto, ist der vorläufig letzte Beweis dafür, daß BST sowohl innerhalb der Herden als auch bei der einzelnen Kuh Krankheiten provoziert. (Veto Nr. 35, S. 27).

Dichtung und Wahrheit

Daß das der Hormonlobby nicht paßt, verwundert nicht. Um Wahrheiten vergessen zu machen, hat sie sich in der Vergangenheit schon manch Wundersames einfallen lassen. So hieß es jahrelang: “Wachstumshormon ist kein Hormon, sondern ein Protein. ” Solch plumpe Verwirrspiele haben aber ihre Adressaten – die den Hormonen abgeneigten Konsumentlnnen – letztlich nicht überzeugen können. “Das hat soviel Wahrheitsgehalt wie: Eine Stachelbeere ist keine Beere, sondern eine Frucht”, so oder ähnlich lautete die Entgegnung auf mancher rBST-Veranstaltung.

Inzwischen lassen sich die Gesundheitsstörungen im Zusammenhang mit rBST nicht mehr unter die Kuh kehren. Zudem dürfte auf einem Beipackzettel die folgende Formulierung unter “General health” wohl ein Novum darstellen: “Use of POSILAC® is associated with increased frequency of use of medication in cows for mastitis and other health problems. “

Nicht nur rBST macht krank

Wie sich die meisten Wissenschaftler aber um die grundsätzliche Kritik an rBST drücken, demonstriert beispielhaft Prof. Heeschen von der Bundesanstalt für Milchforschung in Kiel. Er tut sich schwer, rBST für erhöhte Krankheitsraten verantwortlich zu machen. Aber er wird gesprächig, wenn es um die negativen Auswirkungen der Leistungssteigerung auf die Tiergesundheit geht. Das ist Öl auf die Mühlen der Hormonlobby, die nun gebetsmühlenartig wiederholt: “Die Krankheitsprobleme sind keine Folgen des rBST, sondern der Leistungssteigerung.” Eine offensichtlich geschickte Argumentation, fragen sich doch jetzt selbst nachdenkliche Geister in der Landwirtschaft, wie man denn hier differenzieren könne. Geschickt vor allem, weil darüber vergessen wird, worum es eigentlich geht.

Wir haben auch ohne rBST große Probleme mit der Tiergesundheit. Dies ist die Folge einseitiger Selektion auf Milchleistung: Die als zweiprozentiger Zuchtfortschritt pro Generation definierte Leistungssteigerung hat inzwischen zu einer Verdopplung der Milchleistung pro Laktation geführt, gleichzeitig aber zu einer drei- bis vierfach erhöhten Krankheitshäufigkeit bei Euterentzündungen, Stoffwechselentgleisungen und Fruchtbarkeitsstörungen. Jede neue oder zusätzliche Maßnahme muß sich deshalb daran messen lassen, ob sie zur Reduzierung der Krankheiten und damit auch des Medikamenteneinsatzes beiträgt. Eine Strategie, deren vorrangiges Ziel gar nicht darin liegt, etwas für die Tiergesundheit zu tun, disqualifiziert sich von vornherein selbst.

Kein Forschungsbedarf

Das wissenschaftliche Gerede darüber, wie krank rBST unsere Kühe denn nun genau macht (Angaben in Eiter und Pfennig), lenkt nur vom eigentlichen Problem ab. Auch Professor Pschorn, nunmehr Präsident der Bundestierärztekammer, glänzte Ende Juni mit der Äußerung, so einfach sei das ja gar nicht mit diesen ganzen rBST-Nebenwirkungen, da müsse noch einiges geforscht werden. Überraschend und wohltuend darauf die Entgegnung von Professor Grunert, dem Leiter der Gynäkologie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover: Da brauche man gar nicht forschen. Wer wisse, wie es bereits heute um die Kühe bestellt sei, wisse auch schon, was bei rBST herauskomme.

Gesundes Fieber

Aber die Hormonlobby hat noch einige Knackpunkte mehr auf Lager. Auf dem POSILAC®-Beipackzettel findet sich unter “Additional Veterinary Information” folgende Formulierung: “Care should be taken to differentiate increased body temperature due to use of POSILAC® from an increased body temperature that may occur due to illness. “

Vorsichtiges Differenzieren ist also angesagt zwischen “gesunder” und “kranker” Temperaturerhöhung. Noch Fragen? Der Bundesverband für Tiergesundheit (der Interessensverband der Veterinärpharmaindustrie in Deutschland) bietet auch hier Antworten. Die Temperaturerhöhung sei Folge des erhöhten Stoffwechsels. Klingt nicht schlecht. Aber nach dieser Logik hätte die Durchschnittstemperatur unserer Hochleistungskühe in den vergangenen Jahrzehnten um einige Grade steigen müssen.

Alle sind dagegen – aber rBST kommt trotzdem?

Obwohl sich selbst die Bundestierärztekammer (ehem. Deutsche Tierärzteschaft), der Deutsche Bauernverband und Landwirtschaftsminister Borchert dagegen aussprechen, hat die Pharmaindustrie gute Karten für eine rBST-Zulassung. Denn der zuständige Tierarzneimittelausschuß hat rBST “Unbedenklichkeit” bescheinigt und damit “grünes Licht” für eine Zulassung nach Ende des Moratoriums im Dezember 1994 gegeben.

Grundlage für diese bereits 1993 gefällte Entscheidung war die EU-Tierarzneimittel-Richtlinie, nach der für eine Zulassung die gewünschten die unerwünschten (Neben)Wirkungen überwiegen müssen. Leistungssteigerer aber werden einzig aus ökonomischen Gründen, und das heißt vor allem ohne jegliche therapeutische Notwendigkeit verabreicht. Bereits 1989 hatte die EG-Kommission bemängelt, daß es für die Zulassung von Leistungssteigerern wie dem rBST gar keine rechtliche Grundlage gäbe. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Wenn nur alle sagen, daß sie dagegen sind, aber keiner etwas tut, wird rBST auch in der EU zugelassen werden. Die Deutschen können nun im Rahmen ihrer EU-Ratsführerschaft unter Beweis stellen, wie ernst ihnen ihr “Nein” wirklich ist.

Veto 46

Arzneimittelrecht und Irrsinn

Eigentlich sollten wir zufrieden sein. Alle Welt schreibt jetzt von Resistenzen, Arzneimittelmißbrauch, Rückstandsproblematiken und vielen anderen Stichworten mehr, mit denen wir uns seit Jahren beschäftigen, wie eine unendliche Geschichte von Artikeln in der VETO belegt (incl. Pharma-Sonderheft von 1985!). Neu ist die Problematik mitnichten, gehörte die Novellierung des Arzneimittelrechts doch schon vor 8 Jahren zum Standard der AVO Vorlesungen im Studium.

Die mittlerweile recht zügige Umsetzung dieser arzneimittelrechtlichen Bestimmungen, die schon ein paar Jahre alt sind, hat die Tierärzteschaft und die Öffentlichkeit in einige Verwirrung gestürzt. Therapienotstand schreien die einen – und meinen damit die erzwungene Abkehr von gewohnten Pfaden. Ein Verbot der Antibiotika in der Tiermast fordern andere, zuletzt die Agrarminister der Länder in Jena (wie die taz am 18.09.98 unter Berufung auf Bärbel Höhn, Ministerin für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft des Landes Nordrhein-Westfalen berichtete). Anlaß war der Tod einer Frau in Dänemark, die sich mit multiresistenten Salmonellen infiziert hatte. Solche Vorkommnisse wurden allerdings auch schon 1984 im New England Journal of Medicine berichtet.

„Rettet die armen Pferde“ fordert der Spiegel. Pferde sind lebensmittelliefernde Tiere, neben anderen gesellschaftlichen Funktionen als Statussymbol, Spielzeug, Sportgerät etc. Mithin greifen alle gesetzlichen Regelungen, die für die skandalträchtigen „Nutztiere“ – Schweinemastfabriken, Hormonkälber, Hühner-KZs, Puten als wandelnde Apotheken – gelten, auch bei ihnen. Und das ist schade, weil Pferde doch so schrecklich viel empfindsamer sind als Schweine. Es gibt in der Öffentlichkeit derzeit viele klare Forderungen nach klaren Regelungen, nur daß diese sich leider widersprechen.

Diese VETO ist der Versuch, ein wenig Licht ins Dunkel der widerstreitenden Ansprüche zu bringen. Damit ist sie einerseits bestrebt, scheinbar eindeutige Notwendigkeiten ihrer Eindeutigkeit zu berauben, andererseits versucht sie primär unüberbrückbare Gegensätze zu überbrücken – und nicht zu untertunneln wie es seit Jahren gängige Praxis ist. Die VETO kann dabei auf eine lange Geschichte der Aufklärungsversuche verweisen, die zeigen, daß die Problematik nicht neu ist und daß es auch jenseits romantischer „Heile Welt Szenarien“ durchaus Optionen für eine andere rationalere Tierhaltung und eine rationalere Arzneimitteltherapie gibt. Nur sind diese natürlich etwas schwieriger zu vermitteln als eindeutige Verbotsforderungen.

Wer über Arzneimitteleinsatz – rationalen, mißbräuchlichen und überflüssigen – diskutieren möchte, darf von verschiedenen anderen Dingen nicht schweigen. Von der Tierhaltung, von der Struktur der Landwirtschaft, von ökonomischen Zwängen, denen LandwirtInnen, TierärztInnen und die lebensmittelverarbeitende Industrie sich ausgesetzt sehen, vom Tierschutz, von zweierlei Maß bei Tieren, die als Lebensmittel dienen einerseits und solchen die zum Spaß oder als Sozialpartner gehalten werden andererseits. Nicht zuletzt von der Wechselwirkung zwischen humanmedizinischen Problemen und tiermedizinischen Problemen und wohl noch von vielem anderen mehr. Es sind diese Rahmenbedingungen, über die zu diskutieren ist. Die isolierte Diskussion über Buscopan compositum® bei der Kolik des Pferdes lenkt mehr vom Thema ab, als daß sie zu seiner Klärung beiträgt. Auch wenn das natürlich die Frage ist, an der sich die Gemüter erhitzen.

Der Segen der derzeitigen Probleme ist, daß sie offenkundig werden. Wenn Sportärzte bei Pferden feststellen, daß sie selbstredend bei ihren gängigen Therapien immer mit einem Bein im Gefängnis stehen, sollte uns das schon zu denken geben. Ist doch der Pferdesektor in den letzten Jahren, außer vielleicht im Rahmen von Tiertransporten, nie als skandalträchtig in Erscheinung getreten. Über die Auswirkungen der nun in Kraft getretenen Regelungen für die Pferdemedizin berichtet Viola Hebeler auf Seite18.

Was liegt näher als von der Überregulierung zu sprechen, von der Regelungswut der Eurokraten, von überzogenem Verbraucherschutz, der die Therapie kranker Tiere unmöglich mache. Matthias Link hat schon in der letzten VETO (VETO 45, S. 19) darauf hingewiesen, daß viele Arzneimittel nicht vom Markt verschwinden, weil sie gesundheitliche Risiken bergen, sondern weil es ökonomisch für die Hersteller dieser Arzneimittel keinen Sinn macht, diesen eine neue Zulassung zu verschaffen. Die Kosten dieses Zulassungsverfahrens trüge nach geltendem Recht

einer, den Nutzen hätten aber alle anderen auch. Da läßt sich wohlfeil auf die böse gewinnsüchtige Industrie schimpfen, aber das ist ihre Funktion in dieser Gesellschaft.

Aber nicht nur bei der Nachzulassung von Arzneimitteln spielen ökonomische Zwänge eine erhebliche Rolle, auch beim Einsatz zugelassener Arzneimittel. Damit sich nämlich die Investitionen für die Zulassung so richtig lohnen, muß das Arzneimittel nach der Zulassung auch im großen Stil eingesetzt werden. So wird das neue, zunächst hochwirksame Antibiotikum gegen alles und jedes propagiert und ist im konkreten Fall auch immer eine gute Wahl, denn mit Kanonen kann man in Spatzenschwärmen Verheerungen anrichten. Dummerweise steigt aber mit dem massiven Einsatz – auch nach erfolgtem Antibiogramm – das Risiko der Resistenzausbildung bei den Erregern, selbst im hypothetischen Fall eines lege artis Einsatzes. Damit wird das Antibiotikum dann irgendwann nicht mehr das Mittel der Wahl sein. Im günstigen Fall fällt dies mit dem Ablauf des Patentschutzes zusammen.

Ob die neuen Regelungen zu einem Strukturwandel im Tierarzneimittelsektor führen werden, bleibt abzuwarten. Mitleid mit den „kleinen“, die den Markt mit preisgünstigen Generika erfreuen, ist kaum geboten, hinderte sie doch niemand daran, ihrerseits als Zusammenschluß die Nachzulassung dieser Stoffe zu betreiben.

Rationale Arzneimitteltherapie

Rationale Arzneimitteltherapie heißt nicht nur, immer brav einen Resistenztest zu machen, wenn Antibiotika eingesetzt werden und immer brav lange genug mit ausreichender Dosierung zu behandeln, um der Ausbildung von Resistenzen entgegenzuwirken. Allein das scheint nicht unerhebliche Anteile der Tierärzteschaft schon zu überfordern. Einzig die nicht betroffene Gruppe der Veterinäre im öffentlichen Dienst hat mit der konsequenten Durchsetzung dieser Regel keine Probleme.

Rationale Arzneimitteltherapie heißt darüber hinaus ständige Suche nach Alternativen, eine stärkere Betonung des Zusammenspiels von Erreger, Wirt und Umwelt. Ob man dies nun die „Einbeziehung epidemiologischer Aspekte“, „systemisches Denken“ oder den „ganzheitlichen Ansatz“ nennt, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Diese Suche nach Alternativen darf nicht am Hoftor haltmachen, sondern betrifft klar auch den Handel von Tieren und die regionale Struktur der Produktion. Da tun sich dann die Öffentlichen schon etwas schwerer, während die meisten Praktiker völlig kapitulieren, weil sie das vermeintlich nichts angeht.

Rationale Arzneimitteltherapie heißt darüberhinaus, ständig das Wechselspiel zwischen veterinär- und humanmedizinischen Belangen im Auge zu haben. Wer Antibiotika, die in der Humanmedizin als Reserveantibiotika gehandelt werden, für die orale Verabreichung an Nutztiere zuläßt, mag sich gesetzestreu verhalten, zeigt aber, daß er von Public health gerade mal weiß, wie man’s schreibt.

Wer die Lösung in der Entwicklung immer neuer Antibiotika für den Einsatz bei Tieren sucht, läßt sich auf einen sicherlich lukrativen Wettlauf ein, der im Falle der Humanmedizin auch sinnvoll erscheint. Im Falle der Veterinärmedizin stellt dies indirekt den Versuch dar, den humanmedizinischen Läufern entweder ein Bein zu stellen bin schon da, sagt die Resistenz – oder aber sie zu immer schnellerem Tempo anzuspornen.

Die Forderung nach Deregulierung und Markt geht dabei völlig an der Problematik vorbei. Das Problem ist nicht eine Überregulierung des Arzneimittel- und Veterinärwesens sondern eine nicht an die Notwendigkeiten angepaßte. Das Problem sind nicht selten auch Vollzugsdefizite bestehender Regelungen, die nicht nur einer Kumpanei zwischen Veterinärbehörden und Agrobusiness geschuldet sind. Der Staat darf sich hier nicht aus seiner Verantwortung für öffentliche Gesundheitsbelange und auch die Struktur der Landwirtschaft und Tierhaltung stehlen, sondern muß diese offensiv wahrnehmen, wie dies z.B. in den Niederlanden nach dem letzten Schweinepestzug geschehen ist. Die Struktur der Veterinärverwaltung muß auf ihre Effektivität und Rationalität geprüft werden. Internationale Tiertransporte lassen sich auf Kreisebene schwerlich effektiv kontrollieren.

Die Probleme sind vielschichtig und nicht unkompliziert, damit natürlich wenig medientauglich. Immerhin sickert langsam durch, daß es nicht nur der illegale Einsatz von Arzneimitteln ist, der ein Problem darstellt, sondern auch der ganz legale. Risikofrei ist auch der lege artis Einsatz von Arzneimitteln nicht. Allerdings ist dieser Satz weder als Begründung für ein völliges Verbot des Arzneimitteleinsatzes in der Tierhaltung zu verstehen noch als eine Legitimation für „Weiter so, Europa“. Es kommt darauf an, die widerstrebenden Interessen offenzulegen und dann zu entscheiden, welche den Vorrang haben. Daß das Ergebnis dieses Diskurses auch eine Machtfrage ist und nie abschließend entschieden werden kann, liegt in der Natur der Sache. Wenn aber schon mal öffentlich über die entscheidenden Fragen diskutiert würde und tierärztliches „weiter so“ durch ein wenig mehr Kompetenz ersetzt, wäre das ein Fortschritt, der derzeit noch schwer vorstellbar erscheint.

Diese VETO soll uns auf diesem Weg ein Stück weiterführen.

Die Redaktion

Inhaltsverzeichnis der Veto Nr. 46  

Inhalt & Impressum ………………………….. 2

Editorial ………………………………………… 3 

Schwerpunkt Arzneimittel

Wieso, weshalb, warum
Arzneimittelrechtliche Ursachen und Nebenwirkungen…………………………… 5 

Antibiotikaresistenz, die basics
Mechanismen der Resistenzbildung ………… 11 

Antibiotikaresistenzen
Neues zu einem alten Thema ……………….. 13 

Coli-Mastitis und Antibiotika,
eine komplizierte Beziehung ………………… 16 

Chips und Pferde
Konsequenzen der Anwendungsverbote in der Pferdepraxis ……………………………. 18 

Schutz des Verbrauchers durch Lebensmittelüberwachung
Much more work has to be done in this field ……………………………………. 21 

Arzneimittelabgabe
Mycoplasmen-Impfstoffabgabe
Genehmigt wird nicht ……………………….. 24 

Arzneimitteleinsatz I
Was tun?
Resistenzentwicklungen aus praktischer Sicht …………………………. 26

Presseerklärung
Rationale Therapie statt Gießkannenmedikation
in der Veterinärmedizin …………………… 29 

Arzneimitteleinsatz II
Arzneimitteleinsatz in Biolandbetrieben
Kommentierte Auszüge aus den Bioland-Richtlinien ………………………… 30 

Weitere Themen

Interview
Zuschuß für Arbeit statt Subvention für Raps ………………………. 35 

Vorstellung
Codex Veterinarius
Ethik-Leitlinien der TVT………………….. 37 

AGKT-Treffen
Photos vom Treffen in Görde…………….. 40 

Aus dem Netz
Hart am Wind
Surfenswerte Webseiten zu Ethologie und Tierhaltung ……………….. 41 

AGKT online
Email-Adressen …………………………….. 41 

Anzeigen ……………………………………. 42 

Kontaktadressen ……………………………. 43 

Ankündigung
AGKT-Treffen in Bretzfeld-Rappach ………………………….. 44

Veto 48

Was lange währt, währt immer länger

Hier ist sie endlich, die VETO 48. AbonennentInnen werden sich schon gefragt haben, ob sie überhaupt nochmal irgendwann eine VETO erhalten werden. Die Frage ist nicht unberechtigt. Der Zahn der Zeit nagt an der VETO, der Spagat zwischen einer inhaltlich immer besseren Zeitschrift, die immer noch die Dinge bringt, die ansonsten untergehen und der personell immer dünneren Decke von Leuten, die die VETO machen, zerreißt sie langsam aber sicher.

Es ist nicht das erste Mal, daß die VETO Probleme hat, und oft war nach der Redaktionssitzung die Stimmung gut, aber nach und nach häufen sich die Schwierigkeiten. Dabei sind es nicht die einzelnen Aspekte sondern es ist die Gemengelage, die die Arbeit zäh werden läßt und die wenigen, die das Projekt aktiv tragen, ermüdet. Diese sind obendrein meist in andere Aufgaben verstrickt, sei es Praxis, Uni-Job, ungesicherte Existenz, Familie etc..

In dieser Situation haben wir uns entschlossen, daß die VETO 50 die letzte VETO sein wird. Dies ist also der offizielle Beginn der Chronik eines angekündigten Abschieds. Diejenigen, die diesen Abschied verkünden, sind die gleichen, die sich lange gegen ihn gesträubt haben. Es sind die, die in den letzten Jahren die VETO gemacht haben. Und die diesen Schritt, aufzuhören mit der VETO nicht tun wollten. Denn die VETO ist nicht nur eine Zeitung, sie ist und war immer auch eine Klammer für die unterschiedlichen Menschen, die sich der AGKT zugehörig fühlten. Sie war auch der Zwang, Diskussionsprozesse zu Papier zu bringen und einer breiteren Kritik zu stellen. Aus den Auseinandersetzungen auf AGKT-Treffen wurden Artikel, die auf dem Niveau selten in der tiermedizinschen Literatur zu finden sind und oft den Diskussionsständen anderer Zirkel weit voraus.

Mit dem absehbaren Ende sind wir natürlich auch in die Diskussion eingestiegen, wie es denn weitergehen soll, an welcher Stelle sich die Meinungen und Diskussionsergebnisse jetzt festsetzen sollen. Die Diskussion ist angestoßen aber noch längst nicht zu einem Ziel gelangt. Konsens war allerdings, daß ohne die Möglichkeit der Publikation, die Diskussion rasch an Tempo und Tiefe verlieren wird, da diskutieren für uns keine zweckfreie Selbstbefriedigung ist. Der Ausdruck „Diskussionsstand“ beinhaltet, daß etwas irgendwo steht. Es wird wahrscheinlich nicht mehr in der VETO sein.

In dieser VETO wird nun wieder einiges an Diskussionsständen dokumentiert. Im ersten Teil finden sich mehrere Beiträge zum Lehren und Lernen, die nach Inkrafttreten der neuen TAppO an Aktualität nichts eingebüßt haben. Aber nicht nur das Thema Studium steht im Inhaltsverzeichnis. Auch die Weiterbildung, das vielgepriesene „lebenslange Lernen“ wird thematisiert. In fast allen Tierärztekammern des Landes wurde und wird an neuen Weiterbildungsordnungen gestrickt. Weiterbildung hat allerdings nicht nur mit hehrem Wissen und Können zu tun. Es geht dabei auch um die Erweiterung und Sicherung von Marktchancen.

Mit der Einrichtung eines PhD-Studienganges ist es der TiHo Hannover „gelungen“, die Postgraduiertenausbildung auf die Gesamtlehre anrechnen zu lassen, was die Zahl der Studierenden im Grundstudium verminderte. Auch dieser Weg ist sicherlich diskussionswürdig, rührt er doch an die alte Frage des Sinns und Unsinns von Zulassungsbeschränkungen. Auch dazu hat in vergangenen VETOs schon viel gestanden.

Der VETO-Schwerpunkt der Nr. 47 „Tierseuchen“ wird in dieser VETO mit drei Beiträgen fortgeführt, einer Fortführung der Geschichte der Tierseuchenbekämpfung in Europa, der Diskussion wirtschaftlicher Aspekte und der Mythenjagd.
Neben diesen Hauptteilen finden sich wieder diverse Beiträge zu klassischen AGKT-Themen (Berufspolitik, Verbraucherverhalten und Tierschutz).

Zum Schluß noch eine Bemerkung für die AbonnentInnen. Bei der Einziehung der Gelder gehen wir bis auf weiteres davon aus, daß mit der VETO 50 Schluß ist und werden keine darüberhinausgehenden Zahlungen einfordern. Diejenigen, die schon mehr gezahlt haben, bitten wir, dies als gute Tat zu verbuchen, da es uns vermutlich nicht möglich sein wird, diese Beträge zurückzuerstatten. Wir versichern allen, daß falls Gelder übrigbleiben sollten (was nicht wahrscheinlich ist), diese in die Arbeit der AGKT einfließen werden.

Nach so viel Ende ist es Zeit, mit der Lektüre anzufangen…

Die Redaktion

Inhaltsverzeichnis der Veto Nr. 48

Redaktionelles, Inhalt & Impressum ….. 2

Editorial ………….. 3 

Aus-, Fort- und Weiterbildung

Auf verschlungenen Wegen ins Gehirn 
Vom Lernen und wie die Lehre dabei helfen kann……….. 4 

Ohrenschmaus & Ohrengraus
Über die veterinärmedizinische Vorlesungslandschaft und Ansätze zur Verbesserung
… 8 

Ph.D.-Studium
Chancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs verbessern …… 12 

Wie denn? Wo denn? Was denn?
FachtierärztInnen und Zusatzbezeichnungen [PDF]…….. 14 

Weiterbildung globalisiert
Entwicklungen im Fach Pathologie ………. 19 

Weiterbildung im “Ganzheitlichen Bereich”………………… 21 

Fort- und Weiterbildung im öffentlichen Dienst……………………….. 22 

Strukturelle Auswirkungen von Fortbildung…………………………….. 25 

Lifelong Learning
Tierärztliche Weiterbildung in England…………………………………….. 27 

Tierseuchen

Von der Rache der Götter zum Handelshemmnis
Tierseuchenbekämpfung unter geänderten Vorzeichen (Teil 2) ………….. 30 

It‘s all in the money
Zur wirtschaftlichen Bedeutung von Tierseuchen …………………………….. 32 

Die Tollwut und die Wut der Jäger………………………………. 36 

Verschiedene Themen

Leben und leben lassen
Koexistenz unter Tierärzten……………… 38 

SchummelEi
Untersuchung über den Einfluß objektiver Verbraucherinformation auf das Kaufverhalten bei Hühnereiern………….. 40 

Desire to go
Tierschutz und Schlittenhundesport ……..42 

Abenteuerreisen
AGKT-Treffen in Leipzig
von Natascha Arras 
(Autorangabe fehlt im Heft)…………….. 46 

Aus dem Netz
Hart am Wind
Aus-, Fort-, und Weiterbildung im Internet..49 

AGKT online
Email-Adressen ………………………………. 49 

Anzeigen ………………………………………. 50 

AGKT-Treffen in Bretzfeld…………………… 51
Kontaktadressen …………………………… 52 

EIERLEGENDEWOLLMILCHSAU

von Anita Idel

aus Veto 50 – 2007, S. 6-8

Eine EIERLEGENDEWOLLMILCHSAU zierte das Cover der ersten Ausgabe der Veto. Sie war bereits mit Einfüllstutzen versehen für Hormone, Antibiotika und Cortisone. Damals – im Sommer 1982 – hatte der Zeichner Hans-Jörg Seilacher bereits die wichtigsten Zuchtziele im Visier:

bis 1984 – sechsspuriger Ausbau des Verdauungskanals und

bis 1987 – Einkreuzung von landwirtschaftlichem Pflegepersonal.

25 Jahre sind vergangen, und die Einfüllstutzen dienen der mit chronischer Routine betriebenen permanenten Schadensbegrenzung. Obwohl die Gesetzeslage den kranken Verhältnissen immer mehr angepasst worden ist, erlebt die Aufdeckung von Arzneimittelskandalen – auch mit illegalen Substanzen – immer wieder Höhepunkte. Mehr Milch, mehr Fleisch, mehr Eier und das in immer kürzerer Zeit – lautet die so alte wie auch immer wieder neue Devise. Hormone und Antibiotika sollen einen Teil der Produktivitätssteigerung erbringen, die mit der Gentechnik verheißen worden war.

Aber bis heute gibt es keine transgenen Tiere in der landwirtschaftlichen Praxis; denn eine steigende Zahl von Tierversuchen scheitert weiterhin an biologisch-technischen Problemen des Gentransfers bei landwirtschaftlich genutzten Tieren.

Nichts desto Trotz hat die Rechtslage die tierisch-technische Entwicklung überholt: In den USA ist es mittlerweile erlaubt, geklonte Tiere als Lebensmittel in den Verkehr zu bringen.

Neben produktivitätssteigernden (Wachtumshormon)-Genen waren große Hoffnungen auf Resistenz-Gene gegen die wirtschaftlich gravierendsten Krankheiten gesetzt worden: Seuchen, sowie Atem- und Darmwegserkrankungen. Aber bis heute ließen sich kaum Gene identifizieren, die als allein ursächlich für eine Resistenz angesehen werden könnten.

Und damit zurück zum Titelbild der ersten Veto. Statt der „Einkreuzung von landwirtschaftlichem Pflegepersonal“ vergrößert sich der Aufwand der technischen Überwachung der Tiere immer mehr. So wird immer weniger Zeit mit dem Tier und stattdessen immer mehr Zeit vor dem Computer verbracht. Über die Gentechnik hinaus soll mittels einer weiteren Biotechnik tatsächlich landwirtschaftliches Pflegepersonal eingespart werden. Mit Tieren aus einem Klon pro Stall ließe sich beispielsweise die Berechnung des Futtermittelbedarfs auf ein Minimum reduzieren und die Fütterung dadurch erheblich vereinfachen, verlautbaren einschlägig Interessierte seit Mitte der 80er Jahre.

Mit der seit damals forcierten Klonforschung sollen die hohen Investitionen in die Genforschung trotz der schlechten Erfolgsquoten kompensiert werden: Wenn ein einzelnes transgenes Tier den Vorstellungen seiner Erzeuger entspricht, so die Idee, sollte es massenhaft vervielfältigt werden. Mit dem Schaf „Dolly“ wurde zwar 1997 der Durchbruch präsentiert, aber wieder stehen dem biologisch-technische Probleme entgegen, so dass statt des eigentlichen Ziels, der massenhaften Tierproduktion aus einem Guss, wiederum nur Unikate entstehen. Sollten aber „Dollys“ NachfolgerInnen eines Tages doch in Serie gehen, läge die Gefahr im Erfolg: Das bei allen einheitlich normierte Erbgut würde den Spielraum für individuelle Reaktionen – zum Beispiel Abwehr von Krankheitserregern – drastisch einschränken.

Auch aus dem für 1984 anvisierten „sechsspurigen Ausbau des Verdauungskanals“ ist bekanntlich nichts geworden. Aber neben der Einsparung von Arbeitskräften, der Beschleunigung des Wachstums, der Steigerung der Leistung und der Erhöhung der Besatzdichten ist das Futter die entscheidende Variable an den tierischen Produktionskosten. Die Futtermittelindustrie hat durch die Verwendung von Kadavern bis hin zu Dioxin-belasteten Energieträgern Millionen eingespart. Die Pervertierung des Recyclinggedankens nimmt als schlimmste Folge der Externalisierung von Kosten auch den Tod in Kauf. Wie die Verseuchung von Boden, Luft und Wasser sowie Antibiotika-resistente Bakterien uns oft nur schleichend und häufig unerkannt krank machen, ist auch die neuartige Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit infolge des Verzehrs BSE-kranker Rinder Realität. Auch wenn wir die genauen Ursachen des Rinderwahns noch nicht abschließend verstehen, seine entscheidende Verbreitung erreichte er durch Zwangskannibalismus: die Verfütterung von Wiederkäuertiermehl an Wiederkäuer. Und schon ist sie wieder da: die Verheißung, mit dem Gen, hier: einem BSE-Resistenz-Gen, könne die Welt gerettet werden.

Der Wunsch nach einfachen Lösungen ist eine entscheidende Triebfeder des Glaubens an die Gentechnik. So wurde Jahrzehnte lang an der Vorstellung festgehalten, ein Gen bewirke die Bildung eines Proteins. Und auch der Glaube, ein Protein regele eine Eigenschaft, hielt sich lange. Nach Untersuchungen, deren Ergebnisse erst nach dem Milleniumswechsel veröffentlicht wurden, hat das Genom von Säugetieren mit 30 000 weit weniger Gene als die angenommenen 100 000.

Bezüglich der züchterischen Selektion kann somit in der Regel nur mit Näherungswerten gearbeitet werden. Die Marker gestützte Selektion versucht sich an Wahrscheinlichkeiten, mit denen ein Marker in der Nähe relevanter Gene lokalisiert ist. Mit FUGATO, der „Funktionelle(n) Genom Analyse im Tierischen Organismus“ gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung sollen die genetischen Grundlagen für Gentests erforscht werden. Die Ergebnisse übernimmt der gleichnamige Industrieverbund (www.FUGATO-Forschung.de); am Ende stehen jeweils patentierte Gentests, wobei im Einzelfall auch das analysierte Produkt, das Tier bzw. seine Verwendung, unter den Patentschutz fallen kann.

Mit der immer stärkeren Selektion erhöht sich auch die Inzucht und damit die Gefahr des Auftretens und der Verbreitung von Erbfehlern. Insbesondere sollen geeignete Bullenmütter identifiziert werden, deren Söhne dann als Anlageträger einzelne Gensequenzen massiv in der Population verbreiten sollen. Inzwischen gibt es Bullen mit mehr als einer Million Nachkommen.

Die große Bedeutung der Fortentwicklung weiterer Biotechniken kommt aber erst in der Kombination der Marker gestützten Selektion mit Fortpflanzungs- und Vervielfältigungstechniken zum Tragen: In-vitro- Fertilisation, Kryokonservierung, Ovum Pick up, In- vitro-Reifung, Intra-zytoplasmatische Spermieninjektion sowie die Verbesserung der Nährmedien.

Die Komplexität genomischer Interaktionen und der Epigenetik ist ein hochspannendes Forschungsfeld. Aber ihre Erforschung krankt – wie so vieles – am Erkenntnisinteresse: Verstehen wollen – einzig, um gewinnsteigernd manipulieren zu können.

Presseresonanz bis zur Praline nach AGKT Stand auf der Grünen Woche 1989

Natürlich war die EIERLEGENDEWOLLMILCHSAU nie gewollt sondern die extrem einseitige Nutzung. In den über 20 Jahren seit der ersten Veto hat diese Spezialisierung weiter dramatisch zugenommen. Die gewünschten züchterischen Erfolge stellen zugleich Durchbrüche auf der Privatisierungsebene dar: Die biotechnischen Möglichkeiten zur züchterischen Spezialisierung führen zu einem weiteren Verlust von Agrobiodiversität durch die reduzierte genetische Basis innerhalb und zwischen den Rassen. Damit verbunden sind (privat-)rechtliche und somit auch soziale Folgen durch die immer geringere öffentliche Verfügbarkeit von Zuchttieren überhaupt. Und speziell von Tieren, die für züchterische Ansätze für weniger intensive Haltungssysteme und die Freilandhaltung geeignet sind – kurz: Die Entwicklung einer ökologischen Tierzucht, orientiert auf Tiergesundheit und nachhaltige Landnutzung.

Veto 50

Ein Viertel Jahrhundert AGKT und viele Vetos liegen hinter uns. Hier die Nummer 50 – endlich!

Einige Anläufe und langes Warten hat es gekostet und nun zu letzt noch einen sonnig-stürmischen, langen Sonntag in Ostfriesland.

Wir alle verbinden eine wichtige Zeit unseres Lebens mit der AGKT, viele immer noch bestehende Freundschaften sind in ihrem Rahmen entstanden. Gemeinsame Gedanken, Diskussionen, Aktivitäten von Demonstration bis Seminar und Party verbinden uns. Impulse aus der AGKT beeinflussen unser berufliches Leben noch immer. Etwa im täglich kritischen Umgang mit Lebensmitteln. In der Sensibilität für das Thema artgerechte Tierhaltung auch in der Kleintierpraxis, wenn es um Omas fetten Dackel oder die haarsträubende Knasthaltung von Heimtieren geht.

Nicht wenige haben die Themen hauptberuflich umgesetzt: ProfessorInnen für die ökologische Tierhaltung, AmtstierärztInnen im Tierschutz, TierärztInnen für Akupunktur, Homöopathie und biologische Tiermedizin. Die anderen binden AGKT-Themen in ihrem Arbeitsalltag ein.

Die AGKT hat die Augen geöffnet für Argumente jenseits des mainstreams und das auf facettenreiche Weise: Arzneimitteleinsatz in der Nutztierhaltung, „Verheißungen“ der Gentechnologie, Kampfhunddiskussion, Exotenhaltung, um nur ein paar Stichpunkte aufzuzeigen.

Grossartig noch immer unsere Treffen, zuletzt bei Ute im Mai 2006 in Ballenhausen und im Sommer 2007 dann bei Vio in Reichshof.

Mittlerweile kommen wir aus den unterschiedlichsten Arbeitszusammenhängen und haben uns doch viel zu sagen und zu geben. Einerseits ist es gut, die Meinung der anderen zu hören, z.B. im Streit um Vogelgrippe- Bekämpfungsmaßnahmen, anderseits die stärkende Gruppe Gleichgesinnter zu erleben.

Dies ist die 50te und letzte Veto. Ein Rückblick auf die Plattform der Veto 0 eröffnet unsere Schlussausgabe. Es folgen Artikel zur Entwicklung der Themen Tierschutz und Tierhaltung sowie Agrarökologie innerhalb der AGKT. Ergänzt durch Zusammenstellungen unserer Seminare, Sonderveröffentlichungen, Treffen und Fahrten. Eingerahmt durch ein „best of “ – der eingesandten Fotos!

Dazu kommen Artikel aus den Bereichen Patentierung von Leben, Arthrosen im Pferdesport und Betäubung von Schlachttieren. Diese Artikel wurden schon vor einiger Zeit geschrieben, was den Informationsgehalt aber nicht schmälert, auch wenn aktuelle Bezüge zu den Themen ergänzt werden könnten.

Die Veto wird es als Informationsorgan nicht mehr geben. Zu groß war die Anstrengung und zu eingespannt die potentiellen AutorInnen und RedakteurInnen, um ein regelmäßiges Erscheinen zu gewährleisten.

Als gedrucktes Medium ist die Veto ohnehin zu schwerfällig geworden und der informelle Austausch zu aktuellen Themen und Ankündigungen findet schon lange in unserem Internetforum agkt@yahoogroups.com statt. Wer in diesem Verteiler noch nicht gelistet ist kann sich bei http://de.groups.yahoo.com/group/agkt anmelden.

Unsere grossartigen Fotos können ebenfalls auf der AGKT Homepage http://www.agkt.de/veto/ bewundert werden.

Wittmund im Wind,

Jan, Matthias, Carmen

Inhaltsverzeichnis der Veto 50

Inhalt & Impressum …………………………….. 2

Editorial……………………………………………… 3

Die Plattform der AGKT

Wie alles anfing…………………………………… 4

EIERLEGENDEWOLLMILCHSAU …………… 6

Agrarökologie

Agrarökologie in der AGKT …………………. 8

Warum ein AK Ökologische Landwirtschaft in der AG Kritische Tiermedizin ? ………………….. 14

Exkursionen der AGKT ………………………. 14

Seminare der AGKT…………………………….. 18

Veröffentlichungen der AGKT ………………. 19

Im Spiegel der Vetos der letzten 25 Jahre

Tierschutz und Tierhaltung in der AGKT .. 20

Liste der Veto-Beiträge zu Tierschutz und Tierhaltung …………………… 24

Patente auf Leben

Ein Ausblick……………………………………….. 28

Alle AGKT-Treffen ……………………………… 35

Pferde

Nutzungsbedingte Lahmheiten bei Reitpferden……………………………………. 36

Schlachtung

BSE, Bolzenschußbetäubung und der sogenannte Rückenmarkszerstörer…………. 42

AGKT digital ……………………………………… 45

Photoalbum ………………………………………… 46

Sechs Monate Leben

Über die Fütterung und Haltung von Mastkälbern

von Ursula Plath

aus Veto 49 -2001, S. 18-23

Mastkälber und ihr Fleisch

Wir geben dem Morgenkaffee einen Schuß Milch, essen zwischendurch einen Becher Joghurt und genießen Käse auf dem Brot. Wer denkt dabei schon an das Schicksal der zwei bis drei männlichen Kälber, denen man im Laufe seines Lebens durch einen durchschnittlichen Verzehr von Milchprodukten auf die Welt verhilft? Zwar ereilt nicht alle männlichen Kälber das Schicksal eines Mastkalbes, häufig werden sie auch zur Bullenmast aufgezogen, um dann nach etwa zwei Jahren geschlachtet zu werden. In Deutschland trifft es jährlich jedoch etwa 457 000 Kälber (ZMP – Zentrale Markt- und Preisberichtstelle für Erzeugnisse der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft GmbH, 2000) , das Leben eines Mastkalbes zu führen.

Kalbfleisch hat ein besonderes Image. Es gilt als besonders leicht bekömmlich und diätetisch wertvoll. Dieses Image beruht im wesentlichen auf der blassen Farbe des Fleisches. Die Fleischfarbe stellt bezüglich der Vermarktung von Kalbfleisch in Deutschland immer noch ein Hauptkriterium dar. Physiologischerweise haben Kälber natürlich kein blasses Fleisch. Erst eine fütterungsbedingte Eisenmangelanämie führt zu der typischen Blässe des Kalbfleisches (NEUMANN u. GRIEB, 1968). Zudem haben Untersuchungen bereits in den 60er Jahren nachgewiesen, dass Kalbfleisch hinsichtlich der ernährungsphysiologischen Bedeutung nicht besser zu bewerten ist als anderes Rindfleisch (GEBAUER, 1960; WEBSTER u. SAVILLE, 1981).

Haltungsbedingungen vor der Kälberhaltungsverordnung

Die Haltungsbedingungen von Mastkälbern haben sich in den letzen Jahren verändert. Vor Inkrafttreten der Kälberhaltungsverordnung 1992 waren die Haltungsbedingungen von Mastkälbern beinahe mittelalterlich schlecht. Die Kälber verbrachten ihre fünf- bis sechsmonatige Lebenszeit in 55 bis 80 cm breiten Einzelboxen auf Spaltenboden oder in Anbindehaltung. In den schmalen Buchten konnten die Kälber bereits in einem Alter von etwa zwei Monaten nicht mehr seitlich ausgestreckt liegen. Zudem war der Stall oft fensterlos, an elektrischem Licht wurde meist gespart. Im letzten Jahrhundert ging man davon aus, dass eine dunkle Umgebung die blasse Farbe des Fleisches hervorruft (BÜNGER, 1931), und es scheint, als sei dieser Irrglaube noch nicht ganz vergessen.

Aber nicht nur die Haltungsbedingungen entsprachen den Bedürfnissen der Mastkälber nur ungenügend, auch die Fütterung war und ist teilweise wenig artgerecht. Mastgrundlage stellte bis zum Inkrafttreten der Kälberhaltungsverordnung 1992 ausschließlich die Milchaustauschertränke dar. Rauh- und Kraftfutter wurde von den Mästern abgelehnt, da die Pansenentwicklung möglichst unterdrückt und das Labmagenvolumen stark gedehnt werden sollten. Auf diese Weise sollten eine höhere Tränkeaufnahme und infolgedessen höhere Zunahmen erreicht werden. Rauhfutter wurde aber auch wegen seines Eisengehaltes und der dadurch gefürchteten Rosafärbung des Kalbfleisches von den Mästern abgelehnt. Die Milchaustauschertränke wurde aus dem bloßen Eimer bzw. Trog ohne Saugmöglichkeit verabreicht. Trinkwasser wurde Mastkälbern üblicherweise nicht angeboten, denn die Mäster befürchteten, dass die Kälber durch eine zu hohe Trinkwasseraufnahme weniger Milchaustauschertränke aufnehmen und somit geringere Zunahmen zeigen würden.

Es ist offensichtlich, dass diese Haltungs- und Fütterungsbedingungen den Bedürfnissen junger Kälber nicht gerecht werden. Dies wird besonders deutlich, wenn man das Verhalten von Kälbern unter naturnahen Bedingungen, wie der Mutterkuhhaltung, untersucht. Auf der Weide leben Kälber innerhalb der Herde in sozialen Gruppen, den sogenannten Kindergärten, denen sie sich bereits im Alter von ein bis zwei Wochen anschließen (SAMBRAUS, 1978). Den überwiegenden Teil des Tages verbringen Kälber mit Ruhen und der Nahrungsaufnahme. Nahrungsaufnahme sind hier sowohl das Saugen an der Mutter, als auch die Aufnahme strukturierter Nahrung, die bereits im Alter von einer Woche beginnt (BOGNER et al., 1986). Insbesondere der Mangel an Rauhfutter führt bei Mastkälbern, die nur mit Flüssigfutter gemästet werden, zu übermäßigem Lecken und Knabbern an Artgenossen oder Stallgegenständen (KOOIJMAN et al., 1991). Die Folgen des intensiven Leckens und Knabberns der Kälber in Einzelhaltung fallen einem bei einem Besuch in einem konventionellen, älteren Kälbermastbetrieb sofort ins Auge. Die Holztrennwände der Einzelboxen sind stark durchlöchert und sehen insgesamt “abgelutscht” aus. Das übermäßig häufige Auftreten von Leck- und Knabberaktivitäten an Stallgegenständen oder Artgenossen kann als Stereotypie eingeordnet werden (WIEPKEMA et al., 1987) und zeigt somit an, dass auf das Tier Bedingungen einwirken oder eingewirkt haben, die das Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen oder beeinträchtigt haben (DUNCAN et al., 1993).

Haltungsbedingungen nach der Kälberhaltungsverordnung

Wie aber sehen die aktuellen Haltungsbedingungen von Mastkälbern aus? Seit 1991 liegt eine EU-Richtlinie (91/629/EWG) vor, die die Mindestanforderungen an die Haltung von Kälbern bis zu einem Alter von sechs Monaten festlegt. Im Dezember 1992 wurde in Deutschland diese Richtlinie in Form der Kälberhaltungsverordnung umgesetzt. Eine erste Veränderung der Verordnung ist seit 1997 in Kraft, ebenfalls auf einer EU-Richtlinie (97/2/EG) basierend. Die Umsetzung der Kälberhaltungsverordnung brachte einige wesentliche Verbesserungen, die Mastkälberhaltung und –fütterung kann insgesamt aber immer noch nicht als optimal bezeichnet werden.

Seit 1995 dürfen über acht Wochen alte Kälber nicht mehr einzeln gehalten werden. Auch die Anbindehaltung ist seit 1999 verboten. Die Mindestboxenbreite für jüngere Kälber in Einzelhaltung wurde auf 100 cm bzw. 90 cm, falls die Seitenwände nicht bis zum Boden reichen, erweitert. Spaltenboden ist weiterhin erlaubt und in der Praxis üblicherweise auch vorzufinden. Ein besonderer Nachteil des Spaltenbodens in der Kälbermast ist seine starke Rutschigkeit. Diese entsteht aufgrund des sehr weichen bis flüssigen Kotes der Kälber sowie der hohen Urinproduktion, beides bedingt durch die überwiegende Flüssigfütterung. Allerdings werden die Argumente des weichen Kotes und des hohen Urinanfalles auch von den Mästern gegen die Stroheinstreu hervorgebracht, da diese sich nachteilig auf die Qualität und Isolationseigenschaften der Einstreu auswirken können (VAN PUTTEN, 1987). Wahrscheinlich bedeutet Stroheinstreu bei Mastkälbern tatsächlich mehr Arbeitsanfall als bei anderen Kälbern. Beispielsweise in der Schweiz werden jedoch alle Kälber auf Stroh gemästet, so dass dieses Problem arbeitstechnisch bewältigbar scheint.

Eine weitere Verbesserung der Haltungsbedingungen liegt im vorgeschriebenen Wasserangebot zur freien Aufnahme, sowie in einer Mindestbeleuchtungsstärke von 80 Lux, die für mindestens zehn Stunden im Stall erreicht werden muß. Ein Problem liegt hier jedoch in der Durchführung, da allein das Vorhandensein eines Lichtschalters sowie einiger Kabel und Glühbirnen nicht garantiert, dass jemand den Lichtschalter auch betätigt. Es ist in der Praxis nach eigenen Erfahrungen verbreitet, dass der Stall lediglich während der Fütterung beleuchtet ist. Die Beleuchtungsmöglichkeit reicht für das Bestehen einer amtlichen Überprüfung aus. Fensterflächen sind nach der Kälberhaltungsverordnung leider nicht vorgeschrieben.

Das Problem der Fütterung wird durch die Kälberhaltungsverordnung nur halbherzig gelöst. Nach der Kälberhaltungsverordnung ist für über eine Woche alte Kälber eine Mindestmenge an Rauhfuttergabe oder der Gabe an “sonstigem rohfaserreichen strukturiertem Futter” vorgeschrieben, die für Kälber im Alter bis zu acht Wochen mindestens 100 g, im Alter von mehr als acht Wochen mindestens 250 g täglich vorsieht. Immerhin ist diese Regelung deutlich tiergerechter, als in der EU-Richtlinie gefordert, nach der eine Mindestrauhfuttergabe bei der “Haltung von Kälbern zur Erzeugung von hellem Kalbfleisch” nicht vorgesehen ist. Aber auch die deutschen Mengen sehen eher nach einem Kompromiss aus.

Nach eigenen Beobachtungen nehmen Mastkälber bereits im Alter von fünf bis sechs Wochen eine 100 g Heumahlzeit innerhalb etwa elf Minuten vollständig auf. Auf der Weide grasen bereits drei Wochen alte Kälber für etwa drei Stunden täglich (GODFREY, 1961). Mastkälber, denen die gesetzliche Mindestmenge an Heu angeboten wird, lecken noch immer sehr häufig an der Stalleinrichtung (PLATH, 1999). Es kann davon ausgegangen werden, dass das Bedürfnis nach Aufnahme strukturierter Nahrung durch die gesetzlich festgelegten Mindestmengen nicht ausreichend befriedigt ist. Zudem ist das Problem in der Praxis wahrscheinlich noch größer, da den Kälbern bevorzugt Maissilage als Rauhfutter angeboten wird. Maissilage besitzt aber bekannterweise einen deutlich geringeren Rohfaseranteil als Heu (Maissilage: 6,5 g Rfa/100g untersuchte Substanz; Heu: 23,8 g Rfa/100g untersuchte Substanz). Die Mäster favorisieren Maissilage vorwiegend aus diesem Grund. Eigene Erfahrungen in konventionellen Betrieben sprechen dafür, dass etliche Mastkälber auch diese 100 g Maissilage pro Tag nicht angeboten bekommen. Oft wird lediglich ein kleines Silo Maissilage für die amtlichen Kontrollen auf dem Hof gelagert, das tatsächliche Verfüttern kann aber niemand kontrollieren. Immer noch stehen die alten Befürchtungen einer zu raschen Pansenentwicklung und einer unkontrollierten Rosafärbung des Fleisches der ausreichenden Rauhfutterfütterung entgegen.

Eine zu starke Anämie der Kälber wird hingegen inzwischen auch von den Mästern gefürchtet, da diese oft mit einer erhöhten Krankheitsanfälligkeit (BÜNGER et al., 1986) und geringeren Zunahmen (BÜNGER et al., 1987; GYGAX et al., 1994) verbunden ist. Einige Mäster grosser Bestände führen zweimalige Blutuntersuchungen des gesamten Bestandes während einer Mastperiode durch, um anhand des Serumeisengehaltes eine wohldosierte Eisenapplikation durchzuführen. Zudem wird nach der ersten Veränderung der Kälberhaltungsverordnung von 1997 eine Mindestgehalt von 6 mmol Hb/l Blut gefordert, der durch amtliche Kontrollen überprüft wird. Der festgelegte Wert liegt allerdings bereits an der Grenze zum präanämischen Bereich und ist somit zu gering (BOSTEDT et al., 2000). Besser wäre ein Mindestwert von 7,5 mmol Hb /l, bei dem Kälber eisennormalversorgt sind (BOSTEDT et al., 2000). In der früheren Fassung der Kälberhaltungsverordnung wurde lediglich ein Mindestgehalt Eisen im Tränkepulver gefordert. Dies führte zu trickreichen Lösungen, wie beispielsweise der Zufütterung grösserer Mengen Kupfer, das die Eisenresorption im Darm herabsetzt. Die Angst vor einer zu starken Pansenentwicklung aufgrund der Rohfaserfütterung und damit verbundenen geringeren Zunahmen scheint irreal, da einige Untersuchungen zeigten, dass Mastkälber, denen rohfaserreicheres Rauhfutter angeboten wird, deutlich höhere Zunahmen gegenüber flüssiggemästeten Mastkälbern zeigen (TER WEE et al., 1991; EGGER, 1995).

Die Fütterungstechnik bei der Milchaustauschertränke wird durch die Kälberhaltungsverordnung nicht geregelt. Noch immer werden die Kälber überwiegend aus dem bloßen Eimer bzw. Trog ohne Saugmöglichkeit getränkt. Trotz dieser Tränketechnik, die das Saugbedürfnis der Kälber nicht befriedigt ist das Problem des gegenseitigen Besaugens in der Gruppenhaltung der über acht Wochen alten Kälber geringer als befürchtet. Von den Mästern, die vor der Inkrafttretung der Kälberhaltungsverordnung grosse Bedenken gegenüber der Gruppenhaltung aufgrund der Saugproblematik einbrachten, wird inzwischen überraschend positiv über die Erfahrungen mit der Gruppenhaltung der über acht Wochen alten Kälber berichtet. Häufig tritt jedoch gegenseitiges Belecken und Beknabbern der Kälber in der Gruppenhaltung auf. Auch dies kann, ebenso wie gegenseitiges Besaugen, Zeichen eines unbefriedigten Saugbedürfnisses bei einer ungeeigneten Tränketechnik sein (VEISSIER et al., 1998).

Was läßt sich tun

Wie aber lassen sich die bestehenden Bedingungen in Deutschland verbessern? Eine wesentliche Verbesserung könnte allein dadurch erreicht werden, wenn die Vermarktung von Kalbfleisch unabhängig von der hellen Fleischfarbe wäre. Gesetzliche Bestimmungen gibt es in Deutschland nicht, bei den einzelnen Abnehmern (Westfleisch, Brüninghoff etc.) ist das Merkmal der blassen Fleischfarbe aber ein wichtiges Vermarktungskriterium.

Die einzelnen Abnehmer unterscheiden sich hinsichtlich der Toleranz der Fleischfarbe, abhängig von den Vermarktungsmöglichkeiten. Einige tolerante Abnehmer akzeptieren bis zu 10% “rote” Kälber in einer Charge. Diese Kälber sind meist sogenannte “Pansentrinker”, die die Milchtränke fehlverdauen und deshalb nur mit Kraft- und Rauhfutter gemästet werden konnten. Nach Aussagen der Kälbermäster werden diese häufig als “Biokälber” vermarktet, die artgerecht gefüttert wurden. Diese Kälber wurden freilich unter ansonsten gleichen Haltungsbedingungen gehalten wie die herkömmlich vermarkteten Mastkälber. Wird der vom Abnehmer akzeptierte Anteil “roter” Kälber überschritten, kommt es zu Abzügen für den Mäster, die nicht unerheblich sind. Meist wird das Fleisch dann als Kuhfleisch klassifiziert, was einen Wertverlust von etwa der Hälfte bis zu zwei Dritteln bedeutet. Aber nicht jedes rosa Kalbfleisch entstammt derartigen seltsamen Vermarktungszweigen. Es gibt auch Marketingkonzepte, wie beispielsweise von Biopark e. V. in Mecklenburg-Vorpommern, die rosa Kalbfleisch aus Mutterkuhhaltung anbieten.

Ein Hauptstein im Weg zur besseren Mastkälberhaltung scheint die Akzeptanz der VerbraucherInnen zu sein. Zum einen schwirren in den Köpfen noch immer die Assoziationen der besseren, gesünderen und leicht bekömmlichen Qualität des Kalbfleisches, zum anderen läßt sich blasses Fleisch auf einfache Weise eindeutig als Kalbfleisch identifizieren. Das Vertrauen muss gross sein, wenn für das rote Fleisch direkt neben dem roten, billigen Suppenfleisch von der Kuh dreimal mehr bezahlt werden soll, nur weil es angeblich von einem Kalb stammt. Zudem glauben viele Verbraucher, dass Kalbfleisch einfach normalerweise blass ist, weil die Tiere noch so jung sind. In der Vergangenheit hat es schon einige Aufklärungskampagnen über den Hintergrund des Kalbfleisches gegeben, mit nur einem geringen Erfolg.

Erfolge in der Schweiz

Ein Beispiel aus der Schweiz zeigt aber, dass konsequente, qualifizierte Tierschutzarbeit in dieser Hinsicht doch einiges Bewirken kann.

Die schweizerischen Tierschutzorganisationen, insbesondere der Schweizer Tierschutz (STS), führten über mehrere Jahre umfangreiche Aufklärungskampagnen in der Öffentlichkeit durch. Ende des Jahres 1998 riefen der STS und die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) bundesweit für eine Woche zum Boykott von Kalbfleisch auf (LID Mediendienst). Die Folgen des Boykotts und die zunehmende Aufgeklärtheit der Kunden bezüglich der Fleischfarbe führte dazu, dass seit 1999 die Schweizerische Genossenschaft für Schlachtvieh- und Fleischversorgung (GSF) auf Abzüge beim Aufkauf dunkler gefärbten Kalbfleisches für die Erzeuger verzichtete. Auch die Mäster begrüßten diesen Schritt, da auch sie, vermutlich aufgrund der höheren Zunahmen durch eine Rauhfutterfütterung, den Kälber gern Rauhfutter anbieten wollten. Dabei muß hinzugefügt werden, dass auch vor diesem Entschluß die Haltungsbedingungen der Mastkälber in der Schweiz nicht so schlecht waren, da sie, wie bereits erwähnt, alle auf Stroh gehalten wurden. Sie hatten jedoch häufig keinen Zugang zu zusätzlichem Rauhfutter (EGGER, 1995).

Verbesserung der Verordnung

Neben der Verbraucheraufklärung wären auch Verbesserungen im gesetzlichen Bereich wünschenswert. Insbesondere die Haltung der Kälber auf Stroh und das Verabreichen der Milchaustauschertränke über Sauger sind Maßnahmen, die das Wohlbefinden der Mastkälber deutlich steigern können. Zudem sollte der Gesetzgeber den geforderten Mindest-Hämoglobin-Wert erhöhen, um eine Anämie der Kälber sicher auszuschließen. Eine strengere Verordnung in Deutschland birgt jedoch die Gefahr, dass durch innereuropäische Wettbewerbsnachteile das Problem der wenig tiergerechten Kälbermast lediglich in andere, kälbermastintensivere Länder wie die Niederlande, Frankreich oder Italien verlagert wird. In diesen Ländern sind zum einen die gesetzlichen Forderungen nicht so weitreichend, zum anderen ist die Lobby der Kälbermäster dort noch stärker ausgeprägt. Aufgrund dessen ist eine Verbesserung der rechtlichen Grundlagen auf EU-Ebene notwendig.

LITERATUR:

BOGNER, H., G. PRANCKH u. A. GRAUVOGL (1986): Die Verwendung von Grobfutter bei der Mast von Kälbern mit Flüssigmilch aus der Sicht der Ethologie. Tierärztl. Umsch. 41, S. 834-836.

BOSTEDT, H., R. HOSPES, A. WEHREND u. P. SCHRAMEL (2000): Auswirkungen einer parenteralen Eisenzufuhr auf den Eisenversorgungsstatus in der frühen postnatalen Entwicklungsperiode beim Kalb. Tierärztl. Umsch. 55, S. 305-315.

BÜNGER, H. (1931): Die Kälbermast. Verlag Paul Parey, Berlin (Anleitungen der Dt. Gesell. für Züchtungskunde. Nr. 16)

BÜNGER, U., P. SCHMOLDT u. J. PONGÉ (1986): Orale und parenterale Eisenmangelbekämpfung in Beziehung zum Ablauf von Erkrankungen bei Tränkekälbern aus verschiedenen Herkunftsbetrieben. Mh. Vet.-Med. 41, S. 302-306.

BÜNGER, U., K.A. SCHLAEFER u. U. GRAETSCH (1987): Bekämpfung des Eisenmangels bei Kälbern sowie Auswirkungen auf Pneumonie- bzw. Durchfallerkrankungen und Lebendmassezuwachs. Mh. Vet.-Med. 42, S. 357-363.

DUNCAN, I.J.H., J. RUSHEN u. A.B. Lawrence (1993): Conclusions and implications for welfare. In: A.B. LAWRENCE u. J. RUSHEN (Hrsg.):Stereotypic animal behaviour: Fundamentals and applications to animal welfare. Verlag CAB International, Wallingford, S. 193-206

EGGER, I. (1995): Muss an Mastkälber Heu verfüttert werden? Agrarforschung 2(5): S. 169-172.

GEBAUER, H. (1960): Zur Weißfleischfrage. Tierärztl. Umsch. 15, S. 93-94.

GODFREY, N.W. (1969): The functional development of the calf. II. Development of the rumen function in the calf. J. Agric. Sci. 57, S. 177-183

KOOIJMAN, J., H.K. WIERENGA u. P.R. WIEPKEMA (1991): Development of abnormal oral behaviour in group-housed veal calves: effects of roughage supply. In: J.H.M. MEtz u.

GROENESTEIN (Hrsg.): New trends in veal calf production. Proceedings of the international symposium on veal calf production, Wageningen, Niederlande, 14-16 March 1990. Verlag EAAP Publications, Wageningen, S. 54-58

NEUMANN, W. u. G. GRIEB (1968): Der Einfluß der Dunkelstallhaltung auf die Mast von Schweinen und Rindern sowie auf einige Leistungen bei Zuchtschweinen. Tierzucht 22, S. 354-357

PLATH, U. (1999): Beurteilung verschiedener Tränketechniken und Betreuungsmaßnahmen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die oralen Aktivitäten, den Gesundheitszustand und die Mastleistung über zwei bis acht Wochen alter Mastkälber in Gruppenhaltung. Diss., Hannover
SAMBRAUS, H.H. (1978): Verhalten des Kalbes. (In: SAMBRAUS, H.H. (Hrsg.): Nutztierethologie. Verlag Paul Parey, Berlin und Hamburg, S. 98-99

TER WEE, E., H.K. WIERENGA, I.P. JORNA u. A. C. SMITS (1991): Health of veal calves in 4 systems of individual housing during the first weeks of the fattening period. In: J.H.M. MEtz u. GROENESTEIN (Hrsg.): New trends in veal calf production. Proceedings of the international symposium on veal calf production, Wageningen, Niederlande, 14-16 March 1990. Verlag EAAP Publications, Wageningen, S. 81-84

VAN PUTTEN, (1987): Housing and management concepts in todays ceal production. In: M.C. SCHLICHTING u. D. SMIDT (Hrsg.): Agriculture. Welfare aspects of housing systems for veal calves and fattening bulls. Commission of the European Communities, Luxembourg, Report EUR 10777 EN, S. 45-59

VEISSIER, I., I. CHARPENTIER u. G. DESPRÈS (1998): Incidence of sucking compared to drinking milk on behaviour and heart rate of calves. In: VEISSIER, I. u. A. BOISSY (Hrsg.): Proceedings of the 32nd Congress on Applied Ethology, Clermont-Ferrand. Institut National de la Recherche Agronomique, France S. 185

WEBSTER, A.J.F. u. C. SAVILLE (1981): Rearing of veal calves. In: Alternatives to Intensive Husbandry Systems. Verlag Universities Federation for Animal (UFAW), Potters Bar, S. 86-94

WIEPKEMA, P.R., K.K. VAN HELLEMOND, P. P. ROESSINGH u. H. ROMBERG (1987): Behaviour and abomasal damage in individual veal calves. Applied Animal Behaviour Science 18, S. 257-268

ZMP (Informationsdienst für die Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft Nachrichten) (2000): Kälbermast lohnt sich kaum. Jahrg. 38, Nr. 39 (http://www.Zmp.de/presse/nachrichten/zmpnac49.htm#no1)

LID Mediendienst; Nr. 2393 vom 17.12.1998
(http://www.lid.ch/altpd/Mediendienst98/md2393/seite6.html)

RECHTSTEXTE

Verordnung zum Schutz von Kälbern bei Stallhaltung (Kälberhaltungsverordnung) vom 1. Dezember 1992, Bundesgesetzblatt Teil I, Nr. 55, S. 1977-1980

Erste Verordnung zu Änderung der Kälberhaltungsverordnung vom 22. Dezember 1997, Bundesgesetzblatt Teil I, Nr. 88, S. 3326-3327

Richtlinie 91/629/EWG des Rates vom 19. November 1991 über Mindestanforderungen für den Schutz von Kälbern, Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften, Nr. L 340, S. 28-30

Richtlinie 97/2/EG des Rates vom 20. Januar 1997 zur Änderung der Richtlinie 91/629/EWG über Mindestanforderungen für den Schutz von Kälbern, Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften, Nr. L 25, S. 24-25